[Rezension] David Foster Wallace: „Der bleiche König“ und D.T. Max: „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace – Ein Leben“

DSC01806Am Ende bleibt nur ein Haufen Manuskriptseiten in einer Garage. Als sich der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace im September 2008 das Leben nimmt, hinterlässt er den unvollendeten Roman „Der bleiche König“. Ich bin sicher, er wäre großartig geworden.

Aber je fragmentarischer eine Erinnerung ist, desto authentischer fühlt sie sich komischerweise an. Ich frage mich, ob irgendein Mensch das Gefühl hat, er wäre noch derselbe wie der, an den er sich erinnert. Wahrscheinlich bekäme er einen Nervenzusammenbruch. Wahrscheinlich ergäbe es überhaupt keinen Sinn.“

Der Herausgeber Michael Pietsch hat sich der Aufgabe gewidmet, sich durch seitenweise Manuskriptseiten und unzählige Notizen des perfektionistischen Autoren zu arbeiten, um sie in Form eines unfertigen Romans zu veröffentlichen.

Es geht um den vielleicht langweiligsten Job überhaupt: im amerikanischen Finanzamt IRS. Vermutlich kann nur Foster Wallace die Angestellten dort, ihre Einstellung, ihre Feierabende, ihre skurrilen Kinder, ihren Alltag … so beschreiben, dass man es gerne und interessiert liest und sogar wissen will, wie es weitergeht. Die mit durchnummerierten Paragraphen überschriebenen Kapitel sind fragmentartig zusammen gestellt. Sie geben Einblicke in das Leben und vor allem Arbeiten der verschiedenen Personen, die im IRS angestellt sind. Dabei gibt es weder „einen“ Protagonisten, was in „Unendlicher Spaß“ ähnlich ist, noch eine runde Handlung oder klare Struktur. Letzteres ist sicherlich dem geschuldet, dass der Roman unvollendet blieb. Weiterlesen

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Unser persönlicher Jahresrückblick in Büchern

Es ist wieder soweit: Das Jahr 2014 geht zu Ende und wir blicken auf ein Jahr voller großartiger oder auch enttäuschender Leseerlebnisse zurück. Aus über 84 Büchern, die wir dieses Jahr gelesen haben, suchen wir die für uns persönlich am interessantesten oder ernüchterndsten heraus und ziehen hier ein Resümee. Nicht jedes Buch war ein Lesevergnügen, aber wir haben viel daraus gelernt. Es bleiben am Ende nur unsere persönlichen Eindrücke. Möge sich jeder Leser selbst eine Meinung bilden, uns widersprechen oder seinen Eindruck mit uns teilen.

Die 5 überzeugendsten Bücher des Jahres

P1050376… von Katja:

Siri Hustvedt: „Leben, Denken, Schauen“ (Essays)

Siri Hustvedt ist einfach eine großartige Autorin und hat mich auch mit ihren Essays total überzeugt. Denn sie verknüpft auf sehr unterhaltsame, kluge Weise literaturwissenschaftliche, soziologische, psychologische und philosophische Gedanken, die zum Nachdenken anregen und einen unheimlichen Wissensschatz beherbergen.

Aléa Torik: „Das Geräusch des Werdens“

Aléa Torik war für mich ja schon DIE Entdeckung des letzten Jahres und hält auch im zweiten Roman wieder, was ich erwartet habe. Ihr Debütroman über die Verflechtungen der Bewohner eines rumänischen Dorfes verknüpft Poesie und originelle Erzählkunst. Ein eindrucksvolles Leseerlebnis!

Jonathan Safran Foer „Extrem laut und unglaublich nah“

Die Geschichte des kleinen traurigen Oskars, der in New York nach dem 11. September seinen Vater sucht, hat mich nachdrücklich berührt. Jonathan Safran Foer gehört für mich zu meinen absoluten Lieblingsautoren, die ich jedem empfehlen würde.

Virginia Woolf: „Mrs. Dalloway“

Virginia Woolf ist als Frau und Schriftstellerin die Vorreiterin der modernen englischen Literatur. „Mrs. Dalloway“ ist literarisch und stilistisch großartig und sollte von jedem gelesen werden.

