Ronja von Rönne: Wir kommen (2016)

MAJA IST NICHT TOT. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.
Ihr Name sieht lächerlich aus, so schwarz umrandet, wie er da auf dem Brief vor mir steht und ganz ernst tut, als sei am 20. wirklich ihre Beerdigung, als würden an diesem Sonntag wirklich sämtliche Angehörige auf dem Dorffriedhof aufkreuzen, Kränze ablegen, Erde in eine Grube werfen und etwas Nettes über Maja sagen. Bullshit. Den meisten würde doch zu Maja überhaupt nichts Positives einfallen, außer vielleicht ihre phantastischen Brüste. Angenehm überrascht wären sie höchstens davon, dass sie jetzt in einer Kiste unter der Erde liegt und sich endlich so benimmt, wie es sich für die Bewohner unserer Gemeinde gehört. Sterben gehört bei uns nämlich genauso zu einem höflichen Miteinander wie akkurat gestutzte Rasen, denn wo kämen wir denn da hin, wenn jeder lebte, solange es ihm beliebt, und das Gras bis auf das Nachbargrundstück wuchert.

Lange hat mich ein Roman nicht mehr so kalt gelassen wie der Debütroman von Ronja von Rönne. Warum?

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Für mich hat der Roman wenig Botschaft. Es liest sich mehr wie eine Zustandsbeschreibung und man gerät schnell in die Lage, Ich-Erzählerin mit Autorin gleichzusetzen. In irgendeiner Rezension las ich, dies sei eine Reminisenz auf den Poproman der späten 90er Jahre und quasi DER neue Poproman der Generation Y, mit der ich nichts anfangen kann. Ebensowenig konnte ich mit dem Poproman der späten 90er etwas anfangen. Die Handlung, erzählt aus der Perspektive der jungen Nora, erstreckt sich über wenige Tage und birgt wenig Überraschendes. Also auch schnell erzählt. Es scheint auch weniger um die Handlung, sondern eher um den Blick von Nora auf ihre Welt, auf ihre seltsamen Beziehungen zu Menschen und  ihren zynischen Blick auf ihre Zeit und die Gesellschaft im Allgemeinen zu gehen.

Ich weiß noch nicht, was ich heute Abend mache. Vielleicht markiere ich etwas mit „gefällt mir“.

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Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur“

roBerlin_SU_Herrndorf_HK_f_Mattfolie.inddVor 1,5 Jahren hat Laura bereits hier über Wolfgang Herrndorfs Blogbuch „Arbeit und Struktur“ geschrieben. Nun habe ich dieses Buch zuende gelesen und bin sehr berührt. Laura hat eigentlich schon alles gesagt, dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Es ist einfach nur verdammt traurig, dass er von dieser beschissenen Krankheit dahingerafft wurde und so beeindruckend, welchen Mut er besaß, selbst zu bestimmen, wann Schluss ist. Daher möchte ich Herrndorf selbst sprechen lassen und einige Stellen aus seinem Blog nennen, die mich besonders nachdenklich gemacht haben.

Ich lese den Wikipedia-Artikel zum Thema Narzissmus und komme zu dem Ergebnis., dass es sich in Wahrheit nicht um unterschiedliche Ängste handelt, sondern um eine einzige: Der Tod ist schließlich nichts anderes als die Mitteilung des Universums an das Individuum, nicht geliebt zu werden, die Mitteilung, nicht gebraucht zu werden, dieser Welt egal zu sein. (…)

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Andrea Drumbl: „Die Einverleibten“ (2015)

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Ich beschließe das Jahr mit einem kleinen leisen sensiblen Roman, der gut zum grauen Wetter passt, das sich am Jahresende durch Berlin zieht.
Vor über einem Jahr stellten wir bereits schon einmal 2 kleine Bücher aus der edition atelier, einem Wiener-Verlag für junge österreichische Gegenwartsliteratur, vor: Damals ging es um die Reihe Textlichter.

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Im Herbstprogramm der edition Atelier interessierte mich vor allem der Text „Die Einverleibten“ von Andrea Drumbl und ich wollte wissen, wer die „Einverleibten“ sind. Die Bedeutung des Wortes „Einverleiben“ ist interessant – sich etwas aneignen – und hier ganz wortwörtlich gemeint, wie der Leser schnell erfahren wird.

