Der philosophische Mittwoch: Rainer Maria Rilke über Bücher und Bilder

Nur der kann wirklich über ein Buch oder ein Bild klar sein, der es besitzt. Gelegentlich gesehene Galeriebilder verwirren. Wir nehmen in den Augen neben ihnen – selbst wenn sie in einem Raume isoliert hängen – den Eindruck dieses fremden Raumes, irgendeine Geste des Galeriedieners und vielleicht überdies die Erinnerung an einen Geruch mit, der nun in ungerechter Weise unser Gedenken aufdringlich begleitet. Das alles, welches unter bestimmten Umständen als eine Ergänzung der Stimmung wirken könnte, ist in seiner grausamen Stillosigkeit und Zufälligkeit brutal.(…)

Bei Büchern ist das ganz ebenso. Ein mir gewohntes Exemplar erzählt mir seine Sache mit aller Vertraulichkeit. Je öfter ich es benütze, je näher liegt es mir, ihm einfaml die Geschichte zu erzählen, während es den Zuhörer spielt. Ein befreundetes Buch geht gern und willig diesen munteren Wechsel ein, und es erwachsen gar schöne Situationen daraus. Mit der Zeit steht in dem Buch das Zehnfache von dem, was es wirklich gedruckt enthält; ich lese miene eigenen Erinnerungen und Gedanken immer wieder mit. Es ist nicht mehr in dem Deutsch von dem und jenem geschrieben, es ist mein ureigenstes Idiom. Aber dasselbe Buch in einer anderen Ausgabe ist wie ein Mensch, der mir irgendwo in der Fremde begegnet und von dem ich kaum zu sagen weiß, ob er mir nur vom Vorübergehen oder vom Verkehr bekannt sei.

Rainer Maria Rilke: Tagebücher, 54-56, in: Herbst. Insel Verlag Frankfurt 2007

Es ist Herbst und ich empfehle … Rainer Maria Rilke

Blätterfall, rauer Wind, grauer Himmel oder Sonnenschein durch buntes Laubwerk, kühle Abende und laue Nachmittage, Wolkenbruch und nieselnder Regen – in Berlin wird Herbst und das finde ich wunderschön. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der ich geboren wurde und seltsamer Weise fühle ich mich diesem sehr verbunden. Meine Blicke baden im Farbenmeer des sich rot-orange-gelb-purpur einfärbenden Laubes und die kräftigen Windböen wirbeln neue Gedanken durch meinen Kopf und vertreiben die alten.

Der Herbst ist Melancholie und Einkehr aber auch Erneuerung für mich und er zeigt mir, dass alles, was im Sommer in voller Blüte stand, einmal vergeht und sich wandelt. Er ist für mich auch irgendwie der poetischste Monat, weil seine kräftigen Farben und seine ganz eigene dunkle Energie viel Kreativität und Schöpferisches hervorbringen kann. Daher lese ich im Herbst auch besonders gern Lyrik. Die emotionale Vielfalt und verzweifelte Stärke des Herbstes haben schon viele Autoren inspiriert diese in lyrischen Bildern einzufangen. Diese Jahreszeit animiert ungemein, die eigenen Empfindungen in Worte zu kleiden und das Innere nach außen zu kehren … Weiterlesen