Zadie Smith: „NW“, 2012

NW

Wenn ich reise, lese ich gern unterwegs einen zum Reiseort passenden Roman. Anlässlich eines kurzen London-Trips mit Katja las ich Zadie Smith´s „NW“ auf Englisch, während sie sich dem Klassiker „Mrs. Dalloway“ widmete.

The fat sun stalls by the phone masts.“ / „Die pralle Sonne trödelt bei den Telefonmasten.“ (erster Satz)

Zadie Smith, selbst in London North-West geboren und aufgewachsen, ermöglicht einen komplett untouristischen, detailreichen und sprach-experimentellen Einblick in das Londoner (Randbezirk-) Leben. Vier Figuren werden umrissen und man liest von einem Stück ihres Lebens, lauscht ihren Dialogen, sieht ihnen zu, erlebt verschiedene Zeitspannen, die sich je nach Figur unterscheiden. Alle vier, Leah, Felix, Natalie und Nathan, sind im gleichen Stadtteil aufgewachsen, bringen unterschiedliche kulturelle Hintergründe mit, und haben zwar die gleiche Schule besucht, entwickeln sich dann aber in ganz verschiedene Richtungen. Weiterlesen

@bout John Irving: „Witwe für ein Jahr“ (1998)

John Irving_Witwe für ein Jahr

„Witwe für ein Jahr“ von John Irving ist für uns dieses Mal der Roman, mit dem wir uns beschäftigt haben. Es geht um die Familie Cole, in die Edward O´Hare durch einen Ferienjob hineingerät. Er beginnt als Teenager ein Verhältnis mit Marion Cole, einer wesentlich älteren Frau, die mit Ted Cole verheiratet ist. Deren Ehe ist aber seit dem Tod ihrer zwei Söhne stark von der Trauer beeinträchtigt. Darüber hinaus ist der Autor Ted Cole hinter weiblichen Wesen her, wie ein Löwe hinter seiner Beute. Und dann gibt es noch seine Tochter Ruth Cole, die später Schriftstellerin wird. Um sie und ihr Leben bzw. ihre Wiederbegegnung mit Edward geht es im Hauptteil. Der Roman ist sehr vielfältig, es geht nicht nur um Familienverhältnisse und Liebe, sondern auch um Verlust, den Umgang mit dem Tod und das Schriftstellerdasein bzw. darum, wie ein Roman entsteht. 

Laura: Für mich war es mein „erster Irving“. Was ist dir an dem Roman besonders aufgefallen?

Katja: Ich habe 2006 schon „GARP und wie er die Welt sah“ gelesen und war davon beeindruckt, welch unterhaltsamer und origineller Erzähler John Irving ist. Er erschafft ganz eigene Figurenwelten, zieht einen beim Erzählen direkt hinein in die Figurenwelt und in die Geschichte. Auch in „Witwe …“ empfinde ich das ähnlich. Ich habe das Gefühl, manche Eigenschaften von Figuren kehren wieder. Man könnte es ein irvingssches Stereotyp nennen. Man erinnert sich an die Figuren gut. Mir persönlich ist beim Lesen von Irvings Romanen aufgefallen, dass ich mich nicht mit seinen Figuren identifizieren kann oder diese besonders mag. Sie erscheinen mir so fern, so konstruiert, so fantastisch… Ich kann mich mit ihren Verhaltensweisen nicht identifizieren, aber das muss ich auch nicht. Will heißen – Irving schafft es mich im Leben von völlig fremden Menschen befinden zu lassen und das Gefühl zu haben, mitten drin zu sein ohne direkt zu verstehen oder zu mögen, was da passiert …

Laura: Vielleicht liegt es daran, dass ich Irving zuvor noch nicht gelesen habe, aber mich hat „Witwe…“ stark fasziniert. Natürlich ist es kein Kriterium für ein „gutes Buch“ (was immer das auch sein mag), ob man sich mit einer Figur identifizieren kann. Ich finde das gar nicht schlimm. Mich hat die Geschichte selbst auch enorm in ihre eigene fiktive Welt hineingezogen, da gings mir wie dir. Dabei konnte ich mich aber schon ein wenig mit Ruth anfreunden, bzw. war sie mir als Figur sympathisch. Ich fand sie gar nicht sonderlich konstruiert sondern ziemlich authentisch (alle Figuren).

Was mir besonders auffiel, ist, wie vielschichtig die Geschichten im Roman sind. Irving spricht soviele Ebenen und Themen an und reflektiert währenddessen darüber, ohne dass die Figuren an Intensität verlieren. Wenn ich an das Buch zurückdenke, sind mir meine mentalen Bilder noch sehr präsent in Erinnerung. Ist dir die Reflektion über das Schreiben und Entstehen eines Romans auch so aufgefallen?

