LI. Sonntag mit Proust: Romantik und Erotik bei Proust

Am heutigen regnerischen Sonntag eine romantisch-erotische Stelle aus Proust, eine Begegnung des Erzählers mit Albertine:

„Beim Anblick von Albertines Regenmantel, in dem sie eine andere Person geworden zu sein schien, die unermüdliche Wandrerin der Regentage, dieses Mantels, der dicht an ihr haftend, geschmeidig und grau, in diesem Augenblick weniger ihr Kleid gegen Nässe zu schützen als vielmehr von ihr selbst durchweicht dem Körper meiner Freundin sich anzulegen schien, als wolle ein Bildhauer danach einen Abdruck von ihren Formen nehmen, riß ich die Hülle von ihr fort, die so eifersüchtig ihre ersehnte Brust umschmiegte, und zog Albertine dicht an mich heran.

Mais toi, ne veux-tu pas, voyageuse indolente,
Rêver sur mon épaule en y posant ton front?

flüsterte ich ihr zu, während ich ihren Kopf zwischen meine Hände nahm und ihr die weiten überschwemmten, stummen Wiesen zeigte, die sich im sinkenden Abendlicht bis an den Horizont erstreckten, der von den in gleicher Richtung verlaufenden Ketten ferner bläulicher Hügel abgeschlossen war.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.2: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S.366.


 

***Wir wünschen euch ruhige, erholsame Feiertage und viel Zeit zum gemütlichen Lesen!***

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L. Sonntag mit Proust (am Montag)

Marcel Proust über den Wandel der Zeit und deren Effekt auf unsere Persönlichkeitsentwicklung, über Wünsche hin zu einem alternativen, unveränderlichen Sein, in dem alles bliebe, wie es war und die Unmöglichkeit dessen:

„Wir wünschen uns leidenschaftlich, es möchte ein anderes Leben geben, in dem wir dieselben bleiben, die wir hienieden gewesen sind. Aber wir bedenken nicht, daß wir, sogar ohne erst auf dieses andere Leben zu warten, schon in diesem hier nach einigen Jahren dem untreu werden, was wir gewesen sind und was wir selbst in der Unsterblichkeit noch wiederfinden wollten. Doch selbst wenn wir nicht voraussetzen, daß der Tod uns stärker verändert als die Wandlungen, die sich im Laufe unseres Lebens vollziehen, würden wir uns in jenem anderen Sein, sobald wir dem Ich begegneten, das wir gewesen sind, von ihm abwenden wie von Personen, mit denen wir zwar befreundet waren, die wir aber längere Zeit nicht gesehen haben.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.2: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 357 f.

XLIX. Sonntag mit Proust: Ein Resümée zu „Sodom und Gomorra 4.1“ und von der Liebe

In diesen Tagen beendete ich die Lektüre des Bandes „Sodom und Gomorra 4.1“ von der „Suche nach der verlorenen Zeit“. Ein wenig erstaunt stellte ich fest, dass ich ein ganzes Jahr nur für diesen einen Teil gebraucht hatte. Zwischendurch verließ mich die Motivation; seitenlange Smalltalk-Gespräche auf den abendlichen Empfängen und Salons ermüdeten mich. Dabei ist der Teil ein durchaus spannender: Es geht um die vom Erzähler durch Beobachtung entdeckte Homosexualität zwischen Männern (Sodom) und später auch zwischen Frauen (Gomorra). Diese Inhalte jedoch kommen überwiegend zu Beginn und wieder gegen Ende des Teils vor – sodass sich im Mittelteil erzählerische Längen ergeben.

Doch gegen Ende dieses Teils sind sie wieder seitenweise vorhanden gewesen; jene Textstellen, die ich am liebsten auswendig lernen würde, um sie mir manchmal herzusagen, um mir meine Liebe zur Literatur und insbesondere zur Proustlektüre ins Gedächtnis zu rufen.

