L. Sonntag mit Proust (am Montag)

Marcel Proust über den Wandel der Zeit und deren Effekt auf unsere Persönlichkeitsentwicklung, über Wünsche hin zu einem alternativen, unveränderlichen Sein, in dem alles bliebe, wie es war und die Unmöglichkeit dessen:

„Wir wünschen uns leidenschaftlich, es möchte ein anderes Leben geben, in dem wir dieselben bleiben, die wir hienieden gewesen sind. Aber wir bedenken nicht, daß wir, sogar ohne erst auf dieses andere Leben zu warten, schon in diesem hier nach einigen Jahren dem untreu werden, was wir gewesen sind und was wir selbst in der Unsterblichkeit noch wiederfinden wollten. Doch selbst wenn wir nicht voraussetzen, daß der Tod uns stärker verändert als die Wandlungen, die sich im Laufe unseres Lebens vollziehen, würden wir uns in jenem anderen Sein, sobald wir dem Ich begegneten, das wir gewesen sind, von ihm abwenden wie von Personen, mit denen wir zwar befreundet waren, die wir aber längere Zeit nicht gesehen haben.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.2: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 357 f.

XLVII. Sonntag mit Proust: Klavierklänge

„Ich ging in mein Zimmer hinauf, aber ich war dort nicht allein. Irgend jemand spielte Stücke von Schumann mit viel Gefühl. Gewiß kommt es vor, daß andere Menschen, sogar diejenigen, die wir am meisten lieben, uns mit der Trauer oder Gereiztheit getränkt erscheinen, die unserem eigenen Inneren entströmt. Trotzdem gibt es etwas, was eine Macht besitzt, zur Verzweiflung zu treiben, die nie ein Mensch erreichen wird: das ist ein Klavier.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 262.

 

XLVI. Sonntag mit Proust

„Die völlige Kompaß- und Direktionslosigkeit, welche das Warten charakterisiert, hält nach der Ankunft des erwarteten Wesens noch vor und hindert uns, da sie an die Stelle der Beruhigung tritt, um derentwillen uns im Voraus das Kommen der Ersehnten als ein Vergnügen erschien, ein solches überhaupt zu empfinden.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 163.

XLIV. Sonntag mit Proust: Der Tod in der Frau

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Félicién Rops: The Dance of Death, o.J.

„»Adieu, ich habe kaum mit Ihnen gesprochen, aber so ist es nun einmal in der Welt, man sieht sich nicht, man sagt sich nicht, was man sagen möchte; im übrigen ist es überall im Leben das gleiche. Wir wollen nur hoffen, daß es nach dem Tode besser eingerichtet ist. Auf alle Fälle hat man dann nicht mehr nötig, eine dekolletierte Robe anzuziehen. Aber wer weiß? Vielleicht wird man bei großen Festen seine Gebeine und seine Würmer zur Schau stellen. Warum auch nicht? Da, sehen Sie nur die alte Rampillon an, finden Sie, daß ein großer Unterschied zwischen ihr und einem Skelett in ausgeschnittenem Totenhemd besteht? Allerdings hat sie ja auch ein Recht darauf, denn sie muß allermindestens hundert Jahre alt sein. Sie war schon eines jener geheiligten Ungeheuer, vor denen ich mich zu verneigen weigerte, als ich noch Debütantin war. Ich hielt sie bereits seit langem für tot, das übrigens wäre die beste Erklärung für das Schauspiel, das sie uns hier bietet. Es hat etwas Eindrucksvolles an sich, etwas Liturgisches, Campo-Santohaftes!«“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 122.

XLIII. Sonntag mit Proust: Über Zeitgeist

„Die Gleichheit der verschwebenden Grußformen der Herzogin von Lambresac mit denjenigen der Freundinnen meiner Großmutter hatte angefangen mich zu interessieren, da sie mir zeigte, daß in engen und geschlossenen Milieus, ob sie nun dem Kleinbürgertum oder dem hohen Adel angehören, die alten Manieren noch erhalten geblieben sind und uns auf diese Weise wie einem Altertumsforscher ein Bild davon geben, welches die Erziehung und der in ihr sich widerspiegelnde Seelenanteil zur Zeit des Vicomte d´Arlincourt und der Loisa Puget gewesen sein mögen. Besser noch rief mir jetzt die vollkommene äußere Gleichheit zwischen einem Kleinbürger aus Combray derselben Altersklasse und dem Herzog von Bouillon (…) in die Erinnerung zurück, daß die gesellschaftlichen oder auch individuellen Unterschiede in der Uniformierung einer Epoche verschwinden. In Wahrheit ist es so, daß die Ähnlichkeit der Kleidung und auch der Widerschein des Zeitgeistes auf dem Antlitz einer Person einen viel wichtigeren Platz einnehmen als die Kaste, die einen großen Raum nur in der Eigenliebe des Betreffenden und der Einbildung der anderen beansprucht; wer also sich darüber klarwerden will, daß ein großer Herr aus der Zeit Louis-Philippes weniger verschieden von einem Bürger aus der Zeit Louis-Philippes ist als von einem großen Herrn aus der Zeit Ludwigs XV., braucht nicht erst die Galerien des Louvre zu durchmessen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 119.

