In Memoriam: Wolfgang Herrndorf

„Man wird nicht weise, man kommt der Wahrheit nicht näher als jeder. Aber in jeder Minute beim Tod zu sein, generiert eine eigene Form von Erfahrungswissen.“

Wolfgang Herrndorf ist ein Autor, dessen Bücher man, hat man eines gelesen, am liebsten gleich alle lesen möchte. So ging es mir, seitdem mir eine Freundin „Sand“ empfohlen hatte.

Die Lektüre vom posthum veröffentlichten „Arbeit und Struktur“, das eine Zusammenfassung der Blogeinträge des Autors vor seinem Freitod ist, erweist sich als besonders eindringlich. Mich hat das Lesen dieser mit Datum versehenen Einträge ziemlich mitgenommen: Unweigerlich setzt man sich selbst in Zusammenhang zu den genannten Daten, unweigerlich stellt man den eigenen Biografieaus-schnitt vom 08.03.2010 bis 20.08.2013 ins Verhältnis zu den von Herrndorf beschriebenen Erlebnissen. Weiterlesen

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XLV. Sonntag mit Proust: Lebenswehmut

Monsieur Swann, der schwer krank ist, spricht mit dem Erzähler über das, was er vermissen wird. Aus seinen Worten spricht eine Wehmut und zugleich tiefe Achtung und Liebe zum Leben:

„Selbst wenn man nicht mehr an den Dingen hängt, ist es nicht unbedingt gleichgültig, ob man daran gehangen hat, denn immer ist es aus Gründen gewesen, die den anderen entgehen. Wir spüren, daß die Erinnerung an diese Gefühle einzig in uns selbst besteht; in uns selber müssen wir daher Einkehr halten, um sie zu betrachten. Machen Sie sich nicht allzusehr lustig über diesen Idealistenjargon; was ich sagen will, ist, daß ich das Leben sehr geliebt habe, und die Künste auch. Gut, gut. Jetzt, wo ich etwas zu müde bin, um mit anderen zu leben, scheinen mir diese alten, mir so ganz zugehörigen Gefühle, die ich durchlebt habe, wie es nun einmal die Manie aller Sammler ist, unerreichbar an Wert. Ich schließe mir selbst mein Herz auf, als wäre es so etwas wie eine Vitrine und betrachte eine nach der anderen alle die Arten von Liebe, welche die anderen nicht kennengelernt haben. Von dieser Sammlung aber, an der ich jetzt noch stärker hänge als an allen übrigen, sage ich mir ein wenig wie Mazarin mit Bezug auf seine Bücher – aber im Übrigen ohne alle Angst -, daß es doch sehr bedauerlich sein wird, alles das zu verlassen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 147-148.

Notizen zur Lektüre: Bernhards „Der Atem“ IV

Wir lesen Thomas Bernhards autobiographische Rückschau “Der Atem” und notieren wöchentlich unsere Eindrücke vom Text.

Teil IV (S. 49-69)

Inhalt:

Aus der Sicht des Großvaters: Unterschied zwischen tatsächlichen und erfundenen Krankheiten – jede Krankheit womöglich eine Erfundene – Notwendigkeit der erfundenen Krankheit – Beschreibung der Arztvisite – Ausweglosigkeit der Kranken = zum Tode verurteilten Menschen – Medikamente als Todesbeschleuniger – Beziehung zwischen Arzt und Patient beleuchtet –Sicht des Erzählers: Wunsch nach Aufklärung und Erklärung durch Ärzte wird verweigert – Beschreibung des Auftauchens (und Sterbens) einzelner Menschen im Sterbezimmer: der Gastwirt, der General, der Marktfahrer und ihrer Geschichten

Sprache und Stimmung:

Durchlaufender Bewusstseinsstrom ohne Brüche und ohne Pausen – negative Wortwahl betont Gefühlskälte,  Distanz und Unbeteiligtheit der Ärzte – Erzähler schwenkt in 3. Person um, wiedergegebene sehr sachliche Reflektionen des Großvaters gehen über in Reflektionen des Enkels und verschwimmen mit diesen – mehrfach wiederholtes Bild der Mauer verdeutlicht Rücksichtlosigkeit der Ärzte und als unüberwindbare Distanz wahrgenommene Arzt-Patienten-Beziehung –

Änderung der Erzählperspektive zwischendrin = Distanz zu Berichtetem – Hervorhebung der eigenen Ausnahmesituation (nur der Erzähler verlässt das Sterbezimmer lebend?) – Beschreibung der anderen Kranken / Sterbenden aus Perspektive eines beteiligten aber nicht unmittelbar betroffenen Beobachters – Beschreibungen verschiedener Arten zu Sterben anhand einzelner fremder Personen löst Frage nach dem „richtigen Tod“ aus und geht über in Reflektion über Rolle des Schreibenden – sehr passendes Sprachbild: das Leben als „schäbiger, vollkommen abgerissener Veranstaltungskalender“ ( S. 64)

„Schließlich wird den wenigsten ein Tod ohne Sterben zuteil. Wir sterben von dem Augenblick an, in welchem wir geboren werden, aber wir sagen erst, wir sterben, wenn wir am Ende dieses Prozesses angekommen sind, und manchmal zieht sich dieses Ende noch eine fürchterlich lange Zeit hinaus. Wir bezeichnen als Sterben die Endphase unseres lebenslänglichen Sterbeprozesses.“ (S. 64)

Bedeutung und Wirkung:

Ärzte werden wie gefühlslose Unwesen beschrieben, die nur ihre Arbeit verrichten – Heilen als Geschäft – Kritik an Ärzteberuf – empfundene Unmenschlichkeit der Ärzte, denen Patient hilflos ausgeliefert ist – Schwestern als abgestumpfte ausführende Menschen ohne Anteilname – der Tod wird nur als Endpunkt wahrgenommen – Starke Wertungen und moralische Fragen, gesellschaftliche Dimensionen:  relevanter ist das Sterben, dass allen Lebenden seit ihrer Geburt widerfährt = Leben heißt zu sterben – im Tod sind wir alle gleich, egal welchen gesellschaftlichen Standes oder Berufen wir im Leben nachgehen – Frage: „Wie wollen wir Sterben?“ ist verbunden mit der Frage nach dem Glück – menschenwürdiges Leben und Sterben – Jeder verdient einen „guten und sanften“ Tod, nicht jeder erhält einen – moralische Wertung – indem der Erzähler über den „Schreibenden“ nachdenkt, macht er sich indirekt über den Beobachterstandpunkt eines Autoren Gedanken

Nächste Woche geht es weiter mit S. 69 – 90!

Hier geht’s nochmal zurück zum vorhergehenden Teil

Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“, Roman (2012)

Erpenbeck_Aller Tage Abend„Wie Stege sind die Sitten der Menschen ins Unmenschliche hineingebaut, denkt sie, greifbare Gebilde, an denen ein Schiffbrüchiger sich wieder hinaufziehen könnte, wenn überhaupt. Schön wäre es, denkt sie, wenn der Zufall regieren würde, und nicht ein Gott.“

Sterben können wir in jedem einzelnen Moment. Jederzeit kann sich die Tür öffnen, durch die man vom Leben in den Tod geht. Erpenbecks Protagonistin passiert dies gleich mehrfach. Sie stirbt fünf Tode und wird in einem Intermezzo durch Konjunktive literarisch wieder ins Leben gerufen. So, wie man es aus der fiktiven Welt der Computerspiele kennt, begibt sie sich einfach ins nächste Level und überschreitet die Grenze zwischen einem möglichen Erzählstrang und dem nächsten, anders verlaufenden. Weiterlesen

@bout David Wagner: Leben (Roman, 2013)

Über das Buch

Für diesen Dialog entschieden wir uns, dass wir das Buch  lesen, welches den Preis der Leipziger Literatur- Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewinnt. Der Preis ging glücklicherweise an David Wagner und sein Buch „Leben“, unsere geheime Hoffnung.

In „Leben“ beschreibt der Ich-Erzähler die Geschichte seiner Lebertransplantation. Der Leser erlebt die Krankenhausaufenthalte und gedanklichen Auseinandersetzungen des Erzählers mit, der seit seiner Pubertät an einer Autoimmunerkrankung leidet, die die Leber zerstört. Tag für Tag wartet er auf die erlösende Nachrichts und den Anruf des Arztes: Wir haben eine Leber für sie. Wie fühlt man sich, wenn man darauf hoffen muss, dass ein anderer Mensch stirbt, damit man selbst weiterleben darf? Was bedeutet Leben, wenn man nicht weiß, ob es weiter gehen wird, und welche Gedanken bewegen einen Menschen dabei? Davon erzählt David Wagner und wir sind ihm dabei gefolgt.

Zeus hat Prometheus dafür bestraft, daß er den Menschen das Feuer gebracht hat. Er kettet ihn auf einem Felsen an und läßt einen Adler jeden Tag ein Stück von seiner Leber fressen. Prometheus ist gefesselt, stirbt aber nicht, der Mythos weiß um die erstaunliche Regenerationsfähigkeit des Organs. Lebergewebe wächst nach, sieh an. Wachs doch nach, liebe Leber.

David Wagner_ LebenKatja: Als erstes muss ich sagen, dass ich froh war, dass David Wagner gewonnen hat, weil mich das Buch auch am ehesten interessiert hatte von den diesjährigen Nominierten. Ich bin ja eher nicht so, dass ich die Bücher lese, die einen Literaturpreis gewinnen, weil das nicht unbedingt was zu sagen hat hinsichtlich der Qualität des Textes, aber gut …

Ich hab mich zuerst gefragt, warum das Buch nicht „Leber“ heißt – sondern „Leben“ –  hätte ja zum humorvollen Grundton gepasst ….

Laura: Interessant, ich habe beim Lesen immer gedacht, das Buch könnte auch „Sterben“ heißen. Im Grunde befindet sich der Erzähler ja stets auf der Grenze zwischen Leben und Sterben, auch mental. Aber letztlich will er ja leben und es ist natürlich positiver ein Buch so zu nennen 😉
Und zum positiven Grundton passt natürlich auch der Umgang mit Humor. Ich finde auch, das Buch ist sehr authentisch und menschlich geschrieben. Weiterlesen

Unbedingt lesen: John Green „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, Roman (2012)

Wie geht man mit dem Wissen um, todkrank zu sein? Wie kann man damit fertig werden, wenn das eigene, noch nicht einmal 20jährige Kind an Krebs erkrankt? Wie lebt man mit der täglichen Erinnerung daran, dass das eigene Leben schon sehr bald zuende sein kann?

Hazel ist sechzehn und an Krebs erkrankt. Sie guckt gerne „America´s Next Top Model“ und ihr größter Wunsch ist es, den Autoren (Jan van Houten) ihres Lieblingsbuches Ein herrschaftliches Leiden in Amsterdam zu treffen. Wenn im „Herzen Jesu“ die Namen derer aus der Selbsthilfegruppe verlesen werden, die an Krebs gestorben sind, hofft sie wie alle anderen, dass ihrer nicht so bald am Ende mitgenannt wird. Als sie den ebenfalls krebskranken Augustus (genannt Gus) kennenlernt, scheint sich ihr Wunsch, nach Amsterdam zu reisen, zu erfüllen. Weiterlesen