Am Ende von Teil 4.1 geht es um die Liebe. Genauer: Um die Liebe, die nur mit Selbstliebe möglich ist, um Täuschung, Trugbilder, um Hoffnung und Illusionen. Der Erzähler Prousts hat keine sehr positive Sicht auf die Liebe, vielmehr schreibt er ernüchtert und desillusioniert davon – und hat damit natürlich nicht ganz Unrecht. Selbst wenn man selbst gerade verliebt ist oder ein großer Optimist in diesen Dingen, lesen sich die Textstellen ganz wunderbar. Ich habe euch eine längere Auswahl der Gedanken des Erzählers zusammengestellt, die sich über mehrere Seiten erstrecken. Man muss diese Sätze – wie bei philosophischen Texten – zum Teil mehrfach lesen, um ihren Sinngehalt zu erfassen. Doch das genau ist es, was Proustlektüre ausmacht: Sich der Sätze annähern, sie sich zu eigen zu machen, um sie zu verstehen und dann – manchmal – ein tieferes Verständnis der Menschen und der Welt zu entwickeln. Weiterlesen

XLVIII. Sonntag mit Proust: Wiederauftauchende Erinnerung an die verstorbene Großmutter

„Und so, in einem wahnsinnigen Verlangen, mich in ihre Arme zu stürzen, erfuhr ich erst jetzt, in diesem Augenblick, mehr als ein Jahr nach ihrer Beerdigung – auf Grund jenes Anachronismus, durch den so oft der Kalender der Tatsachen mit dem Kalender der Gefühle nicht zusammenfällt -, daß sie gestorben war. Ich hatte seit jenem Augenblick oft von ihr gesprochen und auch an sie gedacht, aber hinter meinen Worten und Gedanken eines undankbaren, egoistischen, grausamen jungen Menschen hatte niemals etwas gestanden, was meiner Großmutter ähnlich sah, weil ich in meinem Leichtsinn, meiner Vergnügungssucht, meiner Gewöhnung an den Anblick ihrer Krankheit die Erinnerung an das, was sie gewesen war, nur in virtuellem Zustand noch weiterhin in mir trug. In welchem Augenblick wir sie auch betrachten, immer hat unsere seelische Ganzheit nur einen beinahe fiktiven Wert trotz der umfangreichen Bilanz ihrer Reichtümer, denn bald stehen die einen, bald die anderen nicht zu unserer Verfügung, und zwar die effektiven Schätze ebensowenig wie diejenigen der Einbildungskraft, und für mich zum Beispiel, ganz wie die des einstigen Namens Guermantes, die noch so viel schwerwiegenderen der wahren Erinnerung an meine Großmutter.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 218 f.

XLVII. Sonntag mit Proust: Klavierklänge

„Ich ging in mein Zimmer hinauf, aber ich war dort nicht allein. Irgend jemand spielte Stücke von Schumann mit viel Gefühl. Gewiß kommt es vor, daß andere Menschen, sogar diejenigen, die wir am meisten lieben, uns mit der Trauer oder Gereiztheit getränkt erscheinen, die unserem eigenen Inneren entströmt. Trotzdem gibt es etwas, was eine Macht besitzt, zur Verzweiflung zu treiben, die nie ein Mensch erreichen wird: das ist ein Klavier.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 262.

 

XLVI. Sonntag mit Proust

„Die völlige Kompaß- und Direktionslosigkeit, welche das Warten charakterisiert, hält nach der Ankunft des erwarteten Wesens noch vor und hindert uns, da sie an die Stelle der Beruhigung tritt, um derentwillen uns im Voraus das Kommen der Ersehnten als ein Vergnügen erschien, ein solches überhaupt zu empfinden.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 163.

XLV. Sonntag mit Proust: Lebenswehmut

Monsieur Swann, der schwer krank ist, spricht mit dem Erzähler über das, was er vermissen wird. Aus seinen Worten spricht eine Wehmut und zugleich tiefe Achtung und Liebe zum Leben:

„Selbst wenn man nicht mehr an den Dingen hängt, ist es nicht unbedingt gleichgültig, ob man daran gehangen hat, denn immer ist es aus Gründen gewesen, die den anderen entgehen. Wir spüren, daß die Erinnerung an diese Gefühle einzig in uns selbst besteht; in uns selber müssen wir daher Einkehr halten, um sie zu betrachten. Machen Sie sich nicht allzusehr lustig über diesen Idealistenjargon; was ich sagen will, ist, daß ich das Leben sehr geliebt habe, und die Künste auch. Gut, gut. Jetzt, wo ich etwas zu müde bin, um mit anderen zu leben, scheinen mir diese alten, mir so ganz zugehörigen Gefühle, die ich durchlebt habe, wie es nun einmal die Manie aller Sammler ist, unerreichbar an Wert. Ich schließe mir selbst mein Herz auf, als wäre es so etwas wie eine Vitrine und betrachte eine nach der anderen alle die Arten von Liebe, welche die anderen nicht kennengelernt haben. Von dieser Sammlung aber, an der ich jetzt noch stärker hänge als an allen übrigen, sage ich mir ein wenig wie Mazarin mit Bezug auf seine Bücher – aber im Übrigen ohne alle Angst -, daß es doch sehr bedauerlich sein wird, alles das zu verlassen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 147-148.