Olgas Herz hatte sie schon in ihrer Kindheit für diese Welt verletzlich gemacht. Denn sie hatte bereits vor ihrer Geburt, tief im Mutterleib drinnen und ohne dass es jemand bemerkt hatte, ihre Schwester einverleibt, hatte ihre Schwester bei lebendigem Leib in ihrem eigenen Leib einverleibt, bis nichts mehr von ihr da gewesen war. Bis ihre Schwester auf immer und ewig fort war. Dies war über alle die Jahre hinweg Olgas Überzeugung gewesen. Ihr ganzes Leben lang lebte sie mit dieser unerträglichen Schuld, bis sie das Herzkammerflimmern und der unmittelbar darauf eintretende Herztod endlich davon erlösten. Von einer Schuld erlösten, die sie schon im Mutterleib auf sich geladen hatte.

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[Kritik in Kürze] Philip Teir: „Winterkrieg“

Ein Familienroman. Ein kleiner Exkurs in die Soziologie und die Kunstwelt. Ein Roman über Beziehungen und das Altern. Teir_winterkrieg

„Winterkrieg“ herrscht mit zunehmend abkühlenden Temperaturen in der finnischen Familie Paul, insbesondere zwischen dem Soziologen Max und seiner Frau Katriina. Die erwachsenen Töchter Helen und Eva versuchen in ihrem eigenen Leben zurecht zu kommen. Doch während die zweifache Mutter Helen ihren stupiden Alltag als Lehrerin verlebt und Eva in London mit ihrem Kunst-Dozenten schläft, streiten Max und Katriina nicht mehr nur um eine neue Küche.

Der Finnlandschwede Philip Teir schreibt in seinem Debütroman „Winterkrieg“ nicht vom so genannten Winterkrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion 1939. Er seziert die psychologisch-soziologischen Feinheiten zwischenmenschlicher Beziehungen anhand einer Familie. Dabei geht es um Figuren aus Finnlands Mittelschicht, die trudeln, suchen und deren Charaktere dabei teilweise überraschende Entwicklungen offen legen.
Teir schreibt sein Debüt, als hätte er bisher nichts anderes getan. Seine Figuren wirken aufgrund ihrer Wandlungsfähigkeit authentisch und nachvollziehbar. Der Roman liest sich durch die Anleihen aus Kunst und Soziologie anregend und unterhaltsam.

Rousseau meinte, dass es unmöglich sei, bewusst glücklich zu sein. Man wird sich seines Glückes nur in der Rückschau bewusst, nachdem man es schon verloren hat. Wenn man es erlebt, kann man es nicht erkennen, wenn man sich seiner bewusst ist, kann man es nicht empfinden. Auch Hannah Arendt hat etwas Ähnliches gesagt: Um nach oben zu kommen, muss man vorher ganz unten gewesen sein. Das Leben ist im Grunde ein ewiger Kreislauf von Glück und Unglück, das eine setzt das andere voraus.

Doch die Sprache ist nicht herausragend und stellenweise fühlte ich mich zu sehr an den Plot in Jonathan Franzens „Korrekturen“ erinnert. Auf ein weiteres Buch nimmt Teir Bezug, welches er als Quelle angibt: Sarah Thorntons „Sieben Tage in der Kunstwelt“. Tatsächlich ist in Evas Londoner Kunststudium einiges an Thorntons populärer Analyse angelehnt. Teirs Roman bietet interessante Aspekte, ohne innovativ zu sein.

Somit verbleibt der Leseeindruck eines bemerkenswerten, jedoch nicht herausragenden Debütromans. Gute Lektüre für lange Herbst- oder Wintertage.

Philip Teir: „Winterkrieg“, 2014, aus dem Schwedischen von Thorsten Alms, erschienen bei Blessing.