Ray Bradbury „Fahrenheit 451“

Dieser Klassiker der Science-Fiction-Literatur hat nicht unbedingt des höchsten sprachlichen Anspruch, ist aber vom Inhalt her wahnsinnig interessant und hochspannend: Eine frühe Dystopie über die moderne Unterhaltungsgesellschaft, die Bücher verbrennt und unter Strafe stellt und ihre Gesellschaft mit Drogen ruhig stellt.

 … von Laura:

Aléa Torik: „Aléas Ich“

Ein bemerkenswerter Roman über Fiktionalität, Stadtleben, Identität und das Spiel mit der Wirklichkeit. Die fiktive Autorin schreibt auf innovative und eindrucksvolle Weise über eine Figur ihres Namens und die Entstehung eines Romans, den der Leser in den Händen hält.

Hier der Link zu einem Interview von Katja mit Aléa Torik zum Roman.

David Foster Wallace: „In alter Vertrautheit“ (Stories)

Wer sich bisher noch nicht an David Foster Wallace herangetraut hat, findet in den Stories einen guten Einstieg: Es geht um skurrile Alltäglichkeiten, umfangreich recherchierte Details, schillernde Charaktere und das alles ist in einer postmodernen einfallsreichen Sprache verpackt.

Eine Besprechung zu zwei Storybänden von David Foster Wallace findet ihr hier.

Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“

Dieses Buch hat mich dieses Jahr ganz besonders bewegt. Es handelt sich um die gedruckte Form des Blogs, den Herrndorf hier veröffentlichte, ursprünglich um seine Freunde an seiner Auseinandersetzung mit der Diagnose Glioblastom teilhaben zu lassen.

An dieser Stelle findet er mehr meiner Eindrücke und Gedanken zum Buch.

David Mitchell: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“

Mitchell, der mich bereits durch seinen „Wolkenatlas“ beeindruckte, erzählt in diesem umfangreichen Roman von Niederländern im 18. Jahrhundert in Japan und die Geschichte Jacob de Zoets, der sich in die japanische Hebamme Orito verliebt. Eine klassisch-stringente Erzählung die eine große Sogwirkung entfaltet und die eine oder andere Überraschung bereithält.

Link zur Rezension des Buches

Siri Hustvedt: „The Blazing World“

Siri Hustvedt hat mich dieses Lesejahr nicht nur durch ihre Essays beeindruckt, sondern auch durch ihren jüngsten Roman, in dem es um die Künstlerin Harriet Burden geht, die ihre Werke von drei männlichen Stellvertretern ausstellen lässt. Wie häufig bei der Autorin geht es um Fragen der Identität, um den Kunstmarkt, Gender und Psychologie.

Link zur Rezension des Buches

Die 5 enttäuschendsten Bücher des Jahres

P1050377… von Laura:

David Wonschewski: „Geliebter Schmerz. Melancholien“

Geschichten, die die Melancholie und den Schmerz als wertvoll für das Leben und die menschliche Erfahrung erscheinen lassen wollen, die aber bemüht und teils klischeebelastet daherkommen, langweilen und letztlich belanglos bleiben.

Link zur Besprechung der Geschichten

Joel Haahtela: „Der Schmetterlingssammler“

Seichte Lektüre für zwischendurch, deren einziger Höhepunkt im Ende besteht, wenn es auf eine psychologische Erklärung der Handlung hinausläuft… Ansonsten: uninteressante Charaktere mit überstrapazierten Bildern (Schmetterlinge, altes, verlassenes Haus, Staub im lichtdurchfluteten Zimmer, geheimnisvolles Erbe…).

Edouard Lévé: „Selbstmord“

Ein Erzähler richtet sich in 2.Person Plural an jemanden, der sich umgebracht hat – das klang vielversprechend, besonders unter Berücksichtigung dessen, dass Lévé selbst sich nach Abgabe des Manuskripts umbrachte. Doch es geschieht nichts, man erfährt nicht viel über den Selbstmörder und sonderlich nah geht es leider auch nicht.

Pierre Michon: „Leben der kleinen Toten“

Michons kleine Geschichten von Menschen, die bereits tot sind, sind derart schwurbelig und „auf alt gemacht“ geschrieben, dass es nur langweilt, sie zu lesen. Ich musste das Buch, das ich für unseren Literaturkreis lesen wollte, aus Motivationslosigkeit leider abbrechen.

