XLIX. Sonntag mit Proust: Ein Resümée zu „Sodom und Gomorra 4.1“ und von der Liebe

In diesen Tagen beendete ich die Lektüre des Bandes „Sodom und Gomorra 4.1“ von der „Suche nach der verlorenen Zeit“. Ein wenig erstaunt stellte ich fest, dass ich ein ganzes Jahr nur für diesen einen Teil gebraucht hatte. Zwischendurch verließ mich die Motivation; seitenlange Smalltalk-Gespräche auf den abendlichen Empfängen und Salons ermüdeten mich. Dabei ist der Teil ein durchaus spannender: Es geht um die vom Erzähler durch Beobachtung entdeckte Homosexualität zwischen Männern (Sodom) und später auch zwischen Frauen (Gomorra). Diese Inhalte jedoch kommen überwiegend zu Beginn und wieder gegen Ende des Teils vor – sodass sich im Mittelteil erzählerische Längen ergeben.

Doch gegen Ende dieses Teils sind sie wieder seitenweise vorhanden gewesen; jene Textstellen, die ich am liebsten auswendig lernen würde, um sie mir manchmal herzusagen, um mir meine Liebe zur Literatur und insbesondere zur Proustlektüre ins Gedächtnis zu rufen.

Am Ende von Teil 4.1 geht es um die Liebe. Genauer: Um die Liebe, die nur mit Selbstliebe möglich ist, um Täuschung, Trugbilder, um Hoffnung und Illusionen. Der Erzähler Prousts hat keine sehr positive Sicht auf die Liebe, vielmehr schreibt er ernüchtert und desillusioniert davon – und hat damit natürlich nicht ganz Unrecht. Selbst wenn man selbst gerade verliebt ist oder ein großer Optimist in diesen Dingen, lesen sich die Textstellen ganz wunderbar. Ich habe euch eine längere Auswahl der Gedanken des Erzählers zusammengestellt, die sich über mehrere Seiten erstrecken. Man muss diese Sätze – wie bei philosophischen Texten – zum Teil mehrfach lesen, um ihren Sinngehalt zu erfassen. Doch das genau ist es, was Proustlektüre ausmacht: Sich der Sätze annähern, sie sich zu eigen zu machen, um sie zu verstehen und dann – manchmal – ein tieferes Verständnis der Menschen und der Welt zu entwickeln.

„Als ich im übrigen Albertine gegenüber so sehr bei meiner Behauptung blieb, daß ich ihr mit Kühle gegenüberstände, betonte ich (…) nur stärker den Zweitaktrhythmus, den die Liebe bei allen denjenigen annimmt, die zu sehr an sich selber zweifeln, um zu glauben, eine Frau könne sie jemals lieben, sowie auch daran, daß sie selbst jemals wirklich zu lieben in der Lage sind. (…)

Wozu übrigens noch in diesem rhythmischen Schwanken zwischen Liebeserklärung und Bruch (dem sichersten, dem so außerordentlich wirksamen und gefährlichen Mittel, um durch aufeinanderfolgende, entgegengesetzte Bewegungen einen Knoten zu schürzen, der sich nicht mehr lösen läßt und uns fest an eine Person bindet) inmitten des Rückzugs, der die eine Bewegung in diesem Rhythmus darstellt, das Rückfluten des menschlichen Mitleids konstatieren, das, der Liebe entgegengesetzt, wiewohl unbewußt vielleicht derselben Quelle entstammend, auf alle Fälle die gleiche Wirkung erzielt? (…)

Es liegt übrigens im Charakter der Liebe, daß sie uns gleichzeitig mißtrauischer und leichtgläubiger macht, uns dazu bringt, leichter als jede andere die Geliebte zu beargwöhnen, ihren Beteuerungen aber auch desto bereitwilliger Glauben zu schenken. Man muß lieben, um sich Sorge darum zu machen, daß nicht alle Frauen anständig sind, das heißt, um es zu wissen, und ebenfalls muß man lieben, um zu wünschen, das heißt sich zu versichern, daß es solche gibt, die doch anständig sind. Es ist menschlich, den Schmerz zu suchen, menschlich aber auch, sich davon zu befreien. (…) Dann aber kann auch das Wesen, das wir lieben, in so vielfältiger Gestalt es uns erscheinen mag, auf alle Fälle zwei wesentliche Persönlichkeiten für uns darstellen, je nachdem, ob es uns als ein zugehöriges erscheint oder als eines, das seine Wünsche auf jemand anderen richtet als auf uns. Die erste dieser Persönlichkeiten besitzt das besondere Vermögen, das uns daran hindert, an die Wirklichkeit jener zweiten zu glauben, das spezifische Geheimnis, unsere Leiden zu beschwichtigen, soweit dieses letztere sie verursacht hat. Das geliebte Wesen ist nacheinander das Übel und das Heilmittel, welches das Übel hintanhält und vermehrt. Zweifellos war ich seit langem schon durch die Macht, welche über meine Einbildungskraft und meine Empfindungsfähigkeit das Beispiel Swann besaß, innerlich dafür bereit, als wahr anzusehen, was ich fürchtete, und nicht, was ich mir wünschte. (…)“

Und jetzt meine Lieblingsstelle:

„Ich hätte an jenem Abend abreisen sollen, um sie nie mehr wiederzusehen. Damals schon fühlte ich voraus, daß man in einer nicht erwiderten Liebe – man kann ebensogut sagen, in der Liebe überhaupt, denn für manche Wesen gibt es keine erwiderte Liebe – vom Glück nur dies Trugbild erleben kann, wie es mir in einem jener einzigartigen Augenblicke zuteil wurde, bei dem die Güte einer Frau, oder ihre Laune, oder der Zufall, unseren Wünschen in vollkommener Harmonie mit den gleichen Worten und Handlungen entgegenkommt, als würden wir wirklich geliebt. Es wäre weise gewesen, dieses kleine Partikelchen Glück mit Neugier zu betrachten, mit Wonne zu besitzen, da ich sonst gestorben wäre, ohne geahnt zu haben, was eben dies Glück für weniger schwierige und vom Schicksal begünstigtere Herzen sein kann, und mich der Vermutung hinzugeben, daß es ein Teil eines umfassenden und dauerhaften Glückes sei, das mir nur an diesem einen Punkt sichtbar werde, dann aber, damit der folgende Tag diese Täuschung nicht Lügen strafe, nicht den Versuch zu machen, eine weitere Gunst zu erbitten, nachdem diese nur dem einzigartigen Meistertrick einer exzeptionellen Minute zu verdanken war. Ich hätte Balbec verlassen, mich in die Einsamkeit zurückziehen und dort in Einklang mit den letzten Schwingungen der Stimme bleiben sollen, der ich einen Augenblick die Färbung der Liebe zu geben vermocht hatte und von der ich dann nichts weiter mehr hätte verlangen dürfen, als daß sie sich nicht wieder an mich richte, aus Furcht, sie möchte durch ein neues Wort, das jetzt immer nur von jenem andern hätte verschieden sein können, mit einer Dissonanz die Stille der Empfindung verletzen, in der, wie mit einem Pedal angehalten, in mir der Nachhall des Glücks noch lange weiterschwang.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 315-324.

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7 Gedanken zu “XLIX. Sonntag mit Proust: Ein Resümée zu „Sodom und Gomorra 4.1“ und von der Liebe

  1. Deine Lieblingsstelle ist wirklich sehr schön. Erinnere mich auch daran.
    Ein kleiner Tipp. Du liest Proust anscheinend in der Übersetzung von Rechel-Mertens. Seit Jahren gibt es eine von Luzius Keller und Sibylla Laemmel „revidierte“ Fassung. Ob als Taschenbuch weiß ich nicht, abe die „revidierte“ Fassung liest sich erheblich flüssiger, fließender, kommt nich so sperrig daher und macht richtig Spaß!

    1. Ja, dass ich eine alte Übersetzung lese, ist mir bewusst. Es hat vor allem Kostengründe, um ehrlich zu sein. Ich war schon total froh, eine erschwingliche Gesamtausgabe gebraucht zu finden, das war natürlich die von Rechel-Mertens übersetzte… Mittlerweile hab ich sie sogar irgendwie lieb gewonnen, weil ich soviel Zeit damit verbringe.
      Danke dir auf jeden Fall für den Hinweis, dass sich die neuere offenbar wesentlich unsperriger lesen lässt! Hmm… vielleicht wenn ich mal reiche Rentnerin bin =)
      Hast du die komplette „Suche nach der verlorenen Zeit“ durchgelesen? Davon gibt es ja wahrlich nicht viele, Respekt =)
      LG Laura

      1. Schau doch mal in der Bibliothek … die müssten eigentlich die revidierte haben.
        Ja, die „Recherche“ habe ich komplett gelesen, dreimal in der Zwischenzeit.
        Ich bin so verrückt, dass ich sie auch komplett als Hörbuch habe, 180 CDs oder so…

      2. Gute Idee. Vielleicht mach ich es auch so, dass ich meine alte Ausgabe zuende lese und dann nochmal die neuere Übersetzung aus der Bibo. Mittendrin zu wechseln ist vielleicht seltsam …
        Wow, das ist wirklich ein bißchen verrückt =) Aber ich kann es irgendwie auch verstehen.

      3. Glaub nicht, dass ein Wechsel in der Mitte schadet, der Ich-Erzähler und Albertine und Charlus und die Guermants und wer weiß ich nicht noch alles bleiben Dir sicher erhalten.
        Vorgelesen ist Proust fast noch einfacher … kann man sich jedenfalls einbilden.

      4. Ich merk schon, du willst mich vom Wechsel überzeugen 😉 Ich bin nicht so der Hörbücher-Typ, daher glaub ich, dass der vorgelesene Proust eher nichts für mich ist. Aber in die gedruckte Neuübersetzung werde ich in der Bibo wohl mal reinschauen… Übrigens fiel mir grad auf, dass es ja ganz neu von Reclam auch die Übersetzung von Bernd-Jürgen Fischer gibt, hast du in die auch schon mal reingelesen oder gehört?

      5. Von der hab ich bisher nur Schlechtes gehört. Aber ich hab den ersten Band jetzt für zwei Wochen auf meinem Rechner und will mal vergleichend lesen. Aber der kurze Eindruck von heute Vormittag … nee, sagte mir irgendwie nicht zu.

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