Im Gespräch: Jürgen Bauer über seinen Roman „Was wir fürchten“ (2015)

Kürzlich hat uns der Autor Jürgen Bauer kontaktiert und auf seinen neu erscheinenden Roman „Was wir fürchten“ (Septime Verlag) aufmerksam gemacht. Als Literaturblog bekommen wir so viele E-Mails mit Anfragen, dass wir gar nicht hinterherkommen oder aus fehlendem Interesse ablehnen. Diesmal bin ich sehr froh, dass Jürgen uns diese E-Mail geschrieben hat und ich seinen spannenden zweiten Roman lesen durfte, dessen Lektüre etwas Besonderes war und sehr viele Fragen aufgeworfen hat. Umso mehr freue ich mich, dass Jürgen all meine Fragen beantwortet hat. Seine Antworten darf ich euch jetzt hier vorstellen – fürchtet euch nicht.

Was wir fuerchten_Jürgen Bauer

1. In Deinem Roman „Was wir fürchten“ geht es um Georg, dessen Leben seit seiner Kindheit von Angst geprägt ist. Der Roman zeigt, welche Facetten Angst haben kann und wie ein Leben aussieht, das täglich von Angst begleitet wird. Der Leser schlüpft teilweise in der Ich-Erzählung in Georgs Kopf und erfährt in der Rückschau von seinem Leben seit Kindheitstagen. Was bedeutet für Dich Angst und was bedeutet Angst für Deinen Protagonisten Georg?

Angst resultiert aus dem Gefühl von Kontrollverlust. Die Welt und die Menschen um einen, aber auch das eigene Leben, lassen sich nicht mehr kontrollieren, nicht mehr beeinflussen. Man hält die sprichwörtlichen Zügel nicht mehr in der Hand. Dieses Gefühl ist nicht nur für mich, sondern auch für Georg, Ausgangspunkt aller Angst: Der Körper gehorcht eigenen Gesetzen, Familie und Freunde beeinflussen das eigene Leben, Geschehnisse lassen sich nicht planen und treiben den Lebensentwurf in unerwartete Richtungen. Das Spannende für mich: All das zeichnet das Leben an sich aus, führt aber auch zu Angst. Vielleicht sind die beiden Pole verknüpft und Leben heißt in Wahrheit, Angst auszuhalten?

 2. Ich denke, es gibt einen Unterschied zwischen Angst und Furcht, der gerade literarisch und sprachlich unterschiedliche Stufen der Emotionalität assoziiert. Wieso heißt ihr Roman „Was wir fürchten“? Könnte er auch „Was uns ängstigt“ heißen?

Eine spannende Frage! Angst ist für mich allgemeiner, umfassender. Furcht kennt einen konkreten Auslöser, ist begründbar. Vielleicht wäre „Angst“ im Titel also sogar passender; allerdings klang „Was wir fürchten“ immer schöner – und erinnert mich auch an die Furcht in Kindermärchen, da würde man nie von „Angst“ sprechen. Und nachdem der Roman ja auch die Geschichte einer Kindheit ist, passt das wieder.

4. Wie kommen Sie auf das Thema Angst? Haben Sie sich medizinisch und psychologisch mit Angstneurosen und deren Entstehung beschäftigt, oder selbst einen persönlichen Bezug? Interessante Frage wäre, wann Angst zu Paranoia wird und inwiefern solche psychischen Dispositionen erlernt oder vererbt werden. Bei Georg könnte man sagen, er bekommt die Angst durch den Vater schon vorgelebt und sie gehört zu seinem Alltag, … oder?

Zu allererst: Das Buch ist – aufatmen! – nicht autobiographisch. Die Angst im Roman ist also keine, die ich persönlich kenne. Allerdings kenne ich das Gefühl, dass einem die Kontrolle entgleitet, dass Dinge sich verändern, Menschen sich als „anders“ entpuppen und eine unbekannte Seite zeigen. Wie oben schon geschrieben: Um diese Ur-Angst ging es mir im Roman. In meinem ersten Buch „Das Fenster zur Welt“ stand die Frage im Mittelpunkt: „Wie wird man der Mensch, der man ist?“ Das wollte ich in „Was wir fürchten“ weiterverfolgen und fragen: „Wer beeinflusst diese Entwicklung, wer kontrolliert den Lebensweg?“. Und vielleicht ist man das ja nur zu einem geringen Prozentsatz selbst, vielleicht sind es ganz stark auch andere Menschen, Zufälle.

Mir ging es also weniger um eine psychologische Fallstudie – obwohl ich auch da mit Hilfe einer Ärztin recherchiert habe –, mir ging es stärker um eine allgemeine Auseinandersetzung damit, was unser Leben prägt. Also eine Auseinandersetzung mit Angst und Kontrollverlust, die auch all jene nachvollziehen können, die mit den alltäglichen Ängsten, die ja jeder kennt, besser umgehen können als Georg! Weiterlesen

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