3 Bücher und das konstruierte Ich

Es kommt vor, dass ich – scheinbar zufällig, doch vielleicht ist es so, dass mich ein Thema unterschwellig beschäftigt und ich demnach unbewusst meine Lektüre auswähle – mehrere Bücher lese und dann feststelle, dass ihnen ein gemeinsames Motiv zugrundeliegt. So ging es mir auch im Januar: Nachdem ich Milena Michiko Flasars „[Ich bin]“, Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und Aléa Toriks „Aléas Ich“ gelesen hatte, und ohnehin nach „Aléas Ich“ intensiv über Identität und Ich-Konstruktion nachdachte, fiel mir auf, dass es genau darum auch in den anderen beiden Büchern ging.

3Bücher und das Ich

Ich-Konstruktion und Identität bei Flasar, Torik und Carroll

Alle drei Bücher las ich aus völlig unterschiedlichen Beweggründen heraus. Alle drei haben mich auf ihre Weise fasziniert, unterhalten und zum Nachdenken gebracht, jedes auf seine spezifische Art. Ich will euch im Folgenden von meinen unterschiedlichen Leseerfahrungen und Gedanken über Ich-Konstruktion und Identität berichten, ohne allzu literaturtheoretisch-philosophisch-psychologisch ausufernd werden zu wollen… Darüber hinaus habt ihr euch in dem Interview, das Katja mit Aléa Torik führte, bereits ausgiebig mit dem Thema in ihrem Buch beschäftigen können.

„Aber wenn ich nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist das Rätsel!“
(Alice im Wunderland)

Milena Michiko Flašar: „[Ich bin]“

Nachdem ich von „Ich nannte ihn Krawatte“ sehr begeistert war, las ich „[Ich bin]“ mit zugegebenermaßen hohen Ansprüchen an Sprachintensität, Prägnanz und Inhalt. Ganz mithalten konnte dieses 2008 erschiene Sprachwerk nicht, besonders den Inhalt betreffend: Es geht schlicht um verschiedene Varianten von Liebe und den damit einhergehenden Gefühlen. Aber: Es handelt sich um ein durchaus lesenswertes sprachliches Kleinod, das eine eigene Wirkkraft erzeugt, wenn man in seinen drei Teilen eintaucht. Um einen Eindruck zu gewinnen die Überschriften der Teile: I) Im Zeichen des Feuers. Ein Stück lyrische Prosa in zwei asymmetrischen Teilen. II) Ništa, Ništa oder Die Puppenspielerin. III) Go Far West. Eine Reise in Abhängigkeiten. Weiterlesen

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Thomas Lehr: „September. Fata Morgana“, 2010

„in der Vergangenheit
gibt es keine Luft für uns
ganz gleich wie verzweifelt die Zukunft dort atmen möchte“

Dieses Buch ist etwas Besonderes. Interessanterweise war es ein spontaner Zufallskauf – etwas, wozu ich mich nur sehr selten hinreißen lasse. Irgendwie sprach mich das Buch an, ich nahm es zur Hand und war erstaunt, statt den üblichen dichten Satzketten verseähnliche Wortgebilde vor mir zu sehen. Und: Es gibt keine Satzzeichen! Da wusste ich, dass in diesem Roman Poesie erklingt. Thomas Lehr_SeptemberAbout

Zwei Väter, Martin in den USA und Tarik im Irak, und ihre Töchter Sabrina und Muna erzählen jeweils aus ihren Perspektiven von den Ereignissen 2001 und 2004 in New York und Bagdad. Die Kapitel entstehen durch ihre Sichtweisen und sind jeweils abwechselnd mit einem der vier Namen überschrieben. Eine direkte Verbindung zwischen den beiden Vater-Tochter-Paaren besteht nicht – vorerst nicht. Man wird auch länger im Unklaren gelassen, ob nicht vielleicht das eine Mädchen nur in der Vorstellung der anderen existiert:

„da ist etwas dran erwiderte Tarik aber stell dir ein Mädchen vor (vor dem Hintergrund eines Bildschirms auf dem nun wider Knabenchöre das Lied Saddams Lebenspuls! zu Gehör bringen) ein Mädchen deines Alters im World Trade Center
es will studieren wie du oder es hat gerade mit dem Studium begonnen
ihr hättet euch in London begegnen können oder in Paris“

So wie Tarik seiner Tochter Muna in Bagdad rät, sich eine Gleichaltrige in New York vorzustellen, so hat Sabrina seit ihrer Kindheit eine imaginäre Freundin, eine arabische Prinzessin. Beide Mädchen könnten rein hypothetisch einfach in der Phantasie der anderen existieren.
Sabrina geht am Morgen des 11.September 2001 zufällig in das World Trade Center, um dort ihre Mutter Amanda (und Martins Exfrau) zu besuchen. Sie kehrt nie daraus zurück. Weiterlesen

David Foster Wallace: Unendlicher Spaß / Infinite Jest, Roman (2009)

In letzter Zeit kam es mir jetzt manchmal wie ein schwarzes Wunder vor, dass sich Menschen tatsächlich intensiv für ein Thema oder ein Ziel interessieren konnten und dass dieses Interesse jahrelang anhalten konnte. Dass sie ihr ganzes Leben dafür einsetzen konnten. Es war bewundernswert und zugleich rührend. Vielleicht wollten wir alle ums Verrecken unser Leben für etwas hingeben. Gott oder Satan, Politik oder Grammatik, Topologie oder Philatelie – der Gegenstand war ephemer angesichts dieses Willens zur bedingungslosen Hingabe. An Spiele oder Spritzen, an einen anderen Menschen. Es hatte etwas Rührendes. War eine Flucht in den Aktivismus. Flucht wovor eigentlich? S. 1292.