Helwig Arenz: „Der böse Nik“

In Arenz´ Debütroman geht es vorwiegend um Grenzüberschreitungen moralischer Art, Gesetzesbrüche und das Leben unter Drogeneinfluss. Das Buch liest sich unterhaltsam und bitterböse, und es weist einige wenige poetische Stellen auf, die aber für den krachenden, ereignisreichen Gesamtkontext zu leise sind, und darin untergehen.

Link zur Besprechung von mir auf „Das Debüt“

… von Katja:

David Mitchell „Der Wolkenatlas“

Leider für mich eine kleine Enttäuschung und nicht so überzeugend, wie es für Laura es war. Die Geschichte war für mich nicht rund, schlüssig und stringent erzählt und hat mich einfach nicht so gepackt.

Dave Eggers „Der Circle“

Dieser Roman über den Twitter-Facebook-Google ähnlichen Konzern „The Circle“, der als bahnbrechende Dystopie angekündigt wurde, fand ich völlig inspirationslos und überschätzt. Für mich leider ein enttäuschendes Leseerlebnis ohne Esprit, mit blassen Figuren und ohne wirklich stringenten moralischen Zündstoff.

Haruki Murakami „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“

Eigentlich mag ich Murakami sehr und war begeistert von „Naokos Lächeln“. Dieser jüngste Roman hat mich sprachlich und inhaltlich sehr enttäuscht, wegen seiner farblosen Figuren, überladen-erzwungenen Metaphern und unschlüssigen Figurencharakteristik sowie Handlung.

Gerbrand Bakker „Der Umweg“

Das im Rahmen eines Lesekreises gelesene Buch hat mich überhaupt nicht gepackt oder berührt und war daher ein überflüssiges Leseerlebnis. Sehr leise und still erzählt mit geringer Figurendramatik und seltsam-absurden Dialogen, ohne Sprachkunst.

J.M. Coetzee „Leben und Zeit des Michael K.“

Nobelpreisträger Coetzee konnte mich leider auch nicht überzeugen und der Sinn oder die Botschaft der Geschichte ließ sich für mich nicht erschließen. An den oft mit ihm verglichenen Franz Kafka kommt er meiner Meinung nach um Längen nicht heran.

*** Wir wünschen euch einen guten Start ins Lesejahr 2015!!! ***

[Rezension] Siri Hustvedt – „The Blazing World“

Hustvedt_BlazingWorldSiri Hustvedts neuen Roman „The Blazing World“ musste ich auf englisch lesen, nachdem ich von dj709 von Binge Reading auf den Roman aufmerksam gemacht worden war, weil ich nicht die deutsche Übersetzung abwarten kann / will.

She remembered what I had forgotten, and I remembered what she had forgotten, and when we remembered the same story, didn´t we remember it differently? But neither of us was prevaricating. The scenes of the past were continually being shifted and reshuffled and seen again from the vantage point of the present, that´s all, and the changes take place without our awareness. Harry hat reinterpreted any number of memories. Her whole life looked different.“

Wieder sind Identität, die Kunstwelt, Gender-Fragen, Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch Erinnerung und das neurowissenschaftliche Verhältnis zwischen Phantasie / Idee und deren Umsetzung in die Wirklichkeit zentrale Themen der Autorin. Was neu ist, ist die Schreibweise, die Baukonstruktion des Buches.

Bei „The Blazing World“ strickt Hustvedt die Geschichte gewisserweise aus vielschichtigen Fragmenten heraus. Man liest Zeitungsberichte, Aussagen von Angehörigen und Freunden, Interviews, Reviews zu Ausstellungen und vor allem Notizbucheinträge der Protagonistin und puzzelt sich so Stück für Stück das Geschehen zusammen. Und das macht richtig Spaß, gerade weil es nicht dem linear erzählten Lesefluss entspricht, den man sonst häufig in zeitgenössischer Literatur aus Amerika findet. Darüber hinaus ergibt sich eine interessante Polyperspektivität, da verschiedene Personen, die ins Geschehen mal mehr, mal weniger integriert sind, ihre Sicht der Dinge wiedergeben. Weiterlesen

