XXX. Sonntag mit Proust: Über das Sehen

Marcel Proust (1871-1922) schreibt in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ anhand des fiktiven Malers Elstir, der oder dessen Bilder immer wieder im Roman auftauchen, über das Sehen an sich. In unsere Sehgewohnheiten spielt ihm zufolge immer die Erinnerung an Bekanntes, immer auch die Vernunft mit ein, sodass wir uns nicht frei auf das Sehen (von Bildern) einlassen können. Und zugleich trügt uns unser Eindruck zuweilen und wir erliegen einer Illusion, bis sich die Vernunft einschaltet.
Das was man weiß beim Sehen außen vor zu lassen, sich gleichsam zu einer tabula rasa zu machen, das kann ein Ziel sein; ob es gelingt, sei dahingestellt…

Doch als ich mich nun wirklich im Angesicht der Bilder von Elstir befand, vergaß ich völlig die Stunde des Mahls; wie in Balbec hatte ich wieder die Fragmente dieser Welt mit ihren unbekannten Farben vor mir, die nur die Projektion gemäß der ganz besonderen Sichtweise des großen Malers waren, welche seine Worte keineswegs vermittelten. Weiterlesen

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XXIX. Sonntag mit Proust

Wir sind so erstaunt, bei Barden der Vorzeit moderne Ideen zu finden, daß wir in Bewunderung ausbrechen, wenn wir in dem, was wir für eine alte gälische Dichtung halten, einer Idee begegnen, die wir bei einem Zeitgenossen höchstens ganz geistreich gefunden hätten. Ein begabter Übersetzer braucht einem alten Autor, den er mehr oder weniger treu rekonstruiert, nur Stücke hinzuzufügen, die, mit dem Namen eines Zeitgenossen gekennzeichnet und für sich allein gedruckt, bestenfalls leidlich angenehm schienen: sofort verleiht er seinem Autor damit tiefbewegende Größe, da dieser nunmehr eine Tonskala aus mehreren Jahrhunderten zum Erklingen bringt.(…)
Die Vergangenheit entflieht nicht, sie bleibt und verharrt bewegungslos.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

XXVI. Sonntag mit Proust: Von der Freundschaft

Ich habe schon gesagt (und gerade Saint-Loup hatte mir, ohne es zu wissen, in Balbec zu dieser Erkenntnis verholfen) was ich von der Freundschaft halte, nämlich so wenig, daß ich nur mit Mühe begreifen kann, daß große Geister, zum Beispiel Nietzsche, die Naivität besessen haben, ihr einen gewissen intellektuellen Rang zuzubilligen und infolgedessen sich Freundschaften zu versagen, die nicht auf geistiger Wertschätzung beruhten. Mir ist es immer erstaunlich gewesen zu sehen, wie ein Mann, der die Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber so weit trieb, daß er sich aus Gewissensbedenken von der Musik Wagners lossagte, meinen konnte, die Wahrheit werde sich in wesensmäßig so verworrenen und unangemessenen Ausdrucksformen verwirklichen, wie es das Handeln im allgemeinen und im besonderen Freundschaften sind, und es könne irgendeinen Sinn haben, daß man seine Arbeit verläßt, um auf die irrige Nachricht vom Brand des Louvre einen Freund aufzusuchen und mit ihm zu weinen. Weiterlesen

XV. Sonntag mit Proust

Die Diplomaten wissen, daß in der Waage, in der jenes europäische oder sonstige Gleichgewicht hergestellt wird, das man den Frieden nennt, gute Gefühle, schöne Reden und Beteuerungen äußerst wenig bedeuten und daß das eigentliche, entscheidende Gewicht bei anderen Dingen liegt, zum Beispiel in der Möglichkeit, die der Gegner, je nachdem er stark genug ist, hat oder nicht hat, auf dem Wege des Tausches einen Wunsch zu erfüllen. Diese Art von Wahrheiten, die ein so vollkommen selbstloses Wesen wie meine Großmutter nie begriffen hätte, war etwas, womit Monsieur de Norpois und der Fürst schon oft zu tun gehabt hatten. Als Geschäftsträger in Ländern, mit denen wir um ein Haar in kriegerische Verwicklungen geraten wären, hatte Monsieur de Norpois in seiner Sorge um die Entwicklung der Dinge genau gewußt, daß nicht die Wörter „Krieg“ oder „Frieden“ entscheidende Hinweise enthalten, sondern irgendein anderes, scheinbar ganz banales, das aber allen Schrecken oder Segen in sich birgt, das der Diplomat mit Hilfe seines Chiffresystems auf der Stelle enträtseln und auf das er, um die Würde Frankreichs zu wahren, durch ein anderes ebenso banales Wort antworten muß, unter dem aber der Minister des feindlichen Landes auf der Stelle die Lettern „Krieg“ erkennen würde.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

