Unser persönlicher Jahresrückblick in Büchern

Es ist wieder soweit: Das Jahr 2014 geht zu Ende und wir blicken auf ein Jahr voller großartiger oder auch enttäuschender Leseerlebnisse zurück. Aus über 84 Büchern, die wir dieses Jahr gelesen haben, suchen wir die für uns persönlich am interessantesten oder ernüchterndsten heraus und ziehen hier ein Resümee. Nicht jedes Buch war ein Lesevergnügen, aber wir haben viel daraus gelernt. Es bleiben am Ende nur unsere persönlichen Eindrücke. Möge sich jeder Leser selbst eine Meinung bilden, uns widersprechen oder seinen Eindruck mit uns teilen.

Die 5 überzeugendsten Bücher des Jahres

P1050376… von Katja:

Siri Hustvedt: „Leben, Denken, Schauen“ (Essays)

Siri Hustvedt ist einfach eine großartige Autorin und hat mich auch mit ihren Essays total überzeugt. Denn sie verknüpft auf sehr unterhaltsame, kluge Weise literaturwissenschaftliche, soziologische, psychologische und philosophische Gedanken, die zum Nachdenken anregen und einen unheimlichen Wissensschatz beherbergen.

Aléa Torik: „Das Geräusch des Werdens“

Aléa Torik war für mich ja schon DIE Entdeckung des letzten Jahres und hält auch im zweiten Roman wieder, was ich erwartet habe. Ihr Debütroman über die Verflechtungen der Bewohner eines rumänischen Dorfes verknüpft Poesie und originelle Erzählkunst. Ein eindrucksvolles Leseerlebnis!

Jonathan Safran Foer „Extrem laut und unglaublich nah“

Die Geschichte des kleinen traurigen Oskars, der in New York nach dem 11. September seinen Vater sucht, hat mich nachdrücklich berührt. Jonathan Safran Foer gehört für mich zu meinen absoluten Lieblingsautoren, die ich jedem empfehlen würde.

Virginia Woolf: „Mrs. Dalloway“

Virginia Woolf ist als Frau und Schriftstellerin die Vorreiterin der modernen englischen Literatur. „Mrs. Dalloway“ ist literarisch und stilistisch großartig und sollte von jedem gelesen werden.

Ray Bradbury „Fahrenheit 451“

Dieser Klassiker der Science-Fiction-Literatur hat nicht unbedingt des höchsten sprachlichen Anspruch, ist aber vom Inhalt her wahnsinnig interessant und hochspannend: Eine frühe Dystopie über die moderne Unterhaltungsgesellschaft, die Bücher verbrennt und unter Strafe stellt und ihre Gesellschaft mit Drogen ruhig stellt.

 … von Laura:

Aléa Torik: „Aléas Ich“

Ein bemerkenswerter Roman über Fiktionalität, Stadtleben, Identität und das Spiel mit der Wirklichkeit. Die fiktive Autorin schreibt auf innovative und eindrucksvolle Weise über eine Figur ihres Namens und die Entstehung eines Romans, den der Leser in den Händen hält.

Hier der Link zu einem Interview von Katja mit Aléa Torik zum Roman.

David Foster Wallace: „In alter Vertrautheit“ (Stories)

Wer sich bisher noch nicht an David Foster Wallace herangetraut hat, findet in den Stories einen guten Einstieg: Es geht um skurrile Alltäglichkeiten, umfangreich recherchierte Details, schillernde Charaktere und das alles ist in einer postmodernen einfallsreichen Sprache verpackt.

Eine Besprechung zu zwei Storybänden von David Foster Wallace findet ihr hier.

Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“

Dieses Buch hat mich dieses Jahr ganz besonders bewegt. Es handelt sich um die gedruckte Form des Blogs, den Herrndorf hier veröffentlichte, ursprünglich um seine Freunde an seiner Auseinandersetzung mit der Diagnose Glioblastom teilhaben zu lassen.

An dieser Stelle findet er mehr meiner Eindrücke und Gedanken zum Buch.