L. Sonntag mit Proust (am Montag)

Marcel Proust über den Wandel der Zeit und deren Effekt auf unsere Persönlichkeitsentwicklung, über Wünsche hin zu einem alternativen, unveränderlichen Sein, in dem alles bliebe, wie es war und die Unmöglichkeit dessen:

„Wir wünschen uns leidenschaftlich, es möchte ein anderes Leben geben, in dem wir dieselben bleiben, die wir hienieden gewesen sind. Aber wir bedenken nicht, daß wir, sogar ohne erst auf dieses andere Leben zu warten, schon in diesem hier nach einigen Jahren dem untreu werden, was wir gewesen sind und was wir selbst in der Unsterblichkeit noch wiederfinden wollten. Doch selbst wenn wir nicht voraussetzen, daß der Tod uns stärker verändert als die Wandlungen, die sich im Laufe unseres Lebens vollziehen, würden wir uns in jenem anderen Sein, sobald wir dem Ich begegneten, das wir gewesen sind, von ihm abwenden wie von Personen, mit denen wir zwar befreundet waren, die wir aber längere Zeit nicht gesehen haben.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.2: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 357 f.

@bout: „Das Geräusch des Werdens“ von Aléa Torik

Nachdem wir beide sehr begeistert von „Aléas Ich“ waren, haben wir gemeinsam den Debütroman der Autorin „Das Geräusch des Werdens“ gelesen.
In diesem Roman verdichtet sich ebenfalls die rumänische Lebenswelt rund um den Ort Marginime mit der Berliner Gegenwart. Anhand mehrerer Familien und Figuren entspinnt sich ein Netz aus Zusammenhängen, in denen es um Lebensentwürfe und Liebe, um Aufbruch und Stillstand, um Blindheit, Fotografie und Heimat geht.

Alea Torik_Das Geräusch des Werdens

Ich stehe gebannt am offenen Fenster und höre, wie eine Umgebung entsteht, wie Gegenstände wachsen und werden. In solchen Momenten wird der Raum, den ich oft nur als drückende Masse empfinde, die auf mir lastet, zu einer Umgebung und einem Gefüge, in das ich eingebettet bin. Ein Leben, zu dem ich gehöre und an dem ich teilnehme. An ihren Geräuschen kann ich erkennen, dass da draußen tatsächlich eine Welt existiert und nicht nur unendlicher Raum. Man müsste all das, was wird, was entsteht oder vergeht, alles, was eine Entwicklung nimmt, einen Verlauf oder eine Veränderung, man müsste alles dazu zwingen, dabei ein Geräusch zu machen. Denn nur am Geräusch des Werdens kann ich erkennen, das etwas ist.“

Laura: Es ist ja bereits bei uns beiden eine Weile her, dass wir „Das Geräusch des Werdens“ von Aléa Torik gelesen haben. Was ist dir noch besonders in Erinnerung geblieben?

Katja: Erstmal muss ich sagen, dass ich Aléa Toriks Art eine Geschichte zu erzählen, wunderbar finde und sehr beeindruckt von ihrem Sprachgefühl bin. Ich erinnere vor allem die Hauptfiguren Leonie und Marijan, mit denen die Geschichte beginnt – im Gedächtnis bleiben mir vor allem bestimmte Situationen, Gefühle und Bilder. Großartig wie eindrücklich die Autorin ihre Figurenwelten zum Leben erweckt. Weiterlesen

Bericht vom 2. KunstSalon am Dienstag bei Susanne Haun – Thema: Ichfindung und Identitätsbildung

Susanne Haun

Gestern fand mein 2. KunstSalon am Dienstag zum Thema „Ichfindung und Identitätsbildung – Das Ich im Laufe der Moderne und Postmoderne“ statt.

Katja und Laura vom Blog aboutsomething führten uns durch das Thema. Herzlichen Dank an beide für ihre sehr guten Ausführungen, die uns zur Diskussion anregten.