Katja: Ja natürlich, auf der Metaebene geht es auch viel um das Schriftstellerleben und was es bedeutet, einen Roman zu schreiben. Ruth Cole, die „Witwe für ein Jahr“ begleitet man auf Lesereisen, Lesungen, Verlagsveranstaltungen durch die Welt. Das fand ich spannend. Auch das Thema „Fiktion vs. Authentizität“, das du schon mal kurz angesprochen hattest, finde ich spannend. Ist ein Roman irgendwie immer autobiographisch? Diese Frage beschäft Irving ja stark, da viele Leser in seinen Romanen Autobiographisches vermutet und hineingelesen haben. Im Nachwort zu Garp zur dt. Auflage Nr. 44 (!!!) schreibt er 1998: „Ein Erwachsener, der einen Roman liest, sollte wissen, worum es in dem Buch geht; ein Erwachsener sollte auch wissen, daß es nicht darauf ankommt, ob ein Roman autobiographisch ist oder nicht – es sei denn, dieser vermeintliche Erwachsene ist hoffnungslos naiv oder sonstwie unbedarft in der Welt der Literatur.“ =)

Laura: Definitiv ganz spannender Gegensatz bei Irving; Fiktion vs. Authentizität! Das hat mich auch sehr beeindruckt, wie er damit umgeht. Zum einen gibt es Stellen, an denen seine Figuren über Fiktion nachdenken, z.B. hier: „Als Romanautorin widerstrebte es ihr, über lebende Personen zu schreiben; sie empfand es als mangelnde Phantasie, denn jeder Romanautor, der diese Bezeichnung verdient, muß imstande sein, Figuren zu erfinden, die interessanter sind als ihre lebenden Vorbilder.“ (S.322) Und dann sind da noch so eingeflochtene Parallelen zu seinem eigenen Leben, wie die Tatsache, dass das Kapitel seines Romans „Die blaurote Luftmatratze“ von Ruth Cole (also seiner Romanfigur) verfasst wurde und in der Süddeutschen Zeitung erscheint; gleichzeitig im Dankwort vor dem Roman darauf hingewiesen wird, dass eben dieses Kapitel in eben dieser Zeitung 1994 erschien. Kein Wunder, dass manche Leser seine Romane für autobiografisch halten. Diese Schnittstellen und Schwellenebenen haben ihn Ende der 90er offenbar stark beschäftigt.

Katja: Nochmal was Generelles, damit das deutlich wird: Unstrittig ist John Irivng für mich auch ein großartiger Erzähler und ich hatte wieder großes Vergnügen beim Lesen eines Irvings. Sicherlich werde ich auch noch mehr von ihm lesen. Mit „Konstruiertheit der Figuren, so dass ich mich nicht mit ihnen identifizieren kann“ meine ich, dass er eine gewisse Dramatik in den Handlungsbeschreibungen und Lebenswegen einschlägt, die einfach so überraschend und einschneidend sind wie sie sich nur die kühnste Autorphantasie ausmalen kann. Darin liegt seine Stärke. Irving ist ein Maler, er malt Szenen, in die man eintaucht, er entführt den Leser in eine skurrile Figurenwelt, die man intensiv miterlebt. Das meine ich mit „konstruiert“. Da sind wir wieder bei der Begrifflichkeit Authentizität. Was heißt denn das, wenn eine Figur authentisch ist? Das man sich vorstellen kann, dass es sie in der „Realität“ geben kann und sie sich genauso verhalten könnte? Authentizität hängt ja auch immer davon ab, was ich mir selbst alles vorstellen kann und was ich selbst schon erlebt habe. Nehmen wir einen Menschen, der nichts erlebt hat – weder Tod, noch Liebe noch Leid – welche Handlungen in einem Roman wären denn dann „authentisch“? Ich halte das für einen schwierigen Begriff, der auf fiktionale Handlungen nicht wirklich gewinnbringend angewendet werden kann. Will heißen – er führt zu nichts.

Ich halte den Gegensatz von Authentizität und Fiktion für ein Konstrukt.

Laura: Hmm, ist ja interessant, dass du selbst den Begriff dann verwendest im Gegensatzpaar. Ich finde das Thema total spannend, und hatte nach meiner Irving-Lektüre auch mal eingehender darüber nachgedacht. Gibt es überhaupt einen Menschen, der nichts erlebt hat und somit auf keine Erfahrungen zurückgreifen kann? Und: Für mich ist etwas (wie eine Figur) authentisch, wenn sie nachvollziehbar handelt und es sie so in der Realität auch geben könnte, genau. Das heißt aber nicht unbedingt, dass ich das wiederum selbst erfahren haben muss um es mir vorstellen zu können… dann könnte ja auch ein Autor nur über Mord schreiben, wenn er selbst einen erlebt hat. Aber gut, das führt jetzt zu weit weg…

Andere Frage noch zu etwas, das mir stark auffiel in „Witwe für ein Jahr“: Wie gings dir mit dieser krassen Konfrontation Ruth Coles mit dem Tod ihrer Brüder durch wändeweise Fotos und dem Fahrtraining durch ihren Vater? Ich fand das sehr einprägsam und heftig, so mit Trauer umzugehen über Jahre hinweg.