David Mitchell: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“

Mitchell, der mich bereits durch seinen „Wolkenatlas“ beeindruckte, erzählt in diesem umfangreichen Roman von Niederländern im 18. Jahrhundert in Japan und die Geschichte Jacob de Zoets, der sich in die japanische Hebamme Orito verliebt. Eine klassisch-stringente Erzählung die eine große Sogwirkung entfaltet und die eine oder andere Überraschung bereithält.

Link zur Rezension des Buches

Siri Hustvedt: „The Blazing World“

Siri Hustvedt hat mich dieses Lesejahr nicht nur durch ihre Essays beeindruckt, sondern auch durch ihren jüngsten Roman, in dem es um die Künstlerin Harriet Burden geht, die ihre Werke von drei männlichen Stellvertretern ausstellen lässt. Wie häufig bei der Autorin geht es um Fragen der Identität, um den Kunstmarkt, Gender und Psychologie.

Link zur Rezension des Buches

Die 5 enttäuschendsten Bücher des Jahres

P1050377… von Laura:

David Wonschewski: „Geliebter Schmerz. Melancholien“

Geschichten, die die Melancholie und den Schmerz als wertvoll für das Leben und die menschliche Erfahrung erscheinen lassen wollen, die aber bemüht und teils klischeebelastet daherkommen, langweilen und letztlich belanglos bleiben.

Link zur Besprechung der Geschichten

Joel Haahtela: „Der Schmetterlingssammler“

Seichte Lektüre für zwischendurch, deren einziger Höhepunkt im Ende besteht, wenn es auf eine psychologische Erklärung der Handlung hinausläuft… Ansonsten: uninteressante Charaktere mit überstrapazierten Bildern (Schmetterlinge, altes, verlassenes Haus, Staub im lichtdurchfluteten Zimmer, geheimnisvolles Erbe…).

Edouard Lévé: „Selbstmord“

Ein Erzähler richtet sich in 2.Person Plural an jemanden, der sich umgebracht hat – das klang vielversprechend, besonders unter Berücksichtigung dessen, dass Lévé selbst sich nach Abgabe des Manuskripts umbrachte. Doch es geschieht nichts, man erfährt nicht viel über den Selbstmörder und sonderlich nah geht es leider auch nicht.

Pierre Michon: „Leben der kleinen Toten“

Michons kleine Geschichten von Menschen, die bereits tot sind, sind derart schwurbelig und „auf alt gemacht“ geschrieben, dass es nur langweilt, sie zu lesen. Ich musste das Buch, das ich für unseren Literaturkreis lesen wollte, aus Motivationslosigkeit leider abbrechen.

Helwig Arenz: „Der böse Nik“

In Arenz´ Debütroman geht es vorwiegend um Grenzüberschreitungen moralischer Art, Gesetzesbrüche und das Leben unter Drogeneinfluss. Das Buch liest sich unterhaltsam und bitterböse, und es weist einige wenige poetische Stellen auf, die aber für den krachenden, ereignisreichen Gesamtkontext zu leise sind, und darin untergehen.

Link zur Besprechung von mir auf „Das Debüt“

… von Katja:

David Mitchell „Der Wolkenatlas“

Leider für mich eine kleine Enttäuschung und nicht so überzeugend, wie es für Laura es war. Die Geschichte war für mich nicht rund, schlüssig und stringent erzählt und hat mich einfach nicht so gepackt.

Dave Eggers „Der Circle“

Dieser Roman über den Twitter-Facebook-Google ähnlichen Konzern „The Circle“, der als bahnbrechende Dystopie angekündigt wurde, fand ich völlig inspirationslos und überschätzt. Für mich leider ein enttäuschendes Leseerlebnis ohne Esprit, mit blassen Figuren und ohne wirklich stringenten moralischen Zündstoff.

Haruki Murakami „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“

Eigentlich mag ich Murakami sehr und war begeistert von „Naokos Lächeln“. Dieser jüngste Roman hat mich sprachlich und inhaltlich sehr enttäuscht, wegen seiner farblosen Figuren, überladen-erzwungenen Metaphern und unschlüssigen Figurencharakteristik sowie Handlung.