Salon zum Thema Ichfindung (c) Foto von Susanne Haun Salon zum Thema Ichfindung (c) Foto von Susanne Haun

Katja stellte die Grundfragen der Identität und Individualisierung aus Sicht der Soziologie vor:

Ihre Quelle war dabei:
Heinz Abels, Identität – Lehrbuch, 2. üb. erw. Aufl. 2010, Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden

„Grundfragen der Soziologie im Hinblick auf das Individuum im Verhältnis zu sich:

• Wie ist die Vorstellung des Menschen, ein Individuum zu sein, entstanden?
• Welcher Anspruch hat sich aus dieser Vorstellung ergeben?
• Wie sehen die gesellschaftlichen Bedingungen in der fortgeschrittenen Moderne aus?
• Was ist Identität? – Wie bin ich geworden, was ich bin (Entwicklung des Selbst)? Wer will ich sein…

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Zadie Smith: „NW“, 2012

NW

Wenn ich reise, lese ich gern unterwegs einen zum Reiseort passenden Roman. Anlässlich eines kurzen London-Trips mit Katja las ich Zadie Smith´s „NW“ auf Englisch, während sie sich dem Klassiker „Mrs. Dalloway“ widmete.

The fat sun stalls by the phone masts.“ / „Die pralle Sonne trödelt bei den Telefonmasten.“ (erster Satz)

Zadie Smith, selbst in London North-West geboren und aufgewachsen, ermöglicht einen komplett untouristischen, detailreichen und sprach-experimentellen Einblick in das Londoner (Randbezirk-) Leben. Vier Figuren werden umrissen und man liest von einem Stück ihres Lebens, lauscht ihren Dialogen, sieht ihnen zu, erlebt verschiedene Zeitspannen, die sich je nach Figur unterscheiden. Alle vier, Leah, Felix, Natalie und Nathan, sind im gleichen Stadtteil aufgewachsen, bringen unterschiedliche kulturelle Hintergründe mit, und haben zwar die gleiche Schule besucht, entwickeln sich dann aber in ganz verschiedene Richtungen. Weiterlesen

3 Bücher und das konstruierte Ich

Es kommt vor, dass ich – scheinbar zufällig, doch vielleicht ist es so, dass mich ein Thema unterschwellig beschäftigt und ich demnach unbewusst meine Lektüre auswähle – mehrere Bücher lese und dann feststelle, dass ihnen ein gemeinsames Motiv zugrundeliegt. So ging es mir auch im Januar: Nachdem ich Milena Michiko Flasars „[Ich bin]“, Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und Aléa Toriks „Aléas Ich“ gelesen hatte, und ohnehin nach „Aléas Ich“ intensiv über Identität und Ich-Konstruktion nachdachte, fiel mir auf, dass es genau darum auch in den anderen beiden Büchern ging.

3Bücher und das Ich

Ich-Konstruktion und Identität bei Flasar, Torik und Carroll

Alle drei Bücher las ich aus völlig unterschiedlichen Beweggründen heraus. Alle drei haben mich auf ihre Weise fasziniert, unterhalten und zum Nachdenken gebracht, jedes auf seine spezifische Art. Ich will euch im Folgenden von meinen unterschiedlichen Leseerfahrungen und Gedanken über Ich-Konstruktion und Identität berichten, ohne allzu literaturtheoretisch-philosophisch-psychologisch ausufernd werden zu wollen… Darüber hinaus habt ihr euch in dem Interview, das Katja mit Aléa Torik führte, bereits ausgiebig mit dem Thema in ihrem Buch beschäftigen können.

„Aber wenn ich nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist das Rätsel!“
(Alice im Wunderland)

Milena Michiko Flašar: „[Ich bin]“

Nachdem ich von „Ich nannte ihn Krawatte“ sehr begeistert war, las ich „[Ich bin]“ mit zugegebenermaßen hohen Ansprüchen an Sprachintensität, Prägnanz und Inhalt. Ganz mithalten konnte dieses 2008 erschiene Sprachwerk nicht, besonders den Inhalt betreffend: Es geht schlicht um verschiedene Varianten von Liebe und den damit einhergehenden Gefühlen. Aber: Es handelt sich um ein durchaus lesenswertes sprachliches Kleinod, das eine eigene Wirkkraft erzeugt, wenn man in seinen drei Teilen eintaucht. Um einen Eindruck zu gewinnen die Überschriften der Teile: I) Im Zeichen des Feuers. Ein Stück lyrische Prosa in zwei asymmetrischen Teilen. II) Ništa, Ništa oder Die Puppenspielerin. III) Go Far West. Eine Reise in Abhängigkeiten. Weiterlesen

