Jonathan Safran Foer: „Extrem laut und unglaublich nah“ (2005)

Extrem laut und unglaublich nahWow! Jonathan Safran Foer begeisterte mich mit seinem Debütroman „Alles ist erleuchtet“ (2002) bereits über die Maßen. Sein erzählerisches Können zeigt er auch in seinem zweiten Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ und ich kann mich wirklich nicht entscheiden, welches der beiden Bücher ich lieber mag. Ich möchte euch sagen: Lest dieses großartige Buch!

Jonathan Safran Foer erzählt in diesem Roman auf ganz einfühlsame, humorvolle und einzigartige Weise die Geschichte des neunjährigen New Yorker Jungen Oskar Schell, dessen Vater beim Anschlag auf das World Trade Center ums Leben kam. Doch ist dieses Buch weder ein politisches Buch noch geht es um Hintergründe oder Details des furchtbaren Terroranschlag von 2001.

Safran Foer hält kein Plädoyer über politische Schuld und Verantwortung, sondern nimmt diejenigen auf sensible Weise in den Blick, die an diesem Tag alles verloren haben: Menschen, die sie liebten. Oskar ist kein gewöhnlicher Junge, er ist „Pazifist, Erfinder, Schmuckdesigner, Tamburinspieler“ (so lautet es auf seiner Visitenkarte) und vollkommen verstört und wütend über den Verlust seines Vaters Thomas. Der Autor bewegt sich weg von der politischen Dimension des Ereignisses und nimmt es als Anlass für eine der schlimmsten Erfahrungen, die einem Kind passieren können – ein Elternteil zu verlieren. Wir begleiten den kleinen, klugen, vorwitzigen und mutigen Oskar bei der skurrilen Reise auf den Spuren seines Vaters durch das New York von 2001. Dabei lernen wir in Briefen seiner Großmutter und seines Großvaters die Wurzeln und Verzweigungen von Oskars Familie kennen, die bis in das zerbombte Dresden des 2. Weltkriegs führen.

Der Autor verwebt geschickt die verschiedenen Zeitebenen ineinander. Dabei spiegelt sich die aktuelle Situation Oskars in der seines Großvaters im Nazideutschland. Dieser erfährt in einer ähnlich katastrophalen Kriegssituation den größten Verlust seines Lebens, der ihn zu einer Lebenslangen Sprachlosigkeit führt, die nicht bloß symbolisch ist. So dass diese damaligen Ereignisse bis in das Leben des kleinen Oskars, seiner Mutter und Großmutter hineinwirken und auch die Geschichte einer amerikanischen Familie erzählen, die in Deutschland begann. So verwebt sich Zeitgeschichte ineinander und zeigt, welche Auswirkungen das Weltgeschehen auf Generationen haben kann und dass Geschichte nicht nur Ereignisgeschichte, sondern vor allem die Geschichte von einzelnen Menschen und Schicksalen ist. Dabei muss nicht alles authentisch sein, denn wir haben es hier mit einem Roman zu tun und keiner zeitgeschichtlichen Abhandlung. Das sollte man beim Lesen nicht vergessen. Man sollte eintauchen in die wunderbaren Bilder von Jonathan Safran Foer, der Worte findet, wo eigentlich keine mehr sind.

„Ich dachte an alles, was man einander je sagt, und ich dachte daran, dass jeder sterben muss, ob in einer Millisekunde oder in Tagen oder Monaten oder, wenn man gerade geboren worden ist, in 76,5 Jahren. Alles, was geboren ist, muss sterben, und da heißt, dass unsere Leben wie Wolkenkratzer sind. Der Rauch steigt unterschiedlich schnell auf, aber alle stehen in Flammen, und wir sitze alle in der Falle.“ (S. 326)