Gerbrand Bakker „Der Umweg“

Das im Rahmen eines Lesekreises gelesene Buch hat mich überhaupt nicht gepackt oder berührt und war daher ein überflüssiges Leseerlebnis. Sehr leise und still erzählt mit geringer Figurendramatik und seltsam-absurden Dialogen, ohne Sprachkunst.

J.M. Coetzee „Leben und Zeit des Michael K.“

Nobelpreisträger Coetzee konnte mich leider auch nicht überzeugen und der Sinn oder die Botschaft der Geschichte ließ sich für mich nicht erschließen. An den oft mit ihm verglichenen Franz Kafka kommt er meiner Meinung nach um Längen nicht heran.

*** Wir wünschen euch einen guten Start ins Lesejahr 2015!!! ***

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[Rezension] Siri Hustvedt – „The Blazing World“

Hustvedt_BlazingWorldSiri Hustvedts neuen Roman „The Blazing World“ musste ich auf englisch lesen, nachdem ich von dj709 von Binge Reading auf den Roman aufmerksam gemacht worden war, weil ich nicht die deutsche Übersetzung abwarten kann / will.

She remembered what I had forgotten, and I remembered what she had forgotten, and when we remembered the same story, didn´t we remember it differently? But neither of us was prevaricating. The scenes of the past were continually being shifted and reshuffled and seen again from the vantage point of the present, that´s all, and the changes take place without our awareness. Harry hat reinterpreted any number of memories. Her whole life looked different.“

Wieder sind Identität, die Kunstwelt, Gender-Fragen, Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch Erinnerung und das neurowissenschaftliche Verhältnis zwischen Phantasie / Idee und deren Umsetzung in die Wirklichkeit zentrale Themen der Autorin. Was neu ist, ist die Schreibweise, die Baukonstruktion des Buches.

Bei „The Blazing World“ strickt Hustvedt die Geschichte gewisserweise aus vielschichtigen Fragmenten heraus. Man liest Zeitungsberichte, Aussagen von Angehörigen und Freunden, Interviews, Reviews zu Ausstellungen und vor allem Notizbucheinträge der Protagonistin und puzzelt sich so Stück für Stück das Geschehen zusammen. Und das macht richtig Spaß, gerade weil es nicht dem linear erzählten Lesefluss entspricht, den man sonst häufig in zeitgenössischer Literatur aus Amerika findet. Darüber hinaus ergibt sich eine interessante Polyperspektivität, da verschiedene Personen, die ins Geschehen mal mehr, mal weniger integriert sind, ihre Sicht der Dinge wiedergeben. Weiterlesen

Der perfekte Sommerroman: „Der Sommer ohne Männer“ von Siri Hustvedt

 „Es begann in der Bibliothek mit Kant. Bibliotheken sind sexuelle Traumfabriken. Das kommt von der Schläfrigkeit.“ (S. 90)

Siri Hustvedt_Sommer ohne MännerJa, schon wieder Siri Hustvedt. Es ist „leider“ so, dass die Leserinnen in diesem Blog beide eine große Vorliebe für die amerikanische Autorin hegen. Und da der Roman, den ich euch hier vorstellen möchte, ein richtiger Sommer-Roman ist, den ich zufällig fast zur selben Zeit las wie Laura die Essays entdeckte, wird es hier jetzt wieder um Siri Hustvedt, vielmehr um ihren Roman „Der Sommer ohne Männer“ gehen. Vielleicht können wir jetzt die letzten Zweifler endgültig überzeugen, sich mit den Büchern Hustvedts endlich einmal auseinanderzusetzen. Übrigens: Siri Hustvedt bezahlt uns nicht für unsere Dienste! (Schade eigentlich …)

