About @bout…

JA, es ist still geworden auf diesem Blog. Das hat seine Gründe: Während die eine von uns beruflich bloggt und soviel am Computer sitzt, dass sie anschließend froh ist, den Laptop auslassen zu können und sich dem Offline-Leben zu widmen (Katja), ist die andere Mama geworden und hat zwar glücklicherweise noch Zeit zum Lesen, aber kaum mehr Zeit um darüber zu schreiben (Laura) …

Wir haben uns gefragt, ob es nicht sinnvoller ist, das Bloggen mangels Zeit erstmal sein zu lassen.

Aber irgendwie liegt uns doch noch daran, über das, was wir lesen oder in der Kunstwelt entdecken, zu schreiben und mit euch zu teilen. Daher werden wir weitermachen – wenn auch wesentlich unregelmäßiger, in kürzeren Artikeln, dafür mit neuem frischen Design und hoffentlich auch mehr Kunst neben der Literatur.

Stricken_Wolle_und_so
Stricken ist Entspannung. Man muss einfach mal offline sein.

Denn auch mit herausforderndem Job bzw. Baby bleibt uns doch die Leidenschaft für das Lesen!

Das schönste Lesezeichen der Welt
Das schönste Lesezeichen der Welt

In diesem Sinne…
danke für eure Treue, euer Verständnis und
auf baldiges Wiederlesen!

XLI. Sonntag mit Proust: Über Erinnern, Gedächtnis und Vergessen

Am heutigen Sonntag bin ich bei meiner Proust-Lektüre auf eine in zweifacher Hinsicht besondere Textstelle gestoßen. Zum einen geht es um wahrscheinlich DAS Proust-Thema schlechthin: Erinnerung, Gedächtnis und Vergessen am Beispiel von Veranstaltungen, bei denen man bekannte Menschen (wieder) trifft und sich der Herausforderung gegenübergestellt sieht, sich ihrer Namen zu erinnern.

Zum anderen taucht aus dem Text heraus die Erzählerstimme auf und spricht den Leser an. Mehr noch: Es wird ein erdachter Dialog zwischen Leser und Erzähler kreiert, indem der Leser den Autor / Erzähler kritisiert und sogar auf die mögliche Übereinstimmung beider anspielt. Herrlich! Lest selbst:

„So groß ist die Feigheit der Weltleute.
Diejenige einer Dame, die mich mit meinem Namen begrüßte, war jedoch noch größer. Ich versuchte, den ihren wiederzufinden, während ich mich mit ihr unterhielt. Ich erinnerte mich sehr wohl, daß ich mit ihr diniert hatte, und fand in meinem Gedächtnis auch die Worte, die sie gesagt hatte. Aber meine Aufmerksamkeit, die sich ganz auf jene Region meines Inneren konzentrierte, in der sich diese Erinnerungen an sie befanden, vermochte gleichwohl ihren Namen nicht wieder zu ermitteln. Dennoch war er da. Mein Denken hatte sich auf eine Art von Spiel mit ihm eingelassen, bei dem es sich darum handelte, allmählich die Konturen, dann seine Anfangsbuchstaben zu erfassen und ihn schließlich ganz und gar in mir aufzuhellen. Es war vergebliche Mühe. Ich verspürte ungefähr seinen Umfang, sein Gewicht, aber was seine Form anlangte, so mußte ich mir, wenn ich sie mit dem düsteren Gefangenen, der sich im Dunkel meines Inneren barg, verglich, immer wieder sagen: „Der richtige ist das noch nicht.“ Gewiß hätte mein Geist die schwierigsten Namen schaffen können. Leider aber handelte es sich nicht darum zu schaffen, sondern zu reproduzieren. Jede Tätigkeit des Geistes ist leicht, wenn sie nicht der Wirklichkeit untergeordnet werden muß. (…) Weiterlesen

Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“, Roman (2012)

Erpenbeck_Aller Tage Abend„Wie Stege sind die Sitten der Menschen ins Unmenschliche hineingebaut, denkt sie, greifbare Gebilde, an denen ein Schiffbrüchiger sich wieder hinaufziehen könnte, wenn überhaupt. Schön wäre es, denkt sie, wenn der Zufall regieren würde, und nicht ein Gott.“

Sterben können wir in jedem einzelnen Moment. Jederzeit kann sich die Tür öffnen, durch die man vom Leben in den Tod geht. Erpenbecks Protagonistin passiert dies gleich mehrfach. Sie stirbt fünf Tode und wird in einem Intermezzo durch Konjunktive literarisch wieder ins Leben gerufen. So, wie man es aus der fiktiven Welt der Computerspiele kennt, begibt sie sich einfach ins nächste Level und überschreitet die Grenze zwischen einem möglichen Erzählstrang und dem nächsten, anders verlaufenden. Weiterlesen

XXIII. Sonntag mit Proust

Man muss nicht unbedingt ans Schicksal glauben, um festzustellen, dass manche Menschen eine besondere Bedeutung in unserem Leben haben. Selbst wenn sie aus unserem Leben verschwinden, gibt es selbst Jahre später Momente, in denen sie wieder „bei uns“ sind: In einer plötzlich aufschimmernden Erinnerung, in einer zufälligen Begegnung, in einem nächtlichen Traum, in einer überraschenden Nachricht…

Während solcher Augenblicke verschieben sich die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf eine Weise, die uns mysteriös erscheinen mag.

