About @bout…

JA, es ist still geworden auf diesem Blog. Das hat seine Gründe: Während die eine von uns beruflich bloggt und soviel am Computer sitzt, dass sie anschließend froh ist, den Laptop auslassen zu können und sich dem Offline-Leben zu widmen (Katja), ist die andere Mama geworden und hat zwar glücklicherweise noch Zeit zum Lesen, aber kaum mehr Zeit um darüber zu schreiben (Laura) …

Wir haben uns gefragt, ob es nicht sinnvoller ist, das Bloggen mangels Zeit erstmal sein zu lassen.

Aber irgendwie liegt uns doch noch daran, über das, was wir lesen oder in der Kunstwelt entdecken, zu schreiben und mit euch zu teilen. Daher werden wir weitermachen – wenn auch wesentlich unregelmäßiger, in kürzeren Artikeln, dafür mit neuem frischen Design und hoffentlich auch mehr Kunst neben der Literatur.

Stricken_Wolle_und_so
Stricken ist Entspannung. Man muss einfach mal offline sein.

Denn auch mit herausforderndem Job bzw. Baby bleibt uns doch die Leidenschaft für das Lesen!

Das schönste Lesezeichen der Welt
Das schönste Lesezeichen der Welt

In diesem Sinne…
danke für eure Treue, euer Verständnis und
auf baldiges Wiederlesen!

Advertisements

L. Sonntag mit Proust (am Montag)

Marcel Proust über den Wandel der Zeit und deren Effekt auf unsere Persönlichkeitsentwicklung, über Wünsche hin zu einem alternativen, unveränderlichen Sein, in dem alles bliebe, wie es war und die Unmöglichkeit dessen:

„Wir wünschen uns leidenschaftlich, es möchte ein anderes Leben geben, in dem wir dieselben bleiben, die wir hienieden gewesen sind. Aber wir bedenken nicht, daß wir, sogar ohne erst auf dieses andere Leben zu warten, schon in diesem hier nach einigen Jahren dem untreu werden, was wir gewesen sind und was wir selbst in der Unsterblichkeit noch wiederfinden wollten. Doch selbst wenn wir nicht voraussetzen, daß der Tod uns stärker verändert als die Wandlungen, die sich im Laufe unseres Lebens vollziehen, würden wir uns in jenem anderen Sein, sobald wir dem Ich begegneten, das wir gewesen sind, von ihm abwenden wie von Personen, mit denen wir zwar befreundet waren, die wir aber längere Zeit nicht gesehen haben.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.2: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 357 f.

Tomas Espedal: „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“, 2011

Ein Ich-Erzähler, der Trinker war und anstatt weiter zu trinken, anfängt, zu gehen. In «Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen», das 2006 auf Norwegisch erschien, sinniert ein Mann über das, was das Leben lebenswert macht. Und er ist dabei – meistens – in Bewegung.Espedal_Gehen

Es ist ein Buch über das Gehen. Über das Leben im Augenblick, über Achtsamkeit, über Einsamkeit, Lebensgenuss und -überdruss. Espedal schreibt nicht in einem Fluss. Vielmehr ist das Buch eine Anreicherung von Szenen, Wanderungen, Zwischenmenschlichkeiten und vor allem vielen Zitaten über das Gehen (von de Beauvoir, über Rousseau, Montaigne, Rimbaud, bis hin zu Woolf und Whitman) … Der Leser begleitet den Erzähler und es ist ein assoziatives, beschreibendes Erleben des Gehens, mehr als eine in sich geschlossene Geschichte mit klaren Strukturen, Figuren und Ereignissen. Weiterlesen

XLV. Sonntag mit Proust: Lebenswehmut

Monsieur Swann, der schwer krank ist, spricht mit dem Erzähler über das, was er vermissen wird. Aus seinen Worten spricht eine Wehmut und zugleich tiefe Achtung und Liebe zum Leben:

„Selbst wenn man nicht mehr an den Dingen hängt, ist es nicht unbedingt gleichgültig, ob man daran gehangen hat, denn immer ist es aus Gründen gewesen, die den anderen entgehen. Wir spüren, daß die Erinnerung an diese Gefühle einzig in uns selbst besteht; in uns selber müssen wir daher Einkehr halten, um sie zu betrachten. Machen Sie sich nicht allzusehr lustig über diesen Idealistenjargon; was ich sagen will, ist, daß ich das Leben sehr geliebt habe, und die Künste auch. Gut, gut. Jetzt, wo ich etwas zu müde bin, um mit anderen zu leben, scheinen mir diese alten, mir so ganz zugehörigen Gefühle, die ich durchlebt habe, wie es nun einmal die Manie aller Sammler ist, unerreichbar an Wert. Ich schließe mir selbst mein Herz auf, als wäre es so etwas wie eine Vitrine und betrachte eine nach der anderen alle die Arten von Liebe, welche die anderen nicht kennengelernt haben. Von dieser Sammlung aber, an der ich jetzt noch stärker hänge als an allen übrigen, sage ich mir ein wenig wie Mazarin mit Bezug auf seine Bücher – aber im Übrigen ohne alle Angst -, daß es doch sehr bedauerlich sein wird, alles das zu verlassen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 147-148.