„Es ist unmöglich den Verlauf einer Geschichte vorherzusagen, während man sie erlebt; sie ist formlos, eine unfertige Prozession von Worten und Dingen, und ehrlich gesagt: Wir können nie wiederherstellen, was war. Das meiste verschwindet. Und doch, während ich hier an meinem Schreibtisch sitze und versuche, ihn zurückzubringen, jenen nicht weit zurückliegenden Sommer, weiß ich, dass Wendungen stattfanden, die sich auf das Folgende auswirkten. Einige stehen vor wie Höcker auf einer Reliefkarte, aber damals war ich unfähig, sie wahrzunehmen, weil meine Sicht der Dinge in der undifferenzierten Flachzeit, einen Augenblick nach dem anderen zu leben, untergegangen war. Zeit ist nicht außerhalb von uns, sondern in uns.“ (S. 61)

„Der Sommer ohne Männer“ ist für mich ein Buch, das perfekt zu einem Sommerurlaub passt. Denkt euch die tristen Regenstunden der letzten Tage einfach weg und träumt euch an den Strand, in den Park, wo Sonnenstrahlen eure Nase kitzeln und ein kluges interessantes Buch euch wunderbar unterhält, entspannt und eure Gedanken tanzen lässt. Man könnte diesen Roman als Frauenroman bezeichnen, wenn dabei nicht sofort bestimmte Vertreterinnen des Genres mitschwingen würden, denen diese Autorin weit überlegen ist. Die Tatsache, dass alle Protagonistinnen weiblichen Geschlechts sind und Männer hier nur marginal zu Wort kommen, würde dieses Buch zu einem Frauenbuch machen. Siri Hustvedt lässt Frauen jeglichen Alters und verschiedenster Rollen miteinander agieren und führt den Leser in die weibliche Gedanken-, Gefühls-, Lebens- und Problemwelt. Hier geht es um „typische Frauenthemen“ ohne dabei erzählerisch dem Klischeehaften zu verfallen. Hustvedt erzählt jedoch keine langweilig einseitige an bekannten traditionellen Liebesromanen angelehnte oder dem Kitsch verfallene Frauentragödie. Einfühlsam, klug und mit viel Humor bringt die Autorin uns anhand einiger ausgewählter weiblicher Figuren die vielschichtigen Lebenswelten von Frauen nahe, in denen sich so manche Leserin wohl wiedererkennen kann, und schafft damit ein breites Identifikationsspektrum für Leserinnen jeglichen Alters: die betrogene Ehefrau, die überforderte Mutter, die reife Witwe, die unabhängige Künstlerin, die junge Tochter und die langjährige Freundin. Daher bezeichne ich es einmal als Frauenbuch mit Anspruch. Weiterlesen

Siri Hustvedt: „Leben, Denken, Schauen“, Essays (2014)

Siri Hustvedt_Essays

Wer Literatur an der Schnittstelle zwischen wirklich guter, lesbarer Unterhaltung und wissenschaftlichem Anspruch mag, wird Siri Hustvedt lieben. Ob in ihren Romanen oder in ihren Essays: Als ihr Leser ist man nach jedem Buch schlauer, bewegter und hatte darüber hinaus eine unterhaltsame Lesezeit, die man mitunter vermisst. Nachdem ich von ihrem Roman „Was ich liebte“ restlos begeistert war, konnte ich nicht widerstehen, als ich vor einigen Wochen eine dieser zufälligen Begegnungen mit ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Essayband „Leben, Denken, Schauen“ hatte. Die Lektüre hat mich wirklich in mehrfacher Hinsicht bereichert. Weiterlesen

Unser Bücherjahr 2013

Auch in diesem Jahr möchten wir hier mit unserem ganz persönlichen Jahresrückblick auf die Bücher zurückschauen, die uns am meisten beeindruckt oder enttäuscht haben. Jede von uns hat ihre eigene Lesegeschichte und Motivation, unterschiedliche Bücher fanden den Weg in unsere Gedanken. Manche blieben, andere verflogen sofort.

Laura: Dieses Jahr habe ich 43 Bücher (durch)gelesen (Fachliteratur mal ausgenommen :). Da ich immer ziemlich genau das lese, was gerade thematisch in eine aktuelle Lebensphase passt, waren einige trivialere Romane dabei, die mich aber auch unter Berücksichtigung ihres Genres weniger überzeugen konnten. Auf der anderen Seite sind mir dieses Jahr einige sehr nachhaltig beeindruckende Bücher begegnet, die ich irgendwann einmal auch wiederholt lesen will, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit „Lebens-Lesebegleiter“ sind. Daher musste ich bei unserer Auswahl der fünf beeindruckendsten Bücher auf zwei verzichten, die mich darüber hinaus faszinierten: Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“ und „Die Wand“ von Marlen Haushofer.

