Sarah Thornton: „Sieben Tage in der Kunstwelt“, 2009

Thornton_Sieben Tage in der KunstweltDass zeitgenössische Kunst heute eine Art Religion für Atheisten geworden ist, zieht sich thematisch wie ein roter Faden durch alle Geschichten dieses Buches. (…) Für viele Akteure der Kunstwelt und für viele Kunstbegeisterte ist konzeptuelle Kunst so etwas wie ein existenzieller Weg, um ihrem Leben Sinn und Bedeutung zu verleihen.“

Sarah Thornton ist Kunsthistorikerin und promovierte Soziologin. Sie lebt in London und schreibt für internationale Kunstmagazine. Thornton hat sich zur Aufgabe gemacht, die Kunstwelt in sieben Tagen, das heißt eigentlich, in sieben Ausflügen, sieben Aufsätzen zu beschreiben. Man nimmt mit ihr Teil an einer Auktion bei Christie´s in New York, besucht mit ihr ein Crit-Seminar in Los Angeles am CalArts (California Institute of the Arts), erlebt die Messe Art Basel in der Schweiz, schnuppert bei der Preisverleihung des Turner-Preises in London hinein, taucht ein in die Welt des Art Forum, des New Yorker Kunstmagazins, außerdem begleitet man sie ins Atelier Takashi Murakamis in Japan und stromert zuletzt über die Biennale in Venedig.

„Mit dem Handwerkszeug der Ethnologin“ untersucht sie diese Orte, diese Events und nimmt den Leser auf ihre Streifzüge mit. Man fühlt sich an die Hand genommen und taucht ein in eine teils recht befremdliche Welt voller schillernder Persönlichkeiten, schillernd vor Geld, Einfluss und Bekanntheit. In dieser Welt herrscht eines ganz deutlich vor: Die Macht des Geldes und des Networkings und die Liebe zur Kunst. Die vermeintliche Liebe, ist man geneigt zu sagen.
Thornton begegnet dieser Welt, in der die Ökonomie ganz klar dominiert, in der sich viele gern selbst feiern und nur beachtet wird, wer Rang und Namen hat, durchaus kritisch. Allerdings muss man die kritischen Nachfragen schon herauslesen wollen, um sie zu finden. Und ich bin skeptisch, wie ernst ich Kritik an einem Kunstmagazin nehmen kann, für das die Autorin dann später arbeitet.

Ihre „Sieben Tage in der Kunstwelt“ vermitteln den Eindruck, die Kunstwelt bestehe nur mehr ausschließlich aus dem Kunstmarkt. Selbst ihr Atelierbesuch bei Murakami signalisiert: Der Künstler ist Unternehmer. (Immerhin gehört er zu denjenigen, der seine zahlreichen Assistenten namentlich auf seinen Werken nennt.) Am CalArts ist man bestrebt, ein renommierter, erfolgreicher Künstler zu werden. Wenn man den Turner-Preis verliehen bekommt, hat man es geschafft. Es wird deutlich wie eine Instanz der Kunstwelt der anderen zuspielt: „Der Turner-Preis steht im Ruf, zuverlässig anzuzeigen, dass ein Künstler durchsetzungsfähig ist und mit seiner Kunst überzeugen wird, aber vielleicht ist dies nur eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.“
Abgehoben und oberflächlich scheint diese von Thornton beschriebene Welt oft. Beim Art Forum ist die Rede von Texten, die ein „Nichtmuttersprachler hingehudelt hat“. Intellektualitätsanspruch auf der einen Seite, Markenfetischismus auf der anderen: Denn Künstlernamen werden auf Messen fetischisiert wie Marken. Man trägt Gucci, man kauft Murakami. Oder Koons. Liest man Sarah Thorntons Kunstweltanalyse, könnten sie einem fast Leid tun, die Champagner schlürfenden Reichen auf den Messen, die ihr Seelenheil in der Kunst suchen. Andererseits sind die Sammler es, die das ganze Kunstmarktsystem am Laufen halten:

Immer mehr Sammler eröffnen ihre eigenen Ausstellungsräume. Das wird groß als Mäzenatentum ausgegeben, aber im Grunde genommen geht es nur um die Vermarktung. Das Werk eines lebenden Künstlers muss promotet werden, wenn es konsensfähig werden soll. Außerdem müssen die Sammler zeitgenössischer Kunst ihrer Sammlung eine Aura geben. In unserer heutigen hektischen Medienkultur wächst der Ruf einer Sammlung nicht von allein. Es muss etwas dafür getan werden.“

Was will das Buch von Sarah Thornton? Einblicke geben, informieren, keine dezidiert wissenschaftliche Analyse der Kunstwelt und ihrer Akteure abgeben, wie es manch einer verstanden wissen will. In diesem Sinne liest es sich locker und gibt dem interessierten Leser eine Menge anekdotenreicher und informativer Aspekte mit an die Hand. Ich habe das Buch als Sachbuch gelesen, als Unterhaltung erlebt und mag es jedem an der Kunstwelt Interessierten empfehlen, der keine fachwissenschaftliche Analyse erwartet. Der Lerneffekt (der leichten Art) ist bemerkenswert, sei es rein informativ, sei es ideell.

In mir hat das Buch vor allem die Frage aufgeworfen, ob meine idealistische Vorstellung einer Kunstwelt, die nicht allein aus Kunstmarkt besteht, sondern auch individuelle, Non-Blockbuster-Artists unterstützt, innovative, nicht-ökonomische Ideen umsetzt und einer den wahren (inhaltlichen) Kunstwert schätzenden Geisteshaltung anhängt … schlichtweg überholt ist.

