[Rezension] T.C. Boyle: „Hart auf Hart“

„Der Winterregen kam und schwemmte alles davon. Er ließ die Flüsse anschwellen, spülte die Schluchten durch, sickerte tief in die Erde und tränkte die Wurzeln der riesigen Bäume, die den Rest des Waldes überragten und sich weiter und weiter die grünen Hänge hinaufzogen. Botaniker in Regenkleidung entnahmen Bohrkernproben und kletterten hundert Meter hoch in die Wipfel, um den saisonalen Wuchs zu messen. Biologen legten Köder aus, um für DNA-Analysen Haarproben von Füchsen und Mardern zu sammeln. Fischer fischten. Trinker tranken. Es war die Nebensaison, aber trotzdem kamen ein paar Leute von der Bay Area herauf, hauptsächlich an den Wochenenden, um Arm in Arm durch die sechs Straßen von Mendocino zu schlendern, und der Skunk Train karrte wieder Touristen durch das Noyo-Tal, allerdings nach dem üblichen eingeschränkten Winterfahrplan.“ (S. 385)

Vor kurzem haben wir berichtet, dass uns der Hanser-Verlag zu einem kleinen T.C-Boyle-Bloggertreffen eingeladen hatte. Dank des Hanser Verlags durften wir Boyles neuen Roman „Hart auf hart“ lesen und uns signieren lassen. Ihr seid gespannt, wie wir ihn fanden? Jetzt können wir euch von unseren ein wenig unterschiedlichen Leseerlebnissen berichten.T.C. Boyle Hart auf hart

Der Inhalt

Kalifornien, U.S.A.: Außenseiter Adam, der sich Colter nennt (nach dem gleichnamigen amerikanischen Trapper und Mountain Man John Colter, der um 1800 den amerikanischen Westen erkundete und einige Expeditionen leitete), entscheidet sich gegen die zivile amerikanische Gesellschaft und für ein einsames, hartes Leben als „Waldläufer“. Mit seinem chinesischen Gewehr bewacht er eine von ihm angelegte Opium-Plantage im Wald bei Willits. Als sein Vater ihn zwingt, endgültig das Haus seiner verstorbenen Großmutter zu verlassen, um das herum er eine 2,5m hohe Mauer ohne Tür gezogen hatte, fängt er an, durchzudrehen und seine Waffe zu gebrauchen. Selbst seine Beziehung zur 40jährigen Sara („mit den großen Titten und dem Dreadlock-Hund“)  kann ihn nicht mehr retten. Weiterlesen

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Meeting T.C. Boyle!

Am Montag abend hatten wir die Ehre den amerikanischen Schriftsteller T.C. Boyle während eines Bloggertreffens persönlich kennenzulernen. Auf Einladung des Hanser Verlages waren wir mit dabei und konnten die Gelegenheit nutzen, ihm Fragen zu stellen und unsere „Hart auf Hart“-Exemplare signieren zu lassen.

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T.C. Boyle ist ein unglaublich lockerer, witziger Typ. Er sprach über seine Bücher, als wären es Geliebte von ihm. Man merkt ihm deutlich an, dass er für das Schreiben „brennt“. Vielmehr bezeichnete er es als addiction zu schreiben. Anders ließe sich vermutlich auch kaum die beeindruckende Regelmäßigkeit und Vielzahl seiner Veröffentlichungen erklären. (siehe hierzu bspw. den Link der Fanpage: www.tcboyle.de)
In seinen Romanen und Kurzgeschichten stehen häufig Randfiguren im Mittelpunkt. Außerdem geht es oft um das Verhältnis von Mensch und Natur bzw. das Leben des Einzelnen in seiner Umgebung und die Wechselbeziehung mit dieser. Katja hat das, was Boyles Werke ausmacht in einem Lese-Appell so zusammengefasst: „Boyle beherrscht die Klaviatur menschlicher Abseitigkeiten und Leidenschaften bis ins kleinste Detail und entlarvt hingebungsvoll die Brüchigkeit von Ikonen, Weltbildern und scheinbar für die Ewigkeit gedachten Konventionen.