Proust war ebenso fasziniert von derartigen zeitlichen Überschneidungen:

Die Geschöpfe, die in unserem Leben eine große Rolle gespielt haben, verlassen es nur selten mit einem Schlag und für alle Zeiten. Sie tauchen immer wieder darin auf (so daß man manchmal an einen Neubeginn der Liebe glaubt) bis sie endgültig verschwinden.

(…)

Zweifellos findet jedesmal, wenn wir eine Person wiedersehen, zu der unsere – auch noch so belanglosen – Beziehungen sich geändert haben, eine Gegenüberstellung zweier Epochen statt.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

XIX. Sonntag mit Proust: Über den herannahenden Tod

Mors certa, hora incerta

Wir sagen wohl, die Stunde des Todes sei ungewiß, aber wenn wir es sagen, stellen wir uns diese Stunde in weiter, vager Ferne vor, wir denken nicht daran, daß sie irgendeine Beziehung zu dem bereits begonnenen Tage haben und daß der Tod – oder sein erster partieller Zugriff, nachdem er uns nicht mehr loslassen wird – am gleichen Nachmittag noch erfolgen könne, der uns so gar nicht ungewiß schien, für den der Gebrauch der Stunden bereits im voraus festgelegt war. (…) Man wünschte, es wäre morgen schön, und man ahnt nicht, daß der Tod, der auf einer anderen Ebene schon selbst durch undurchdringliches Dunkel wandelnd, zu einem gelangt ist und gerade diesen Tag für seinen Auftritt gewählt hat, die nächsten Minuten schon, in denen der Wagen die Champs-Elysées erreicht haben wird. Vielleicht werden diejenigen, die von Grauen vor dem Sonderbaren am Tode heimgesucht sind, etwas Beruhigendes in dieser Art von Tod sehen – dieser Form des ersten Kontakts mit dem Tode – weil er dabei ein bekanntes, vertrautes, alltägliches Aussehen bekommt.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

Jennifer Egan: „A Visit from the Goon Squad / Der größere Teil der Welt“, 2011 (Roman)

Time´s a goon, right? You gonna let that goon push you around?

Ich denke, das Leben istJennifer Egan_A Visit from the Goon Squad so wie in diesem Roman: Die Zeit vergeht, wir werden älter und währenddessen treffen wir Menschen, die uns zeitweise sehr wichtig sind, und irgendwann von uns vergessen werden, bis wir uns vielleicht eines Tages ihrer erinnern. Und während wir leben, spielt Musik.
Die (vergehende) Zeit, Erinnerungen, Vorausblenden in die Zukunft, Musik und ihre Bedeutung, die sie für manch einen haben kann… Das sind die zentralen „Bubbles“, um die sich in Egans aktuellem Roman alles dreht. Dieses Buch zu lesen ist wie eine Zeitreise, musikalisch untermalt. Weiterlesen

Der philosophische Mittwoch: Die Zeitstruktur der Alltagswelt

 Die Zeitstruktur der Alltagswelt mit ihren vorrangierten Reihenfolgen legt sich nicht nur über die „Tagesordnung“ meiner Tage, sondern über meinen gesamten Lebenslauf. Im Koordinatensystem der Zeitstruktur halte ich mich nicht nur an meine Tagesordnung, sondern auch an die meines Lebens. Uhr und Kalender vergewissern mich, daß ich tatsächlich ein „Mensch meiner Zeit“ bin. Und nur in dieser ihrer zeitlichen Strukturiertheit erhält die Alltagswelt für mich den Akzent der Wirklichkeit. So fühle ich mich „desorientiert“, wenn ich etwa nach einem Autounfall wieder zum Bewußtsein komme. Ich fühle einen instinktiven Drang, mich zu „reorientieren“, hinein in die Zeitstruktur der Alltagswelt. Ich sehe auf meine Uhr und versuche mich zu erinnern, was für ein Tag heute ist. Mit diesem Akt kehre ich in die Wirklichkeit der Alltagswelt zurück.

Peter L. Berger u. Thomas Luckmann „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ Fischer-Verlag F. a. M. 21. Auflage 2007 S. 31.

Katja auf der Suche nach der verlorenen Lesezeit …

Vielleicht ist dem einen oder anderen Leser unseres Blog aufgefallen, dass die Verteilung der Blogbeiträge in unserem Gemeinschaftsblog etwas ungleich ist. Denn mir fehlt leider leider eines – Zeit, täglich zu lesen und zu bloggen. Wie schön war die Zeit während des Studiums, als ich so viel lesen musste und durfte, was dann in Seminaren besprochen und seziert wurde – die Zeit, als man sich nur in Bibliotheken, Cafés, Parkanlagen, Lese- und Lernkreisen getroffen hat und das alles so gelebt hat. Vorbei … und ich blicke ein wenig sehnsüchtig zurück. Weiterlesen