© Rio Gandara/Helsingin Sanomat
© Rio Gandara/Helsingin Sanomat

Der Finnlandschwede Philip Teir, geboren 1980, gilt als einer der wichtigsten Nachwuchsautoren Finnlands. Er hat bereits Gedichte und einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht, und ist Herausgeber von Anthologien. „Winterkrieg“ ist sein erster Roman. Philip Teir lebt als freier Journalist und Schriftsteller mit seiner Familie in Helsinki.

[Rezension] David Foster Wallace: „Der bleiche König“ und D.T. Max: „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace – Ein Leben“

DSC01806Am Ende bleibt nur ein Haufen Manuskriptseiten in einer Garage. Als sich der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace im September 2008 das Leben nimmt, hinterlässt er den unvollendeten Roman „Der bleiche König“. Ich bin sicher, er wäre großartig geworden.

Aber je fragmentarischer eine Erinnerung ist, desto authentischer fühlt sie sich komischerweise an. Ich frage mich, ob irgendein Mensch das Gefühl hat, er wäre noch derselbe wie der, an den er sich erinnert. Wahrscheinlich bekäme er einen Nervenzusammenbruch. Wahrscheinlich ergäbe es überhaupt keinen Sinn.“

Der Herausgeber Michael Pietsch hat sich der Aufgabe gewidmet, sich durch seitenweise Manuskriptseiten und unzählige Notizen des perfektionistischen Autoren zu arbeiten, um sie in Form eines unfertigen Romans zu veröffentlichen.

Es geht um den vielleicht langweiligsten Job überhaupt: im amerikanischen Finanzamt IRS. Vermutlich kann nur Foster Wallace die Angestellten dort, ihre Einstellung, ihre Feierabende, ihre skurrilen Kinder, ihren Alltag … so beschreiben, dass man es gerne und interessiert liest und sogar wissen will, wie es weitergeht. Die mit durchnummerierten Paragraphen überschriebenen Kapitel sind fragmentartig zusammen gestellt. Sie geben Einblicke in das Leben und vor allem Arbeiten der verschiedenen Personen, die im IRS angestellt sind. Dabei gibt es weder „einen“ Protagonisten, was in „Unendlicher Spaß“ ähnlich ist, noch eine runde Handlung oder klare Struktur. Letzteres ist sicherlich dem geschuldet, dass der Roman unvollendet blieb. Weiterlesen

[Rezension] Kristine Bilkau: „Die Glücklichen“

„Die Glücklichen“ ist ein Debütroman über eine junge Familie, über das Scheitern in unserer Gesellschaft, über Träume, und was daraus wird… Kristine Bilkau schreibt über die Cellistin Isabell, den Journalisten Georg und deren kleinen Sohn Matti. Während Isabell im Stillen mit ihrer Angst und dem Zittern der Bogenhand beim Auftritt kämpft, verliert Georg seinen Job im Zuge des „Zeitungssterbens“. Beide müssen sich damit abfinden, zu scheitern, arbeitslos zu sein, eine Familie in einem angesehenen Bezirk zu werden, die es nicht schafft. Oder doch?Bilkau_Die Glücklichen

Bilkau befasst sich mit den Fragen, die sich viele (Mittdreißiger) zur Zeit stellen: Wie werde ich glücklich? Wie will ich eigentlich leben? Was bin ich bereit für meine Träume zu opfern? Und was ist eigentlich, wenn ich es nicht schaffe…? In der Geschichte verdichtet sich ein Komplex an Gedanken und Fragen, die sehr nachvollziehbar sind. Die ständig drohende Arbeitslosigkeit in Zeiten absolut unsicherer Jobs, die Anforderungen, die man als junge Familie (als Vater, als Mutter) an sich stellt usw. Anhand von Georg und Isabell wird exemplarisch ein Bild derer entworfen, die sich inmitten dieser Komplexe befinden. Weiterlesen

[Rezension] Andreas Neuenkirchen: „Roppongi Ripper“

Genau vor einem Jahr las ich mit „Yoyogi Park“ den ersten Teil der Japan-Krimi-Reihe von Andreas Neuenkirchen“ und war angenehm überrascht. Und das, obwohl ich nicht der typische Krimileser bin. Die Mischung aus Reisereportagestil und  blutiger Krimihandlung erschien mir vielversprechend und ich folgte dem Japan-Kenner Neuenkirchen sehr gern in Tokios schillernde Unterwelt aus Jakuza, Animiermädchen und Gothic Lolitas.
Ein Jahr später nun erschien mit „Roppongi Ripper“ der zweite Teil und konnte mich leider nicht mehr wirklich überzeugen.