Sarah Thornton: Sieben Tage in der Kunstwelt, 2009 erschienen bei Fischer, aus dem Englischen übersetzt von Rita Seuß, erschien im Original 2008 unter dem Titel „Seven Days in the Art World“.

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8 Gedanken zu “Sarah Thornton: „Sieben Tage in der Kunstwelt“, 2009

  1. Ich hoffe doch nicht, dass eine solche Kunstwelt, wie Du sie beschreibst übeholt ist. Das wäre quasi das Ende von quasi allem, wenn Kunst nur noch aus Kunstmarkt bestünde.

    Mir fällt gerade ein, dass ich ein ganz bezauberndes Künstbändchen habe (naja, es ist groß, aber schlicht und nicht Kommerz aufgemacht), in dem die Kinder von Kolleginnen und Kollegen dargestellt haben, was sie denken, was ihre Eltern arbeiten. Das ist Kunst. Ganz wundervolle Kunst, die gänzlich unnkunstmarktisch ist. *lächel*

    1. Ich hoffe das auch, dass es so etwas noch gibt, eine Kunstwelt fernab des Kunstmarkts, für die ich vor Jahren auch anfing, Kunstgeschichte zu studieren 😉 Aber manchmal hat man den Eindruck, der Kunstmarkt habe sich alles einverleibt, wenn man Thornton liest oder auch die kritischen Kommentare des Bloggers Bersarin (siehe zB meinen Artikel zur Kunnst-Zeitschrift).

      Ist das von dir erwähnte Kunstbändchen denn besonders (grafisch) gestaltet, von einem Künstler herausgegeben oder bezieht es sich auf Kinder, deren Eltern Künstler sind? Oder anders gefragt: Warum genau meinst du, das sei Kunst :)? Es klingt niedlich, der Band, aber ich bin mir unsicher, ob man ihn als Kunst bezeichnen kann!?
      Liebe Grüße, Laura

      1. Ich muss dazu sagen, dass ich von Kunst nicht wirklich viel Ahnung habe. Ich bin da konsumierender Laie sozusagen. Aber ich mag Kunst, die von innen heraus entsteht, aus Interesse an der Auseinandersetzung mit einem Thema, einem Gefühl oder einer Erinnerung.

        Daher ist das Bändchen in Deinem Sinne wohl eher keine Kunst. Es ist von unserem Institut gedruckt worden und wurde für einen guten Zweck verkauft. Die Kinder sind Kinder von Psychotherapeuten und stellten in Wort und Bild dar, was sie denken, was wir da den ganzen Tag auf der Arbeit machen. Da entstanden von Grundschulkindern zum Teil wirklich beeindruckende Bilder mit grünen Auenlandschaften und darin ein Therapeut mit einem Kind. Das Kind, das das Bild malte, meinte dann: „Bei meiner Mama können Kinder, die es nicht so schön haben, auch einmal was Schönes haben!“ *lächel*

  2. Liebe Bee, das klingt auf jeden Fall nach einer schönen Idee, ein solches Buch umzusetzen. Egal, ob es nun „Kunst“ ist oder nicht, es handelt sich ja offenbar um einen kunstvollen, einfühlsamen Umgang mit dem Thema.

  3. Liebe Laura,
    das Buch steht UNGELESEN bei mir im Bücherschrank.
    Ich überlege, ob ich es mal auf meinen Nachtisch lege…. vielleicht blicke ich dann einmal hinein.
    Eine der größten Kunstsammler waren die Medicis, wenn ich mich recht erinnere?
    Einer der Gründe, warum sie sammelten war, um ihren Namen unsterblich zu machen. Ich finde es sehr interessant, wie sie „Kunstwerke“ ausschrieben. Es gab also schon zu ihrer Zeit Kunstwettbewerbe und viel Streit zwischen den Künstlern.
    Ist es heute schlimmer geworden?
    Ich frage mich das gerade. Was meinst du, Laura?
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne,
      wenn du das Buch bei Gelegenheit mal liest, erzähl mir, wie du es fandst. Vielleicht geht es dir auch so, dass du den Eindruck hast, alles bestehe nur noch aus Kunstmarkt.
      Aber du weißt das als Künstlerin ja am besten: Natürlich kommt es auch darauf an, was zu verkaufen, na klar, man will ja gern von seiner Kunst leben können. Aber es ist doch absurd, wenn man sieht, was Sammler für Beträge ausgeben, für Werke von Koons oder Meese oä, oder? Ich finde es so schade, dass angenommen wird, gute Kunst sei die, die teuer ist und sich verkauft. Insofern ist es in der Kunstwelt wohl wirklich schlimmer geworden als zu Zeiten der Medici.
      Andererseits gab es wohl immer einen Zeitgeschmack für Kunst und wenn man dem nicht gerecht wurde (zB zu den Zeiten der Salons im 19.Jhd.) wurde die Kunst nicht beachtet, nicht verkauft, nicht als gut angesehen… oder man gründete kurzerhand eine Secession 😉
      Liebe Grüße von Laura

      1. Liebe Laura, ich habe das Buch nun in meinem Bücherstapel etwas weiter nach oben gelegt und werde es nun doch lesen.

        Ja, die Beträge, die für Kunst augegeben werden sind wirklich zum Teil absurd. Es gibt ja inzwischen so viele Sammler und Sammlungen, dass man ganz den Überblick verliert…

        Natürlich sind die westlichen Länder auch unermäßlich reich und so ist auch ein großer Markt für Kunst vorhanden.

        Ich frage mich, was von der teuren Kunst auch noch in 100 Jahren Bestand hat…

        Liebe Grüße von Susanne

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