Katja: Mit dem Gegensatzpaar beziehe ich mich ja nur auf deinen damaligen Artikel … Aber zu deiner Frage – Da stimme ich dir zu. Diese Fotografien an den Wänden, mit denen die Trauer verarbeitet wird, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Ich erinnere mich jetzt noch gut an das Foto „mit den Füßen“, wo beide Söhne mit der Mutter auf einem Bett unter der Decke liegen und nur die Füße schauen raus. Irving beschreibt es so eindrücklich, dass ich das Gefühl habe, es gesehen zu haben. Das macht seine große Erzählkunst aus.

Wie emfandest du denn die Sexszenen? Ich habe den Eindruck Sex in all seinen Spielarten ist ein wichtiges Thema bei Irving.

Laura: Stimmt, dieses Foto mit den Füßen kam so eindrücklich und häufig vor im Buch, dass ich es auch meine, selbst gesehen zu haben. Das ist toll, wenn ein Autor sowas schafft! Wahre Erzählkunst. Und du hast Recht, Sex spielt auch eine große Rolle. Nicht nur deshalb, weil der Roman teils in Amsterdam im Rotlichtmilieu spielt. Obwohl ich es nicht zuuviel fand, was manche ja bei Irving kritisieren. Es ist natürlich ungewöhnlich, so ausführlich über Sex mit einer wesentlich älteren Frau zu lesen, aber ich fands (mit einem gewissen Befremden) auch spannend.

Katja: Genau das meine ich auch mit der Identifikation, Konstruiertheit und Sympathie. Ich tauche als Leser in Irvingsche Figurenwelten, die teilweise so eigen und absonderlich sind, so zutiefstmenschlich und fast schon überdramatisch menschlich, das heißt, sie erleben die Klaviatur der menschlichen Emotionen. Ein wahres emotionales Fest könnte man sagen. Man kommt nicht immer mit, man ist überrascht, man fremdelt, man ist fasziniert. Jeder Leser sicherlich mit seinem eigenen Erfahrungshorizont. Irving unterhält einen nicht nur, er inszeniert. Vielleicht beschreibt das am besten meinen Leseeindruck. Übrigens sind Irving-Verfilmungen auch sehr zu empfehlen. Von Garp und wie er die Welt sah“, „Das Hotel New Hampshire“ und „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ gibt es tolle Verfilmungen.

Laura: Ich verstehe, was du meinst. Man taucht komplett in die Irvingssche Erzählwelt ein und muss sich erstmal schütteln, wenn man daraus hervor wieder in den eigenen Alltag auftaucht. Mich hat das stark beeindruckt und ich will unbedingt noch mehr von ihm lesen. Er hat auch schon seinen Platz im Regal meiner „Lieblingsautoren“. Liebe auf den ersten Roman, wenn man`s pathetisch mag 😉 Und ein guter Tipp mit den Verfilmungen, das werd ich mir mal merken!

John Irving: „Witwe für ein Jahr“, 1998 erschienen bei Diogenes.

>>> Interessantes Interview mit John Irving zu seinem letzten Roman „In einer Person“

Philip Roth: „Mein Leben als Mann“, Roman (1974)

Philip Roth ist mein Picasso. Ich bin der Ansicht, man kann jemandes Werk wertschätzen, ohne es zu lieben. Ein Roman oder ein Gemälde kann (kunst-/literatur-) historisch bedeutend sein, ein Spiegel seiner Zeit und des jeweiligen Zeitgeistes, sowie ein Monument im Schaffen des Autors oder Künstlers sein. Es gibt Werke, die ich aufgrund dieser Merkmale achte und schätze – nicht aber zu meinen ganz persönlichen „Lieblingen“ zähle, die mich bewegten, Fragen in mir aufwarfen, meine Weltsicht veränderten oder mich einfach nur richtig gut unterhielten. Diese Unterscheidung mache ich in der Kunst z.B. bei Picasso. In der Literatur bei Philip Roth.

Mein Leben als Mann„Mein Leben als Mann“ erschien erstmalig bereits 1974 in englischer Ausgabe und zählt zu den Schlüsselwerken von Philip Roth: „Es versammelt all die Themen und Motive, denen Roth bis heute treu geblieben ist, bis zu seinem gefeierten Meisterwerk „Der menschliche Makel“: Sexus, erotische Obsessivität, Don Juanismus, Geschlechterkampf, misslingendes Leben, Schriftstellerei, intellektuelles Judentum, Psychoanalyse, akademisches Milieu.“ (Ursula März auf dradio.de) Weiterlesen