Das passiert in „Roppongi Ripper“Andreas Neuenkirchen_Roppongi Rippier_Conbooks Verlag

Das Vergnügungsviertel Roppongi: Im Tokioter Nachtclub Crystal Bar Room wird eine junge Hostess enthauptet. Zeitgleich wird Inspector Yuka Sato ins Krankenhaus gerufen: Ihre australische Freundin Samantha Lodge, die wir schon aus dem ersten Teil kennen, wurde blutüberströmt eingeliefert. Samantha arbeitete ebenfalls als Animiermädchen im Crystal Bar Room und war am Abend der Ermordung des jungen Mädchens nicht nur anwesend: sie entdeckte die Leiche vornübergebeugt auf der Damentoilette. Nach der Tatortbegehung wird klar, dass das Mädchen mit einem alten Samurai-Schwert und präzisem Hieb regelrecht hingerichtet wurde. Durch einen Tipp des Clubbetreibers führt die Spur Sato zur rechtsradikalen Vereinigung White Power Yamato, die im koreanischen Stadtviertel Shin-Okubo gewalttätige und menschenverachtende Demonstrationen gegen südkoreanische Einwanderer abhalten. Kurz darauf wird ein weiteres Animiermädchen im sogenannten „Dream Train“ ebenfalls mit einem Schwert geköpft. Hat man es mit einem blutrünstigen Serienmörder zu tun, der Hostessen nach alter Samurai-Tradition tötet? Als wenig später ein junger Mann in einem Spiele-Café regelrecht bei lebendigem Leibe verbrennt, scheinen die Spuren überall und nirgends hinzuführen. Unklar ist auch die Rolle des ehemaligen Yakuza-Bosses Shiraishi, der sich nachts Zugang zu Yuka Satos Wohnung verschafft und ihr auflauert. Schnell wird klar, dass auch Yukas Freundin Samantha in Gefahr ist … Weiterlesen

[Rezension] Elke Schmitter: „Frau Sartoris“

Das Debüt

Elke Schmitters Debütroman erzählt anhand von Margarethe Sartoris das Leben einer westdeutschen Frau aus der Provinz. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Liebe und Leidenschaft, welche sie als junge Frau empfindet. Das klingt erstmal nach einem Buch, das ich nicht unbedingt hätte lesen wollen. Zufällig habe ich es doch getan und war positiv überrascht.frau_sartoris

Frau Sartoris´ Jugendliebe zu einem Adligen zerbricht, vermutlich an den gesellschaftlichen Unterschieden. Sie heiratet, mehr oder weniger aus Trotz und auf die Schnelle, den Kriegsinvaliden Ernst. Sein Lebensziel ist Gemütlichkeit, was zu Tochter Daniela und langweiligen Abenden führt. Das Eheleben ödet die schöne Margarethe schon bald an und sie bandelt mit Michael an, mit dem sie erotisches Neuland erkundet und schließlich einen waghalsigen Plan fasst…

Es sind zwei Dinge, die den Roman von Schmitters lesenswert machen und vielleicht auch Reich-Ranicki im Literarischen Quartett zu der Aussage brachten, das sei Prosa, die ihn in höchstem Maße fasziniere.

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[Rezension] T.C. Boyle: „Hart auf Hart“

„Der Winterregen kam und schwemmte alles davon. Er ließ die Flüsse anschwellen, spülte die Schluchten durch, sickerte tief in die Erde und tränkte die Wurzeln der riesigen Bäume, die den Rest des Waldes überragten und sich weiter und weiter die grünen Hänge hinaufzogen. Botaniker in Regenkleidung entnahmen Bohrkernproben und kletterten hundert Meter hoch in die Wipfel, um den saisonalen Wuchs zu messen. Biologen legten Köder aus, um für DNA-Analysen Haarproben von Füchsen und Mardern zu sammeln. Fischer fischten. Trinker tranken. Es war die Nebensaison, aber trotzdem kamen ein paar Leute von der Bay Area herauf, hauptsächlich an den Wochenenden, um Arm in Arm durch die sechs Straßen von Mendocino zu schlendern, und der Skunk Train karrte wieder Touristen durch das Noyo-Tal, allerdings nach dem üblichen eingeschränkten Winterfahrplan.“ (S. 385)