Katja: Ich habe in diesem Jahr insgesamt 29 Bücher gelesen, daraus die 5 beeindruckendsten und wichtigsten auszuwählen, fällt mir nicht leicht. Es waren viele gute dabei, die nicht vorgekommen sind. Ich wähle sehr akribisch aus, womit ich meine Lesezeit verbringe, manchmal wage ich ein Buch und dann werde ich enttäuscht. So ist das mit Büchern, ähnlich wie mit Menschen. Manche werden zu Freunden, andere kommen und gehen. Außer Konkurrenz und daher nicht in meiner Übersicht aber unbedingt zu erwähnen sind Dostojewskis „Idiot“ und Huxleys „Schöne neue Welt“ – großartige literarische Klassiker und hohe unterhaltsame wenn auch nicht immer leicht zu entschlüsselnde Erzählkunst, die auch manchmal ihre Längen hat. Es lohnt sich, durchzuhalten. Weiterlesen

Siri Hustvedt: „Die Verzauberung der Lily Dahl“ (1997)

Siri Hustvedt hat mich verführt.

Mit ihrer Geschichte und ihrer intensiven, poetischen und geheimnisvollen Art des Erzählens hat sie mich als Leserin schon mit ihrem Roman „Was ich liebte“ verzaubert – ebenso wie Laura, die ihn hier vorgestellt hat. In ihren Büchern entwickelt sich eine geheimnisvolle erotische Spannung, die über Seiten hinweg fasziniert, knistert und die Erzählung trägt. Siri Hustvedt ist eine grandiose und intelligente Erzählerin, die das Talent besitzt genau die richtige Mischung aus Spannung und Poesie in ihrer Geschichte zu verweben, die mich verdammt gut unterhält, fesselt und durch ihre sensiblen Sprachspiele und poetischen Bilder fasziniert. Darin gleicht ihre Kunst sehr der ihres Mannes, Paul Auster, den ich ebenfalls sehr schätze. Welch faszinierendes Schriftstellerpaar!

Mit nichts an als den Schuhen stand sie an ihrem Fenster und blickte über die Straße zu Edward Shapiro hinüber. Er ging vom Fenster weg. Eine Weile starrte sie auf die Rückseite seiner Leinwand, auf den Stuhl und das schwarze Telefon und fing fast an zu weinen. Aber sie hielt die Tränen zurück, wickelte sich in den Vorhang und setzte sich auf die Fensterbank. Sie roch Fliederduft in der Luft. Wahrscheinlich kam er von den Büschen vor der Bücherei an der nächsten Ecke. Ihre letzten Tage, dachte Lily. Und da hörte sie die Musik. Ein Mann begann in einer Sprache zu singen, die Lily nicht kannte, und kurz darauf antwortete ihm eine Frau. Edward Shapiro kam zum Fenster zurück, und Lily sah ihn an und hörte dem Mann und der Frau zu, die zusammen sangen. Sie lehnte sich an den Fensterrahmen. Der rissige Anstrich kratzte an ihrem Schulterblatt, und sie zog den Vorhang zurecht, um ihre Haut zu schützen. (…) Während sie den Stimmen dieser zwei Menschen lauschte, stellt sie sich vor, daß das wahre Abenteuer ihres Lebens jetzt begann, daß nach dem hier alles geschehen konnte, alles. Als das Lied zu Ende war, ging der Mann vom Fenster weg, um die Platte abzuschalten und kam zum zweitenmal zurück. Lily sah in sein dunkles Gesicht. Sie hätten sich etwas zurufen oder sich zuwinken können, aber sie taten es nicht. Sie sagen sich weiter an, lange, wie ihr schien, aber vielleicht war es gar nicht lange. (…) Sie warf einen letzten Blick auf Edward Shapiro, dann stellte sie sich in den drückenden Schuhen auf die Zehenspitzen und schloß langsam die Vorhänge.

