„Aus der Zeit fallen“ von David Grossman am Deutschen Theater

Wie kann man Worte finden, für das Unbeschreibliche, für einen Schmerz, der unfassbar ist?

David Grossman, der seinen 20jährigen Sohn im Libanonkrieg verlor, hat in seinem Text „Aus der Zeit fallen“ versucht, diesem Schmerz Worte zu verleihen. Entstanden ist ein Sog aus Emotion: Trauer, Verlustgefühl, Orientierungslosigkeit, Schmerz, Wut, Unverständnis, Einsamkeit, Verlassenheit …
Ich näherte mich diesem Sog nicht wie gewohnt auf Papier, das ich in Händen halte und das mir durch gedruckte Worte diese Emotionen nahebringt, sondern ins Bild gesetzt durch den Regisseur Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater in Berlin.

Aus der Zeit fallen

Ohne den Text Grossmans vorher gekannt zu haben, ließ ich die gewaltigen intensiven Bilder des Theaterstücks auf mich wirken; beinahe dreieinhalb Stunden lang.
Zu Beginn: Das wunderschöne, zugleich melancholische und symbolische Bild von Lichtern, die eingehängt und auf der dunklen Bühne emporgezogen werden, wie Sterne oder Seelenlichter, wie Gedenkkerzen. Ein Ehepaar, dass an einem langen Tisch sitzt und zu sprechen beginnt. Die Hilflosigkeit, den Schmerz und die Trauer über den im Krieg gefallenen Sohn in Worte zu fassen sucht. Er will sich nach „dort“ begeben, „dort“ wo sein Sohn nun wohl ist, das „dort“, von dem er nicht weiß, was es genau ist, wo sich dieser Ort befindet, und ob es ihn überhaupt gibt? Jedenfalls hält er es nicht mehr aus, im „hier“. Er begibt sich auf den Weg nach „dort“, sie bleibt. Weiterlesen

Riikka Pulkkinen: Wahr (2012)

Aber sie ist der Überzeugung, dass niemand es sich leisten kann, die Liebe vorbeiziehen zu lassen. So reich kann niemand sein. Und deshalb macht sie ihm die Tür auf.“

Ich mag es, ich mag es nicht. Ich mag es, ich mag es nicht. Ich mag es…

So richtig entscheiden kann ich mich bei diesem Buch nicht. Nachdem ich hier darauf aufmerksam wurde, las ich es, und bin nun hin und hergerissen. Ist es ein liebevolles Buch über das Sterben und die Liebe in einer poetischen Sprache oder handelt es sich doch eher um eine nahe am Kitsch entlangschlitternde Geschichte, die teilweise zu bemüht daherkommt, um zu überzeugen?

Inhaltlich …

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Monika Zeiner: „Die Ordnung der Sterne über Como“, 2013

Was passiert mit uns, wenn ein guter Freund stirbt? Was bewirken Schuldgefühle? Wie ist es, einen geliebten Menschen mit dem man ein Unglück teilt, nach vielen Jahren wieder zu sehen?

Monika Zeiner hat einen Roman geschrieben, der sich mit Fragen wie diesen befasst und dadurch auf sehr eindringliche Weise von Liebe, Tod, Identität, Verlust, Abschied und insbesondere Freundschaft erzählt. Es geht darüber hinaus auch um Musik, vor allem Klavier und Jazz, Träume und um das Erwachsenwerden an der Seite von Freunden. Die Schauplätze Berlin und Italien spielen in dem Roman eine nicht unerhebliche Rolle. Die Geschichte lebt jedoch von ihren Figuren, die einem sehr nahe kommen: Betty Morgenthal, das Mädchen, das in die bestehende Männerfreundschaft zwischen Tom und Marc gerät. Tom und Marc, die man sich nur im Zweiergespann denken kann, seitdem sie sich in einem Mietwagen kennenlernten, die alles gemeinsam machen, dann auch mit Betty; wohnen, leben, Musik, bis Marc verunglückt.
Zehn Jahre nach seinem Tod tritt Tom, der Jazzpianist, mit seiner Band in Neapel auf, und trifft dort wieder auf Betty, die mittlerweile in Italien verheiratet ist und dort als Ärztin arbeitet.