Aléa Torik über Fiktion, Wirklichkeit und Identität

Vor einiger Zeit wurde ich im Blog Aisthesis von Bersarin http://bersarin.wordpress.com/ auf das Werk einer jungen Autorin in meinem Alter aufmerksam – Aléa Torik. Ich recherchierte ein wenig, wer die als in Berlin lebende Rumänin beschriebene Frau sei, die mit „Das Geräusch des Werdens“ ihren Debütroman vorlegte. Daraufhin entdeckte ich ihren Blog http://www.aleatorik.eu/ und las gleich darauf ihren zweiten Roman „Aléas Ich“. Dieser zog mich magisch in seinen Bann, ich bemerkte wie sehr Blog und Roman zusammengehören und verlor mich in der Sprache, der Konstruktion, den Figuren, Aléas Gedanken und Erleben, ihren Reflektionen über ihr Leben, das Schreiben ihrer Doktorarbeit d.h. ihres Romans und verlor mich und verlor mich und verlor mich … Ich bin sehr beeindruckt von der literarischen Qualität dieses Textes, der nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern kritische und wichtige Fragen an die Gesellschaft stellt und den Leser radikal mit der Fiktionalität und Konstruktion konfrontiert, ja ihn fordert. Es bleibt das Gefühl hier etwas ganz Großartiges gelesen zu haben und der Text inspirierte mich zu vielen Fragen. Ich nahm just Kontakt zur Autorin auf und konfrontierte sie mit all meinen Fragen. Diese und ihre ausführlichen Antworten darf ich nun hier mit euch teilen, denn sie sind äußert erhellend, man könnte sie gar als Statement bezeichnen. 

Vorher noch eines – nehmt euch die Zeit und lest Aléa Torik!TORIK_LAY_final.indd

1) Katja zu Fiktion vs. Wirklichkeit: Ein zentrales Thema Ihres Buches ist der Wirklichkeitsbegriff, nach dem Sie gleich zu Beginn (S. 23) fragen: „Wenn alle Wirklichkeit nur Konstruktion ist, können wir dann mutwillig alles konstruieren?“ … „Wirklichkeit ist, was wir dafür halten, was wir konstruieren.“ (S. 22) Die „neue“ Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts ist jene des Netzes und ihrer radikalen Projektionen. Ihr Wirklichkeitsbegriff bezogen auf die digitale Realität sagt aus, dass alles um unsere Identität herum konstruiert sei. Kann man daraus eine moralische Frage ablesen? Was ist dann mit denjenigen, die sich der virtuellen Wirklichkeit verweigern, keinen Blog haben und nicht per Facebook kommunizieren? Ist denn mit dieser Weigerung eine fundamentale Lebensverweigerung gleichzusetzen, da ich mich quasi dieser virtuellen Realität entziehe und in ihr nicht stattfinden will? Ist es überhaupt möglich, sich dieser zu entziehen, wenn man „vollwertig“ an der Realität partizipieren will?

Aléa Torik:

Bevor ich die Frage beantworte, will ich mich für die Gelegenheit bedanken, mich zu meinem Text äußern zu können. Da ich nicht einfach nur einen Roman geschrieben habe, den man an vielen Orten rezensieren, erörtern oder befragen könnte, sondern einen Roman über eine Person, die über Jahre ein literarisches Blog im Netz führt, ein Blog, das es wirklich gibt; da ich gewissermaßen das Blog und den Roman zu einer Einheit verwebe, empfinde ich andere literarische Blogs geradezu als erste Adresse für eine Auseinandersetzung mit dem, was ich da gemacht habe. Ich war verwundert, vielmehr verärgert, weil es zwar viele Reaktionen seitens des Feuilletons gab, aber kaum ernstzunehmende aus der Bloggerszene – bis auf eine einzige Ausnahme, das Blog Aisthesis, wo beide Romane besprochen wurden und auch darüber hinaus versucht wird, dem Phänomen Aléa Torik eine Position in der Literatur zuzuweisen, hier, geschweige denn eine richtige Auseinandersetzung, wie sie hier offenbar stattgefunden hat. Das ist an Ihren Fragen zu erkennen, die vor allem um das Netz kreisen. Das hat bisher noch niemand so deutlich angesprochen und thematisiert. Weil das aber im Grunde der wesentliche Umstand meines Romans ist, antworte ich sehr ausführlich.