XII. Sonntag mit Proust

Doch die Liebe hat schon etwas Mysteriöses an sich, fuhr die Herzogin mit dem zarten Lächeln der liebenswürdigen Frau von Welt fort (…). Im übrigen weiß man doch nie, warum eine Person eine andere liebt. (…) Man weiß ja überhaupt nie etwas Gewisses, schloß sie mit einem skeptischen und müden Ausdruck im Gesicht. Es ist einfach eine Frage der Intelligenz, daß man die Wahl von Liebenden gar nicht erst diskutiert.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

Über Blaustrümpfe und Frivolität: der X. Sonntag mit Proust

„Blaustrumpf; gelehrt wirkende Frau, die zugunsten der geistigen Arbeit die vermeintlich typisch weiblichen Eigenschaften verdrängt hat. Gebrauch: meist abwertend.“
Quelle

Doch auch ein Werk, das sich nur an ungeistige Themen hält, ist in sich selber immer noch ein Erzeugnis der Intelligenz, und um in einem Buche oder einem oberflächlichen Gespräch – das nichts so grundsätzlich anderes ist – den vollendeten Eindruck der Frivolität hervorzubringen, bedarf es einer Dosis Ernst, deren eine ausschließlich oberflächliche Person gar nicht fähig wäre. Weiterlesen

Sonntag mit Proust VI

Der Erzähler macht die Erfahrung des Telefonierens – die Stimme einer entfernten Person zu vernehmen ohne räumlich bei ihr zu sein. Proust beschreibt das Phänomen der Differenz zwischen Nähe und Distanz. Zugleich lässt die Stimme des geliebten Menschen (in diesem Fall die Großmutter) den Erzähler an die ewig währende Abwesenheit derjenigen, also ihren Tod, denken.
Die Szene eines für uns völlig alltäglichen Vorgangs hat bei Proust etwas Geisterhaftes. Die abbrechende Telefonverbindung bewegt den Erzähler dazu, sich schnellstmöglich von der Kaserne in Doncière, wo er seinen Freund Robert Saint-Loup besucht, nach Paris zu seiner Großmutter zu begeben. In diesem Zusammenhang frage ich mich einmal mehr, wie alt der Erzähler in Band 3.1 wohl sein mag. Im Bezug auf den ersten Teil stellte sich auch Atalante in ihrem Blog diese Frage. Zum einen wirkt er in der Telefonszene sehr jung, zum anderen würde sich kaum ein z.B. Zwölfjähriger in eine Kaserne begeben um dort intellektuelle und politische Gespräche zu führen. Macht euch selbst einen Eindruck: Weiterlesen

Sonntag mit Proust V

Man legt Schweigen gern als Stärke aus, in einem ganz anderen Sinne stellt es sogar eine furchtbare Macht in den Händen derjenigen, die geliebt werden, dar. Es steigert die Angst des Wartenden. Nichts lädt so sehr dazu ein, sich einem Wesen zu nähern, als gerade das, was einen von ihm trennt, und welche unüberschreitbarere Barriere gibt es als das Schweigen? Man hat auch gesagt, daß Schweigen eine Qual bedeute und imstande sei, denjenigen, der im Gefängnis dazu verurteilt ist, um den Verstand zu bringen. Doch welche Qual – noch größer als Schweigen – besteht darin, es von der Seite des geliebten Wesens ertragen zu müssen! (…)
Schlimmer übrigens als das Schweigen im Kerker, kann ein solches Schweigen selbst zum Kerker werden. Wie eine Mauer, wenn auch immateriell, so doch undurchdringlich, liegt eine Zone leerer Luft vor dem Verlassenen, die der Strahl eines Blicks nicht zu überwinden vermag. Kann eine Abwesende überhaupt in einem fürchterlicheren Licht erscheinen als in dem des Schweigens, das sie uns in tausend Gestalten zeigt, die alle eine andere Art von Verrat an uns üben?

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

Sonntag mit Proust IV

Anhand folgenden Zitats möchte ich euch diesen Sonntag an der wunderschönen Fähigkeit Prousts, Stimmungen und Umgebungen zu beschreiben, teilhaben lassen.
Aus seinen Worten spricht eine damalige Zeit, die sich verändert („Sparkasse“!) zu mir, das Vermögen der intensiven Wahrnehmung und auch eine pulsierende Lebendigkeit.

Eine solche Flut von Leben durchströmte mich dann, daß keine meiner Bewegungen sie zu erschöpfen vermochte; jeder meiner Schritte schnellte aus der Berührung mit dem Straßenpflaster elastisch zurück, ich meinte die Flügelschuhe Merkurs an den Füßen zu haben. Eine der Fontänen war noch von rötlichem Schimmer durchwebt, während in der anderen das Mondlicht dem Wasser bereits eine opalene Tönung gab. Zwischen ihnen trieben sich spielende Gassenjungen umher, sie schrien und lärmten und beschrieben Kreise, wobei sie offenbar wie Mauersegler oder Fledermäuse einem bestimmten Gebot dieser Stunde folgten. Weiterlesen