XLII. Sonntag mit Proust: Man halte sich lieber an tote Autoren

„Ungewiß, ob Ibsen oder d´Annunzio tot oder lebendig waren, sah er schon, wie Schriftsteller und Dramaturgen seiner Frau Besuche machten und sie in ihren Werken nannten. Die Angehörigen der großen Welt stellen sich Bücher gern wie eine Art Würfel vor, deren eine Fläche man abgenommen hat, so daß nun der Autor nichts Eiligeres zu tun hat als die Personen, die er trifft, in sie „hineinzutun“. Das ist offenbar illoyal, aber sie sind ja auch nur Leute von geringer Bedeutung. Gewiß wäre es nicht übel, sie „en passant“ kennenzulernen; denn dank ihnen kann man, wenn man ein Buch oder einen Artikel liest, den anderen „in die Karten“ schauen oder „ihr wahres Gesicht“ hinter der Maske erspähen. Dennoch ist es klug, sich lieber an tote Autoren zu halten.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 98.

XLI. Sonntag mit Proust: Über Erinnern, Gedächtnis und Vergessen

Am heutigen Sonntag bin ich bei meiner Proust-Lektüre auf eine in zweifacher Hinsicht besondere Textstelle gestoßen. Zum einen geht es um wahrscheinlich DAS Proust-Thema schlechthin: Erinnerung, Gedächtnis und Vergessen am Beispiel von Veranstaltungen, bei denen man bekannte Menschen (wieder) trifft und sich der Herausforderung gegenübergestellt sieht, sich ihrer Namen zu erinnern.

Zum anderen taucht aus dem Text heraus die Erzählerstimme auf und spricht den Leser an. Mehr noch: Es wird ein erdachter Dialog zwischen Leser und Erzähler kreiert, indem der Leser den Autor / Erzähler kritisiert und sogar auf die mögliche Übereinstimmung beider anspielt. Herrlich! Lest selbst:

„So groß ist die Feigheit der Weltleute.
Diejenige einer Dame, die mich mit meinem Namen begrüßte, war jedoch noch größer. Ich versuchte, den ihren wiederzufinden, während ich mich mit ihr unterhielt. Ich erinnerte mich sehr wohl, daß ich mit ihr diniert hatte, und fand in meinem Gedächtnis auch die Worte, die sie gesagt hatte. Aber meine Aufmerksamkeit, die sich ganz auf jene Region meines Inneren konzentrierte, in der sich diese Erinnerungen an sie befanden, vermochte gleichwohl ihren Namen nicht wieder zu ermitteln. Dennoch war er da. Mein Denken hatte sich auf eine Art von Spiel mit ihm eingelassen, bei dem es sich darum handelte, allmählich die Konturen, dann seine Anfangsbuchstaben zu erfassen und ihn schließlich ganz und gar in mir aufzuhellen. Es war vergebliche Mühe. Ich verspürte ungefähr seinen Umfang, sein Gewicht, aber was seine Form anlangte, so mußte ich mir, wenn ich sie mit dem düsteren Gefangenen, der sich im Dunkel meines Inneren barg, verglich, immer wieder sagen: „Der richtige ist das noch nicht.“ Gewiß hätte mein Geist die schwierigsten Namen schaffen können. Leider aber handelte es sich nicht darum zu schaffen, sondern zu reproduzieren. Jede Tätigkeit des Geistes ist leicht, wenn sie nicht der Wirklichkeit untergeordnet werden muß. (…) Weiterlesen

XXXVII. Sonntag mit Proust

„Ein anderer wird Ihnen vielleicht eines Tages seine Sympathie anbieten, wie ich es getan habe. Möge das gegenwärtige Beispiel Ihnen als Lehre dienen. Gehen Sie nicht daran vorbei. Eine Sympathie ist immer eine Kostbarkeit. Was man allein im Leben nicht vollbringt, weil es Dinge gibt, die man aus sich selbst weder erstreben, noch tun, noch wollen, noch erlernen kann, vermag man zu mehreren.

(…)

Wir fühlen uns durch jedes Leben angezogen, das für uns etwas Unbekanntes darstellt, durch eine alte Illusion, die erst noch zerstört werden muß.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 745 u. 747.

XXXVI. Sonntag mit Proust

„Allmählich bedeckten sich die Räume meines Gedächtnisses in dieser Weise mit Namen, die sich ordneten und zusammenfügten in Beziehung zu anderen, und untereinander immer zahlreichere Verknüpfungen eingingen, so daß sie jene vollendeten Kunstwerke nachahmten, in denen kein einziges Tüpfelchen nur für sich besteht, sondern jeder Teil abwechselnd von den anderen her seinen Daseinsgrund erhält wie er andererseits den ihrigen bestimmt.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 708.

XXXII. Sonntag mit Proust

„Aber es gab noch eine andere Ursache, die ich mir, da ich zu jener Zeit mehr Bücher als Menschen und die Literatur besser als die Gesellschaft kannte, erklärte, in dem ich mir vor Augen stellte, daß die Herzogin, die ganz in diesem Leben der Gesellschaft aufging, dessen Tatenlosigkeit und Unfruchtbarkeit zu einem wirklichen Leben unter Menschen in dem Verhältnis stehen wie in der Kunst die Kritik zum Schöpfertum, wohl auf die Personen ihrer Umgebung die Wandelbarkeit der Gesichtspunkte, die ungesunde Sucht übertrug, mit der jemand auf der Suche nach Möglichkeiten allzu trockene Gemüter aufzufrischen, nach irgendeinem noch einigermaßen neuen Paradoxon greift und sich deshalb nicht geniert, einen frischen Wind durch Äußerung der Meinung aufzubringen, die schönere „Iphigenie“ sei die von Piccini und nicht dir von Gluck, notfalls auch, daß die wahre „Phädra“ die von Prado sei.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 621.