Der Roman ist der Versuch eine moderne Wirklichkeit zu beschreiben, in der das Netz eine wesentliche Rolle spielt. Also nicht das Netz selbst und auch nicht die Tatsache, dass wir bisweilen mal im Netz ein Buch bestellen oder eine Email schreiben. Ich meine, wenn ich von Netz rede, den fundamentalen Bruch in einem Gewebe namens Wirklichkeit durch den Cyberspace.

Ich frage gleich zu Beginn des Romans nach Wirklichkeit, sogar noch vor der zitierten Stelle. Die Autorin und Protagonistin dieses Romans, Aléa Torik nämlich, sitzt in der Bibliothek, im Lesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums in Berlin vor ihrem Rechner und schreibt nach Das Geräusch des Werdens an ihrem zweiten Roman. Dann schaut sie an die Decke und sieht eine Frau durch eines der Oberlichter durch die zwanzig Meter hohe Halle fallen und „mit einem entsetzlichen Geräusch“ unten auf den Boden aufschlagen. Die einzige Reaktion Aléas darauf sind einige Gedanken darüber, ob das wirklich geschehen ist. Jeder andere würde wohl erst einmal zu Hilfe eilen und sich danach Gedanken über die ontologische Wertigkeit machen. Man kann vermuten, dass dieses Ereignis lediglich in ihrer Fantasie stattgefunden hat, vielleicht weil das in ihrem Roman geschehen könnte. Oder weil sie eben Dinge sieht, die nicht wirklich geschehen. Sie hat möglicherweise eine kleine psychische Auffälligkeit. Das wird später durch das Motiv des Verfolgungswahns auch noch ausgebaut.

Das darauffolgende Kapitel jedenfalls beschreibt das Gespräch zwischen ihr und ihrem Professor Joseph Vogl, bei dem sie zum Thema »Identität, Authentizität und Illusion – Zur Theorie der Fiktionalität« promoviert. Der gibt ihr zu verstehen, dass sie eine unzureichende Auffassung von Wirklichkeit hat. Er selbst stellt dann aber nicht seine eigene Auffassung da, sondern problematisiert das: er hält einen kleinen Vortrag über die Veränderungen des Wirklichkeitsbegriffs in den vergangenen 500 Jahren und sagt, dass eine veränderte Welt auch einen veränderten Begriff von Wirklichkeit braucht. Und er gibt ihr einen Rat für den Roman an dem sie schreibt: »Lassen Sie es doch zu einer Kollision von darstellender und dargestellter Person, erzählendem und erzähltem Ich kommen« (AI, 24) Und genau das macht sie dann auch: Aléa spaltet sich im weiteren Verlauf auf, in erzählende Person und erzählte Figur.

Dieses Gespräch über Wirklichkeit zwischen Aléa Torik und Joseph Vogl stellt sich in der Mitte des Romans als frei erfunden heraus, also Teil ihres Romans, den sie mit einem Gespräch zwischen sich und ihrem Professor beginnen lässt. Und am Ende dieses Romans liegt sie auf dem Boden, erinnert sich an dieses Gespräch und kommt zu folgender Erkenntnis: „Ich denke mir die Dinge bereits aus, während ich sie erlebe. Ich erlebe sie, indem ich sie mir erzähle, indem ich sie in eine narrative Struktur bringe. Ich lege über alles, was meine Sinne aufnehmen, eine Schicht: die fiktive Version eines wie auch immer gearteten, unerkennbaren Wirklichen. Ich weiche in einer Erzählung ein wenig ab, auch wenn ich nicht weiß, wovon ich abweiche. Ich hatte bereits als Kind gelernt, dass man Dinge nicht erzählen kann, ohne sie zu verändern. Gibt es überhaupt einen klaren Trennstrich zwischen den zwei Welten? Oder verschiebt sich das, je nachdem, wer etwas mit welchen Intentionen betrachtet, und der eine tut als Fantasie ab, was der andere als Wirklichkeit abtut? Wer etwas darstellt, der erfindet es bereits, zumindest erfindet er seine Darstellbarkeit. Und darstellen muss man. Denn die Dinge sind, so wie sie wirklich sind, unaushaltbar. Weil sie einfach nur sind. Ohne jede andere Dimension, ohne subjektive Ebene“ (AI, 408).