Ich habe seit langem wieder ein Mal ein Buch atemlos gelesen. Denn es hat mich tief berührt, beeindruckt und nicht mehr losgelassen. Jonathan Safran Foer hat ein Gespür für das Emotionale und Poetische, für die kleinen traurigen skurrilen Momente und für Menschen, die anders sind und anders handeln. Er urteilt an keiner Stelle politisch über das damalige Geschehen und seine Auswirkungen, sondern stellt die Menschen und deren Gefühle in den Mittelpunkt. Trotz seines traurigen Themas ist dieser Roman sehr unterhaltsam, kraftvoll, poetisch, witzig-skurril und auf erzählerisch hohem Niveau. Der amerikanische Autor erschafft mit seiner großen Imaginationskraft und erzählerischem Esprit einzigartige unvergessliche Figuren, die über die Geschichte hinaus nachwirken. Ich wünsche mir, dass es irgendwo auf der Welt einen so mutigen, sauklugen und frechen Jungen wie Oskar gibt, der auf eine so großartige Weise mit dem Tod, seiner Wut, der Angst und der Frage nach seiner eigenen Rolle in der Welt umgeht. Obwohl das ziemlich unwahrscheinlich ist … Oskar ist sogar schlauer als sein Psychotherapeut Dr. Howard Fein. =)Unglaublich nah

Auch visuell gleicht der Roman einem Erlebnis, da er Fotos und Bilder aus Oskars Tagebuch enthält und Romaninhalte grafisch darstellt, so dass sich für den Leser die Unmittelbarkeit des Geschehens aufdrängtExtrem laut und man während des Lesens wie durch Oskars Augen auf die Dinge schaut, die er sieht. Einige Textstellen lösen sich fast vollständig ineinander auf und zeigen dabei doppelt die Sprachlosigkeit angesichts dramatischer Emotionen. In jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Leseerlebnis!

Jonathan Safran Foer: „Extrem laut und unglaublich nah“, KiWi-Verlag Köln, 2005.

Advertisements

6 Gedanken zu “Jonathan Safran Foer: „Extrem laut und unglaublich nah“ (2005)

  1. Es ist ziemlich lange her, dass ich diesen Roman als ersten von Safran Foer las und ich hatte ihn (außer der Jungenfigur und der grafisch ausgefallenen Gestaltung) nicht mehr sonderlich in Erinnerung. Damals habe ich nicht sonderlich reflektiert gelesen. Vielleicht sollte ich ihn einfach nochmal lesen.

    1. Ja gut, es hat immer so viele Gründe, warum man ein Buch gut findet oder es im Gedächtnis behält oder auch nicht. Bei jenem Buch wundert es mich bei dir, aber wer weiß … Es lohnt sich in jedem Fall Bücher nach Jahren nochmal zu lesen – daher hat man ja auch Bücher in seinem Bücherregal =) Mit 10 Jahren Abstand zum Beispiel kann eine Lektüre völlig anders ausfallen, manchmal liegt es an der Qualität des Textes, der entweder nur durch Handlung überzeugte und kurzzeitig fesselte, oder auch durch fabelhaft beschriebene Figuren oder durch seine Sprache und Struktur. Das ist so spannend. Gib ihm irgendwann nochmal eine Chance =)

  2. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher, auch wegen der gestalterischen Elemente. An einer Stelle ruft doch der Großvater von einer Telefonzelle an und da er aber nicht spricht, sind dann nur die Nummer abgedruckt die er drückt, weil jede Taste ja auch Buchstaben bedeutet und er so kommuniziert. Wow! Die Teile des Großvaters sind mir wirklich besonders nahe gegangen, merk ich grad wieder, wo ich drüber nachdenke.
    Großartiges Buch!

    1. Da kann ich nur sagen: absolute Zustimmung. Der Großvater ist neben Oskar die beeindruckendste Figur. Fand ich genauso!

  3. Ich liebe dieses Buch zutiefst, es hat mich sehr sehr berührt. Deswegen habe ich mir den Film auch nicht angeschaut. Alles ist erleuchtet kann ich als Film empfehlen, obwohl es natürlich das Buch nicht in allem wiedergibt.

    1. Ich mag das Buch ebenfalls sehr! Kann man ja an der Rezension erkennen =) „Alles ist erleuchtet“ hat mich noch mehr beeindruckt. Den Film kenne ich noch nicht. Vielleicht seh ich ihn mir mal an. LG von Katja

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s