XLIV. Sonntag mit Proust: Der Tod in der Frau

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Félicién Rops: The Dance of Death, o.J.

„»Adieu, ich habe kaum mit Ihnen gesprochen, aber so ist es nun einmal in der Welt, man sieht sich nicht, man sagt sich nicht, was man sagen möchte; im übrigen ist es überall im Leben das gleiche. Wir wollen nur hoffen, daß es nach dem Tode besser eingerichtet ist. Auf alle Fälle hat man dann nicht mehr nötig, eine dekolletierte Robe anzuziehen. Aber wer weiß? Vielleicht wird man bei großen Festen seine Gebeine und seine Würmer zur Schau stellen. Warum auch nicht? Da, sehen Sie nur die alte Rampillon an, finden Sie, daß ein großer Unterschied zwischen ihr und einem Skelett in ausgeschnittenem Totenhemd besteht? Allerdings hat sie ja auch ein Recht darauf, denn sie muß allermindestens hundert Jahre alt sein. Sie war schon eines jener geheiligten Ungeheuer, vor denen ich mich zu verneigen weigerte, als ich noch Debütantin war. Ich hielt sie bereits seit langem für tot, das übrigens wäre die beste Erklärung für das Schauspiel, das sie uns hier bietet. Es hat etwas Eindrucksvolles an sich, etwas Liturgisches, Campo-Santohaftes!«“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 122.

XLIII. Sonntag mit Proust: Über Zeitgeist

„Die Gleichheit der verschwebenden Grußformen der Herzogin von Lambresac mit denjenigen der Freundinnen meiner Großmutter hatte angefangen mich zu interessieren, da sie mir zeigte, daß in engen und geschlossenen Milieus, ob sie nun dem Kleinbürgertum oder dem hohen Adel angehören, die alten Manieren noch erhalten geblieben sind und uns auf diese Weise wie einem Altertumsforscher ein Bild davon geben, welches die Erziehung und der in ihr sich widerspiegelnde Seelenanteil zur Zeit des Vicomte d´Arlincourt und der Loisa Puget gewesen sein mögen. Besser noch rief mir jetzt die vollkommene äußere Gleichheit zwischen einem Kleinbürger aus Combray derselben Altersklasse und dem Herzog von Bouillon (…) in die Erinnerung zurück, daß die gesellschaftlichen oder auch individuellen Unterschiede in der Uniformierung einer Epoche verschwinden. In Wahrheit ist es so, daß die Ähnlichkeit der Kleidung und auch der Widerschein des Zeitgeistes auf dem Antlitz einer Person einen viel wichtigeren Platz einnehmen als die Kaste, die einen großen Raum nur in der Eigenliebe des Betreffenden und der Einbildung der anderen beansprucht; wer also sich darüber klarwerden will, daß ein großer Herr aus der Zeit Louis-Philippes weniger verschieden von einem Bürger aus der Zeit Louis-Philippes ist als von einem großen Herrn aus der Zeit Ludwigs XV., braucht nicht erst die Galerien des Louvre zu durchmessen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 119.

XLII. Sonntag mit Proust: Man halte sich lieber an tote Autoren

„Ungewiß, ob Ibsen oder d´Annunzio tot oder lebendig waren, sah er schon, wie Schriftsteller und Dramaturgen seiner Frau Besuche machten und sie in ihren Werken nannten. Die Angehörigen der großen Welt stellen sich Bücher gern wie eine Art Würfel vor, deren eine Fläche man abgenommen hat, so daß nun der Autor nichts Eiligeres zu tun hat als die Personen, die er trifft, in sie „hineinzutun“. Das ist offenbar illoyal, aber sie sind ja auch nur Leute von geringer Bedeutung. Gewiß wäre es nicht übel, sie „en passant“ kennenzulernen; denn dank ihnen kann man, wenn man ein Buch oder einen Artikel liest, den anderen „in die Karten“ schauen oder „ihr wahres Gesicht“ hinter der Maske erspähen. Dennoch ist es klug, sich lieber an tote Autoren zu halten.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 98.