Ich bin keine Anhängerin des radikalen Konstruktivismus, auch wenn in seinen Positionen vieles steckt, was ich als zutreffend empfinde. Ich versuche lediglich für diesen Roman eine Wirklichkeit zu beschreiben, die sich tatsächlich ganz stark um den Begriff der Identität dreht. Der Professor Aléas – der über seine Rolle in diesem Roman informiert ist -, hat ein sehr interessantes Interview zum Thema Identität im 21. Jahrhundert gegeben, hier. Wer Aléas Ich gelesen hat, kann erkennen, inwieweit Aléa Positionen Vogls anspricht, etwa bei den Wolken; er sagt dort: ‚alles was geschieht oder was nicht geschieht, hat denselben ontologischen Wert‘. Möglicherweise ist Aléas Verhalten bei der durch die Halle fallenden Frau eine Reaktion auf das, was die Doktorandin bei ihrem Professor gelernt hat.

Personelle Identität ist natürlich erst einmal eine körperliche und weil sie das ist, ist sie dann auch eine sexuelle. Indem wir uns als Junge oder Mädchen erfahren, identifizieren wir uns. Identität ist also ein Prozess. Wir identifizieren uns mit Bildern, die uns andere, die uns die Gesellschaft vorhalten. Das verläuft natürlich für jeden anders, der eine identifiziert sich mit einem Selbstbild, indem er Position an- und übernimmt, der andere, indem er sie ablehnt. Ich meine, dass der Aspekt der Konstruktion dabei kaum zu überschätzen ist. In einer Lebenswirklichkeit, in der unsere Erscheinung, unser Körper und unser Gesicht, eine Rolle spielt, wo wir also anwesend sind, sind wir deutlicher an diese Identität gebunden als etwa im Radio, wo die Stimme viel wichtiger wird, weil der Gesichtssinn ausfällt. Im Netz sind wir noch freier, da fallen nahezu alle Ebenen weg, aus denen sich unsere Wirklichkeit sonst zusammensetzt. Ob wir diese Freiheit schätzen oder nicht: wir nutzen sie. Ich will keinen universalen Identitätsbegriff propagieren. Ich glaube, dass das Netz eine andere Wirklichkeit hervorbringt, für die, die sich in ihm bewegen. Mehr nicht. Wer nicht ‚surft‘, muss sich um die vom und die im Netz geschlagenen Wellen auch keine Gedanken machen, er wird in dieser, in der realen Welt untergehen, nicht in der virtuellen. Weiterlesen

Wolfgang Herrndorf: „Sand“ (2011)

Der Mensch war eine Maske, die Welt nur Fassade und hinter allem ein Gedanke und ein Geheimnis. Und hinter jedem Geheimnis noch ein Geheimnis, wie der Schatten eines Schattens.“ Sand

Der Inhalt dieses Buches ist nicht fassbar. Er zerrinnt einem wie Sand zwischen den Fingern. Ein Protagonist ist auf der Suche nach seiner Identität. Er bekommt im Verlaufe der Handlung erstmal den provisorischen Namen Carl. Doch wer ist das Ich, das sich plötzlich auf Seite 47 zu Wort meldet? Und welchen Zusammenhang gibt es zu Jean Bekurtz, der ganz am Ende auftaucht? Haben die jedes Kapitel einführenden Zitate (von Kafka, über Dagobert Duck bis hin zu religiösen Textstellen) eine Bedeutung? Wer verwirrende Romane, die sich nicht gleich (oder gar nicht) erschließen, mag, der wird „Sand“ lieben. Ein Buch, das viele Fragen aufwirft. Und am Ende vor allem eines aussagt: Alles, alles ist vergeblich.

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