Unendlicher Spaß 3Heute (01.Jun.13) ist ein besonderer Tag. Ab heute zähle ich zu der überschaubaren Zahl derjeniger, die es geschafft haben, David Foster Wallace´ Roman „Unendlicher Spaß“ bis zum Ende durchzulesen.

Es heißt, wer dieses Buch gelesen habe, sei danach ein anderer. Es heißt, das Buch mache irgendetwas mit einem. Es heißt außerdem, sobald man es durchgelesen habe, wolle und solle man es sofort wieder von vorn lesen. Und an anderer Stelle heißt es sogar, man könne bewusst das Buch nicht zuende lesen, um immer noch mal irgendwann eines „der besten Romane aller Zeiten“ zuende lesen zu können.

Ein Stückchen Wahres steckt vielleicht in jeder dieser Einschätzungen. Zumindest weiß ich inzwischen ganz genau, was der / die jeweilige damit meint. Ich sage: „Unendlicher Spaß“ ist ein Roman, der den Leser festhält und wohl nie mehr so richtig loslässt. Im Folgenden will ich euch (es geht nicht anders als ausführlich) erläutern, warum. Weiterlesen

Seltener Abbruch von Eugen Ruges: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, Roman (2011)

Eugen RugeEigentlich mache ich das selten und ungern: ein Buch abbrechen. Vor allem, wenn es mir empfohlen wurde und es den Deutschen Buchpreis 2011 erhalten hat, d.h. wenn viele das Buch gut und lesenswert finden. Gefällt es mir dann so gar nicht, neige ich dazu, an meinem Urteil zu zweifeln und denke: Das Buch mögen so viele Menschen, warum ich nicht? Aber bei Eugen Ruges Roman hält mich einfach nichts. Weiterlesen

René Magritte: „…und ich benutze die Malerei, um das Denken sichtbar zu machen“

René Magritte (1898 – 1967) gehört meiner Meinung nach neben Salvador Dali zu den interessantesten surrealistischen Malern des 20. Jahrhunderts, daher möchte ich euch hier diesen faszinierenden Künstler näher bringen. Sein Verständnis der Aufgabe von Kunst und sein Begriff der Malerei faszinieren mich zutiefst, weil sie weit über ein traditionelles und eindimensionales Verständnis von Kunst hinausgehen. Magrittes Kunst genügt nicht einfach nur bestimmten Begriffen von Ästhetik, sie schafft eine ganz eigene Beziehung zwischen Betrachter und Betrachtetem. Als solche ist sie surrealistisch und symbolistisch ohne sich jedoch einer politischen oder ideologischen Deutung verschreiben zu lassen. Mich sprechen seine Bilder an, weil sie sehr eng mit Philosophie und Denken zusammenhängen, was in dieser Art und Weise kein anderer Künstler vor ihm so mit der Malerei verknüpfte. Magritte selbst nennt es „das Denken sichtbar machen“. Das heißt, wer ein Bild von Magritte betrachtet, kann auf den ersten Blick ein bestimmtes Motiv benennen und Form wie Farbe sowie Beziehung der dargestellten Elemente beschreiben, jedoch wird er dieses Bild nicht mit einer bloßen gegenständlichen Beschreibung erfassen. Es geht um mehr als darum, ob mir sein Bild und die Art der Gestaltung gefällt oder nicht, Magritte macht das Mysterium der Welt und unseren Glauben an die Dinge sichtbar. Er ließ sich nicht vorschreiben, wie man die Welt zu sehen hatte. Weiterlesen

Christa Wolf: „Leibhaftig“, 2002 – Eine Lesenotiz

Man kann und sollte Christa Wolf nicht mit Charlotte Roche vergleichen. Zumal die beiden nicht viel mehr gemeinsam haben, als das Initial C im Vornamen.
Dennoch musste ich beim Lesen von Christa Wolfs „Leibhaftig“ der Grundidee wegen kurz an Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ denken.

In beiden Büchern liegt eine weibliche Erzählerin im Krankenhaus und kuriert ihre Krankheit aus. Beide begegnen den verschiedenen Ärzten, Krankenschwestern, beide blenden zwischendurch ein, was ihr Leben außerhalb dieser Situation in der sie sich befinden, ausmacht.
Bei Christa Wolf ist diese verhältnismäßig handlungsarme Begebenheit in anspruchsvolle Wortspiele und geschichtliche Reflektionen eingefasst. Bei Roche, wie wir aufgrund des medialen Erfolgs wohl alle wissen, sind es mehr Ekeligkeiten und ein sprachlich sehr flaches Niveau, was ihr Buch kennzeichnet. Weshalb ich darauf nicht weiter eingehen möchte. Lediglich die inhaltliche Parallele der 2002 (Wolf) und 2008 (Roche) erschienenen Bücher fand ich interessant…

Um Christa Wolfs Literatur schätzen zu können, sollte man sie erst einmal lesen. Aufmerksam und langsam lesen. Daher wird dies keine ausführliche Rezension, sondern mehr eine Lesenotiz, die die Besonderheiten hervorzuheben versucht:  Weiterlesen