Wenn man jung ist, dann ist das Leben ein Gewirr von tausend Möglichkeiten, ein Gewimmel von tausend Wegen, einer vielversprechender als der andere, und du denkst, dass du sie alle gehen kannst. Wenn dir einer nicht gefällt, kehrst du um und suchst dir einen anderen, alles ist hell und freundlich. Alle Türen sind offen, dahinter ist Licht. Je älter du wirst, desto mehr Türen fallen zu, Wege verschwinden, sind einfach nicht mehr da, oder du findest sie nicht wieder, wie im Märchen, wo plötzlich meterhohe Dornbüsche wuchern.“ Weiterlesen

Thomas Lehr: „September. Fata Morgana“, 2010

„in der Vergangenheit
gibt es keine Luft für uns
ganz gleich wie verzweifelt die Zukunft dort atmen möchte“

Dieses Buch ist etwas Besonderes. Interessanterweise war es ein spontaner Zufallskauf – etwas, wozu ich mich nur sehr selten hinreißen lasse. Irgendwie sprach mich das Buch an, ich nahm es zur Hand und war erstaunt, statt den üblichen dichten Satzketten verseähnliche Wortgebilde vor mir zu sehen. Und: Es gibt keine Satzzeichen! Da wusste ich, dass in diesem Roman Poesie erklingt. Thomas Lehr_SeptemberAbout

Zwei Väter, Martin in den USA und Tarik im Irak, und ihre Töchter Sabrina und Muna erzählen jeweils aus ihren Perspektiven von den Ereignissen 2001 und 2004 in New York und Bagdad. Die Kapitel entstehen durch ihre Sichtweisen und sind jeweils abwechselnd mit einem der vier Namen überschrieben. Eine direkte Verbindung zwischen den beiden Vater-Tochter-Paaren besteht nicht – vorerst nicht. Man wird auch länger im Unklaren gelassen, ob nicht vielleicht das eine Mädchen nur in der Vorstellung der anderen existiert:

„da ist etwas dran erwiderte Tarik aber stell dir ein Mädchen vor (vor dem Hintergrund eines Bildschirms auf dem nun wider Knabenchöre das Lied Saddams Lebenspuls! zu Gehör bringen) ein Mädchen deines Alters im World Trade Center
es will studieren wie du oder es hat gerade mit dem Studium begonnen
ihr hättet euch in London begegnen können oder in Paris“

So wie Tarik seiner Tochter Muna in Bagdad rät, sich eine Gleichaltrige in New York vorzustellen, so hat Sabrina seit ihrer Kindheit eine imaginäre Freundin, eine arabische Prinzessin. Beide Mädchen könnten rein hypothetisch einfach in der Phantasie der anderen existieren.
Sabrina geht am Morgen des 11.September 2001 zufällig in das World Trade Center, um dort ihre Mutter Amanda (und Martins Exfrau) zu besuchen. Sie kehrt nie daraus zurück. Weiterlesen

3 Bücher und der Tod

3 Bücher und der TodMatthias Politycki: Jenseitsnovelle, 2009
Ulla Lenze: Der kleine Rest des Todes, 2012
Michael Köhlmeier: Idylle mit ertrinkendem Hund, 2010

Vermutlich gibt es kaum eine einschneidendere Erfahrung im Leben, als einen geliebten Menschen zu verlieren. Daher ist der Umgang mit dem Tod nahestehender Menschen ein Thema, das in der Literatur und auch in der Kunst eine große Rolle spielt. Nicht selten finden Autoren und Künstler in ihren Werken eine Möglichkeit, den eigenen Schmerz über Verluste zu verarbeiten und anderen mitzuteilen. Da mir die offene und künstlerisch-poetische Annäherung an den Tod sehr wichtig ist und ich für einen enttabuisierten Umgang mit Sterblichkeit eintrete, möchte ich euch im Folgenden drei literarische Bücher vorstellen, die sich alle auf ihre Weise mit dem Tod und Verlust auseinandersetzen.

Im Laufe diesen ausklingenden Jahres las ich Michael Köhlmeiers „Idylle mit ertrinkendem Hund“, Ulla Lenzes „Der kleine Rest des Todes“ und Matthias Polityckis „Jenseitsnovelle“. Die drei deutschsprachigen Autoren finden in ihren keine 200 Seiten umfassenden Werken eine eindringliche, bildreiche Sprachkraft um das Unfassbare zu beschreiben. Weiterlesen