T.C. Boyle, dessen Lesungen stets ein Erlebnis sind, sprach bei dem Treffen davon, wie die Figuren und die Romane sich entwickeln und aus sich heraus entstehen. Er habe keine fixe Idee im Vorhinein, sondern „he´s entering the character´s brains“ und empfinde durchaus Sympathie für sie.
Es war sehr spannend und unterhaltsam, ihm zuzuhören. Wir bedanken uns ganz herzlich beim Hanser Verlag für diese Gelegenheit!!! Und freuen uns nun erstmal auf die Lektüre des aktuellen Romans von ihm…

Am Mittwoch, 18.02.15 liest T.C. Boyle in Berlin aus seinem neuen Roman. Da die Veranstaltung leider schon ausverkauft ist, besteht zumindest die Möglichkeit, der Live-Übertragung ab 19.30h auf Radio Eins zu lauschen.

Link zur RBB-Seite mit Infos zur Veranstaltung und Video des Autors, der sein Buch vorstellt

Lest T.C. Boyle!


© Carl Hanser Verlag
© Carl Hanser Verlag

T. Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, unterrichtete an der University of Southern California in Los Angeles. Bei Hanser erschienen zuletzt Willkommen in Wellville (Roman, 1993), América (Roman, 1996), Riven Rock (Roman, 1998), Fleischeslust (Erzählungen, 1999), Ein Freund der Erde (Roman, 2001), Schluß mit cool (Erzählungen, 2002), Drop City (Roman, 2003), Dr. Sex (Roman, 2005), Talk Talk (Roman, 2006), Zähne und Klauen (Erzählungen, 2008), Die Frauen (Roman, 2009), Das wilde Kind (Erzählung, 2010), Wenn das Schlachten vorbei ist (Roman, 2012), San Miguel (Roman, 2013) und die Neuübersetzung von Wassermusik (Roman, 2014).

Lest T.C. Boyle!

Es gibt Autoren, deren Bücher muss man einfach verschlingen. Dies kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Mich begeistert vor allem jene Literatur, die eine unterhaltsame Geschichte mit anspruchsvoller Erzählkunst originell aufbereitet.

T. C. Boyle (Tom Coraghessan Boyle, * 1948 Peekskill) ist so ein Autor, der ein ungeheures Ouevre vorweisen kann und dessen Bücher und Erzählungen allesamt Verschling-Mich-Potential besitzen. Seine Romane zu lesen ist ein ungeheures Vergnügen. Warum?

Wie kaum ein zweiter Autor kombiniert der Sohn irischstämmiger amerikanischer Einwanderer eine spannende Story, umfängliche Figurencharakteristika und einzigartige Schauplätze mit bissig-heiterer Gesellschaftskritik. Seine Figurenwelten und Handlungsschauplätze sind authentisch, hinter jedem Sujet stecken reale historische Vorlagen, die eine akribische Recherche und die Liebe zu ausgefallenen Stoffen sowie gesellschaftlichen Mythen erkennen lassen. Man könnte auch sagen, Boyle ist das schlechte Gewissen der modernen amerikanischen Literatur, denn er wühlt in jenen Themen, die Amerikas Mythos vom Land der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten manifestieren. Sein Figurenensemble zieht sich quer durch alle Gesellschaftsschichten: Es sind auf der einen Seite bekannte Wissenschaftler, beliebte Künstler, Erfinder, Entdecker, Forscher, Popstars und allesamt idealisierte Helden, die nahezu unantastbar geworden sind. Boyle zeigt ihre dunklen Seiten, ihre menschlichen Schwächen und vielschichtigen Charaktere, die der Leser vor allem durch jene Menschen betrachten kann, die mit ihnen leben, lieben und leiden.

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© Christina Knecht

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