Die Verzauberung der Lily Dahl

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Paul Auster: Die New-York-Trilogie (1985-1987)

Grandios. Fesselnd. Ich habe einen neuen wunderbaren Autor entdeckt, den ich bisher nicht kannte: Paul Auster. Dafür verantwortlich zeichnen sich meine Mitbloggerin Laura und Karo von Deepread, die ihn beide als großartigen Autor empfohlen haben. Meine Erwartungen wurden diesmal erfüllt und ich bin sehr glücklich über diese Entdeckung. Es ist ja immer ein wenig schwierig mit Empfehlungen (zumindest bei mir, da ich sehr kritisch bin, was die Auswahl meiner Lektüre angeht), aber diesmal schließe ich mich zu 100% der Meinung meiner Paul Auster_New-York-TrilogieEmpfehlerinnen an. Ich kann Paul Auster als wirklich beeindruckenden Erzähler beschreiben, der es schafft, dass ich beim Lesen die Zeit völlig vergesse. Generell bin ich eigentlich kein sonderlicher Krimileser, aber wir haben es bei Paul Austers Kriminal- und Detektivgeschichten mit einer psychologisch verdichteten Erzählweise zu tun, die einen Sog entwickelt, dem man nicht entkommt. Er treibt mit dem Leser ein psychologisches Verwirrspiel und das, womit er vor allem spielt, ist die Lesererwartung:  Diese enttäuscht er immer wieder, weil seine Figuren und deren scheinbare Handlungsmotivation plötzlich wechseln und überraschend agieren, sich somit jeder erwartbaren logischen Entwicklung und Reaktion entziehen. So entsteht diese permanente Spannung. Genau darin liegt eine große Stärke seiner Erzählkunst, die ohne grausame Einzelheiten oder die üblichen Krimi-Elemente wie Mord- und Totschlag vorkommt, ja, es wird noch nicht einmal großartig geschossen, gemordet und Blut vergossen … Weiterlesen

Unser persönlicher Jahresrückblick 2012

Unsere Highlights und Enttäuschungen 2012

Das Jahr geht zu Ende und wir blicken in aller Kürze zurück auf die wunderbarsten Leseerlebnisse und die im Rückblick leider verschwendeten Lesestunden. Hier findet ihr unsere jeweils 5 Besten und 5 „weniger Besten“ der gelesenen Bücher in 2012 – unsere völlig subjektive und persönliche Bewertung und Auslese des gesamten Lesesujets des letzten Jahres. Das waren unsere Highlights und Enttäuschungen 2012 – lasst euch überraschen! Weiterlesen

Siri Hustvedt: „Was ich liebte“, Roman (2003)

Aber wir alle leben in den eingebildeten Geschichten, die wir uns selbst von unserem Leben erzählen. (S. 393)

Alles verschwindet, irgendwann. In diesem Roman verschwinden Menschen, weil sie sterben oder verlassen, Dinge verschwinden, weil sie gestohlen werden, und am Ende verschwindet das Sehvermögen des Protagonisten Leo Hertzberg. Selten endet ein Roman so leise, als würde er aus meinem Leben langsam verschwinden. Doch seine Figuren und Bilder wirken in mir weiter, wie das häufig der Fall ist, wenn man etwas verliert. Als ich die letzten Zeilen dieses Buchs las, verlor ich mehrere Begleiter meines Herbstes in diesem Jahr. Doch der Reihe nach.

Vorweg muss ich gestehen: Ich bin voreingenommen. Ich liebe dieses Buch besonders, vielleicht weil ich mich so mit dem Protagonisten identifizieren kann, der Kunsthistoriker ist, wie ich auch. Ich liebe diesen Roman, weil er vom Verschwinden der Liebe und von Gefühlen erzählt, vom Älterwerden, von Kunst und der Konstruktion von Wahrheit und Wirklichkeit. Siri Hustvedt schreibt in ihrem Buch von allem, was ich lieb(t)e.  Weiterlesen