Vor kurzem haben wir berichtet, dass uns der Hanser-Verlag zu einem kleinen T.C-Boyle-Bloggertreffen eingeladen hatte. Dank des Hanser Verlags durften wir Boyles neuen Roman „Hart auf hart“ lesen und uns signieren lassen. Ihr seid gespannt, wie wir ihn fanden? Jetzt können wir euch von unseren ein wenig unterschiedlichen Leseerlebnissen berichten.T.C. Boyle Hart auf hart

Der Inhalt

Kalifornien, U.S.A.: Außenseiter Adam, der sich Colter nennt (nach dem gleichnamigen amerikanischen Trapper und Mountain Man John Colter, der um 1800 den amerikanischen Westen erkundete und einige Expeditionen leitete), entscheidet sich gegen die zivile amerikanische Gesellschaft und für ein einsames, hartes Leben als „Waldläufer“. Mit seinem chinesischen Gewehr bewacht er eine von ihm angelegte Opium-Plantage im Wald bei Willits. Als sein Vater ihn zwingt, endgültig das Haus seiner verstorbenen Großmutter zu verlassen, um das herum er eine 2,5m hohe Mauer ohne Tür gezogen hatte, fängt er an, durchzudrehen und seine Waffe zu gebrauchen. Selbst seine Beziehung zur 40jährigen Sara („mit den großen Titten und dem Dreadlock-Hund“)  kann ihn nicht mehr retten. Weiterlesen

[Klassiker der Weltliteratur] Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (1878 / 2009)

DSC00158Es ist eigentlich selten, dass ich erst einen Film sehe und dann erst das Buch dazu lese. In diesem Fall hat das wunderbar funktioniert: Nachdem ich die aktuellste Verfilmung von „Anna Karenina“ von Joe Wright u.a. mit Jude Law und Keira Knightley gesehen hatte, wollte ich unbedingt auch den Roman lesen. Das hab ich in diesen Wintermonaten endlich geschafft (weshalb Proust ein bißchen liegen geblieben ist) und er gehört definitiv zu den Büchern, die mich nachhaltig beeindrucken (werden).

Die Grundgeschichte wird den meisten von euch inhaltlich bekannt sein: Die verheiratete Anna Karenina lebt mit ihrem Mann Alexej Alexandrowitsch Karenin und ihrem Sohn zusammen. Doch dann tritt der Graf Alexej Wronski in ihr Leben und sie erfährt erstmalig, was es heißt, zu lieben. Sie geht eine Affäre mit Graf Wronski ein, bekommt eine Tochter von ihm und kämpft um die Scheidung, in die ihr Ehemann Karenin jedoch nicht einwilligt. Tolstoi beschreibt detailliert die inneren und äußeren Kämpfe, die Anna in der russischen Gesellschaft des 19.Jahrhunderts durchmachen muss. Sobald sie in der Oper auftaucht, wird sie gemieden und spürt deutlich die ihr entgegenschlagende Verachtung. Innerlich quält sie sich zum einen wegen des Verlusts ihres Sohnes Serjoscha, den sie sehr liebt, der jedoch beim Vater bleiben muss. Besonders deutlich wird dies in der Szene, als sie sich an seinem Geburtstag ins Haus schleicht, nur um ihn zu sehen. Zum anderen findet sie auch im Leben an Wronskis Seite kein Glück… Sie gibt sich dem Opiumkonsum hin und verfällt (demzufolge) mehr und mehr Wahnvorstellungen, die sie eifersüchtig und misstrauisch Wronski gegenüber machen…

Es geht aber noch um wesentlich mehr und das macht den Roman des 19. Jahrhunderts in Russland so vielfältig und lesenswert. Weiterlesen