Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“

roBerlin_SU_Herrndorf_HK_f_Mattfolie.inddVor 1,5 Jahren hat Laura bereits hier über Wolfgang Herrndorfs Blogbuch „Arbeit und Struktur“ geschrieben. Nun habe ich dieses Buch zuende gelesen und bin sehr berührt. Laura hat eigentlich schon alles gesagt, dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Es ist einfach nur verdammt traurig, dass er von dieser beschissenen Krankheit dahingerafft wurde und so beeindruckend, welchen Mut er besaß, selbst zu bestimmen, wann Schluss ist. Daher möchte ich Herrndorf selbst sprechen lassen und einige Stellen aus seinem Blog nennen, die mich besonders nachdenklich gemacht haben.

Ich lese den Wikipedia-Artikel zum Thema Narzissmus und komme zu dem Ergebnis., dass es sich in Wahrheit nicht um unterschiedliche Ängste handelt, sondern um eine einzige: Der Tod ist schließlich nichts anderes als die Mitteilung des Universums an das Individuum, nicht geliebt zu werden, die Mitteilung, nicht gebraucht zu werden, dieser Welt egal zu sein. (…)

Bei Holm versuche ich als Erstes herauszufinden, ob ich einen verrückten Eindruck mache, ich befrage die Leute dazu, ergänze selbst, ich sei bis vor acht Sekunden noch verrückt gewesen, jetzt aber nicht mehr.
Irritierend ist, dass niemand etwas von mir zu erwarten scheint. Es herrscht.eine der Auffindung der Weltformel ganz unangemessene Atmosphäre. Alle stehen nur herum, haben Gläser in der Hand und machen Smalltalk. Ich höre sie Sätze sagen, die ich Sekundenbruchteile vor ihnen gedacht habe, ich spüre, welche Gesten sie im nächsten Moment machen werden. Meine Gabe, in die Zukunft sehen zu können, bestätigt sich glanzvoll, und mir fällt wieder ein, dass ich meinen Text laut vorlesen muss. Ich rufe alle im Wohnzimmer zusammen und nehme selbst am großen Tisch Platz. Meine Vernunftinstanz landet einen letzten Treffer, indem ich bitte, die Kinder aus dem Raum zu schicken. Ich kann noch erkennen, dass das, was ich jetzt tun werde, nicht mehr jugendfrei ist. Aber es nicht zu tun, ist mir unmöglich.
In meinem Moleskine suche ich nach dem Text. Mir ist bewusste, dass ich ihn selbst noch nicht gesehen habe, ich spüre aber auch, dass ich ihn quasi hinter meinem eigenen Rücken aufgeschrieben habe, sodass er gleich auf wunderbare Weise vor meinen Augen erscheinen wird.
Als es weder am Ende noch am Anfang, noch in der Mitte des Notizbuchs einen geeigneten Text gibt, weiß ich, das die Störinstanz ihn abermals vor mir verborgen hat. Habe ich die Seiten wieder herausgerissen? Am wahrscheinlichsten scheint es mir, dass der Text zu Hause auf meinem Rechner liegt, in einer versteckten Datei. Ich äußere diese Vermutung und verlange, sofort zu meinem Rechner gebracht zu werden.
Niemand reagiert. Ich fange an zu schreien, werfe das Moleskine durch den Raum, und was weiter geschieht, weiß ich nicht. Einmal zwischendurch, ich glaube, ganz am Anfang, bitte ich auch Holm, mich vor seinen Rechner zu setzen, damit ich in Windeseile den Text wie an der Schnur aus mir herausschreiben kann. Nach einigen weiteren vergeblichen Anläufen den Text zu finden, sehe ich irgendwann nach rechts zur Tür, dort stehen zwei Sanitäter.
Das ist der schlimmste Moment, schlimmer als alles andere zuvor. Beim Anblick der beiden Männer weiß ich, dass nun eingetreten ist, was ich seit der Operation am meisten gefürchtet habe, nämlich dass mein Hirn sich auflöst und meine Persönlichkeit sich unkontrollierbar verändert; und ich weiß auch, dass ich mir für diesen Fall von Anfang an ein bestimmtest Vorgehen überlegt habe: Selbstmord, solange ich noch einen Rest von Kontrolle habe über das Gemüse, das einmal meinen Namen trug. Ich sehe die Walther PPK in meiner Hand, ich sehe sie in meinem Mund. (…)

Beim Erwachen spüren, wie man vor einer Zehntelsekunde noch nicht wach gewesen war, und sich wünschen, nicht wach geworden zu sein, danach schlaflos. Stundenlang über die Steuererklärung nachgedacht. Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber eine panische Angst vor der Steuererklärung. Auch vor anderen Kleinigkeiten, die gemacht werden müssen. Die eigentlich nicht gemacht werden müssen, aber die nicht zu machen einen solchen Schritt aus der Richtung des Lebens heraus bedeutet, dass man gleich aufhören müsste. (…)

Die Zahl der Irren nimmt nicht zu, aber auch nicht gerade ab. Brief, Mail, Telefon, guten Tag, mein Name ist Cohn, ich bin Heilpraktiker. Ja, auf Wiederhören. Und wieder ist mein Tag unterbrochen, wieder ist meine Arbeit unterbrochen, wieder ist meine Arbeit unterbrochen, wieder stehe ich in meiner Wohnung und weiß nicht, wo ich war. Ich wünsche ihnen allen Hirnkrebs an den Hals, auf dass sie sich ihr informiertes Wasser innerhalb wissenschaftlicher Studien zu Testselbstzwecken mal selbst ins Ohr spritzen können, wahlweise an ihren von gesegneten Händen zusammengepanschten Natursäften ersticken, der halbe Liter zu hundert Euro. Und der Herr mit seinen christlichen Streifbandzeitungen steckt sie sich bitte auch in den Arsch. Ich bin kein Atheist, der missioniert werden muss. Ich bin überhaupt kein Atheist. Ich glaube, und wenn Sie mein Blog gelesen hätten, wüssten Sie das, nicht allein nicht an die Existenz Gottes in, über oder jenseits dieser Welt, ich glaube oft nicht einmal an diese Welt. Das verstehen Sie nicht? Ja, sehen Sie, ich Ihren Quark ja auch nicht. (…)

Wobei an die Medikamente, wie gesagt, gar nicht ranzukommen war. An überhaupt nichts Sicheres. Nichts Einfaches, nichts Hundertprozentiges. Erschießen in in 76 bis 92 Prozent der Fälle tödlich, bei Schüssen in den Kopf liegt die Quote noch etwas höher. Aber auch da überleben 3 bis 9 Prozent, und die haben dann Hirnschäden und sind entstellt. Erhängen fühlt sich schätzungsweise an, wie es aussieht, und hat wie die meisten anderen Methoden den Nachteil, dass man Erfahrung damit bräuchte und nur einen Versuch hat. Man kann aus dem zwölften Stock springen und überleben. Man kann aus den zwölften Stock springen und noch dreißig Minuten als blutiger Matsch auf dem Trottoir die Passanten erschrecken, und wenn man wochen- und monatelang durch das Labyrinth geirrt ist auf der Suche nach dem sicheren Ausgang, versteht man irgendwann, wie vollkommen vernünftige und zurechnungsfähige Menschen auf die Idee kommen können, sich auf eine ICE-Trasse zu stellen im vollen Bewusstsein, einen Lokführer für den Rest seines Lebens zu traumatisieren.

Blauer Himmel. Ich stehe seit Tagen in meiner von der Sonne aufgeheizten Wohnung, tue nichts und warte auf den Tod.

Kann mich mit C. kaum sinnvoll unterhalten. Sie versucht meine Sätze zu erraten und zu ergänzen. Ich bin traurig.

Sätze, die Sie als Vollidiot zum Thema Tod unbedingt sagen müssen:
1. Der Tod ist ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Er wird von ihr an den Rand gedrängt..
2. Der Tod ist ein Bestandteil des Lebens..
3. Es weiß ja niemand, was danach kommt..
4. Ich habe keine Angst, ich weiß ja, was danach kommt.

Unbedingt lesen!

Wolfgang Herrndorfs Blog online.

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur. Taschenbuch. Rowohlt Verlag 2015

 

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Ein Gedanke zu “Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“

  1. Yepp, ein verdammt eindrückliches Buch. Ich hab‘ den Blog damals mitgelesen und es gab Tage, da war es dann recht unterträglich ihn anzuklicken und schon wieder kein neues Post. Dem „Unbedingt lesen!“ kann ich mich unbedingt anschließen. Und es gibt Sätze, die werd‘ ich einfach nicht vergessen:

    27.1. 2012 14:14

    Nacheinander drei Teile vom Backenzahn ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.

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