Zadie Smith: „NW“, 2012

NW

Wenn ich reise, lese ich gern unterwegs einen zum Reiseort passenden Roman. Anlässlich eines kurzen London-Trips mit Katja las ich Zadie Smith´s „NW“ auf Englisch, während sie sich dem Klassiker „Mrs. Dalloway“ widmete.

The fat sun stalls by the phone masts.“ / „Die pralle Sonne trödelt bei den Telefonmasten.“ (erster Satz)

Zadie Smith, selbst in London North-West geboren und aufgewachsen, ermöglicht einen komplett untouristischen, detailreichen und sprach-experimentellen Einblick in das Londoner (Randbezirk-) Leben. Vier Figuren werden umrissen und man liest von einem Stück ihres Lebens, lauscht ihren Dialogen, sieht ihnen zu, erlebt verschiedene Zeitspannen, die sich je nach Figur unterscheiden. Alle vier, Leah, Felix, Natalie und Nathan, sind im gleichen Stadtteil aufgewachsen, bringen unterschiedliche kulturelle Hintergründe mit, und haben zwar die gleiche Schule besucht, entwickeln sich dann aber in ganz verschiedene Richtungen. Weiterlesen

XLII. Sonntag mit Proust: Man halte sich lieber an tote Autoren

„Ungewiß, ob Ibsen oder d´Annunzio tot oder lebendig waren, sah er schon, wie Schriftsteller und Dramaturgen seiner Frau Besuche machten und sie in ihren Werken nannten. Die Angehörigen der großen Welt stellen sich Bücher gern wie eine Art Würfel vor, deren eine Fläche man abgenommen hat, so daß nun der Autor nichts Eiligeres zu tun hat als die Personen, die er trifft, in sie „hineinzutun“. Das ist offenbar illoyal, aber sie sind ja auch nur Leute von geringer Bedeutung. Gewiß wäre es nicht übel, sie „en passant“ kennenzulernen; denn dank ihnen kann man, wenn man ein Buch oder einen Artikel liest, den anderen „in die Karten“ schauen oder „ihr wahres Gesicht“ hinter der Maske erspähen. Dennoch ist es klug, sich lieber an tote Autoren zu halten.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 98.

Mira Magén: „Wodka und Brot“, Roman (2012)

Welche Entscheidung die richtige ist, weiß man in den seltensten Fällen im Leben. Manchmal erscheint eine Entscheidung richtig, doch die Sicht auf die Dinge ändert sich mit der Zeit…Wodka und Brot

Die Protagonistin Amia in Mira Magéns Roman „Wodka und Brot“ bereut ihre Entscheidung, den Erfolg versprechenden Job als Steuerberaterin zugunsten des familiär betriebenen Ladens für Brot und Milch an den Nagel zu hängen, nicht. Auch als ihr Mann Gideon, ein ebenfalls erfolgreicher Anwalt, sie und den Sohn temporär verlässt, um Fischer zu werden und sich selbst zu finden, hadert sie nicht mit ihrem Schicksal. Sie macht einfach weiter. Irgendwie wird es sich schon geben mit dem Laden, der Hypothek, der Erziehung von Nadav. Doch es kommt natürlich anders; da taucht auf einmal Madonna auf, ein Mädchen, das allem und jedem trotzt, extravagante Frisuren trägt und schwarzen Lippenstift, und das mit Vorliebe geklautes Geld mit Tieren vergütet, wie zum Beispiel dem kleinen Welpen Wodka. Dieses Mädchen wird vom Hausbesitzer, einem schrulligen alten Mann der eine Tragödie durchlebte, und mit Argusaugen nebenan wohnt und alles überwacht, gar nicht gern gesehen, doch er hat mit seinen Problemen zu tun, die auch bald zu Amias Sorgen werden… Weiterlesen

Notizen zur Lektüre: Thomas Bernhard „Der Atem“

In den „Notizen zur Lektüre“ beschäftigen wir uns eingehend mit Thomas Bernhards „Der Atem. Eine Entscheidung“, das 1978 erschien. Wir werden in Teilen jeweils zehn Seiten lesen und dazu wochenweise unsere Gedanken in assoziativen Stichworten festhalten und mit euch teilen. Wer zufällig die schmale Ausgabe im Schrank stehen hat und Zeit und Lust hat, mit uns mitzulesen, kann sich gern beteiligen. Unsere Inspiration ist es, mehr Klassiker intensiver zu lesen und genau auf Sprache und Details zu achten… Es geht uns also um das entschleunigte Lesen!

Bei Bernhards „Der Atem. Eine Entscheidung“ handelt es sich um den ersten Teil einer Reihe von autobiographischen Schriften, in denen sich der alternde Autor Bernhard in Rückschau an ein nachhaltiges Krankheitserlebnis seiner Jugend erinnert.

Grundlage unserer Lektüre ist eine antiquarische DTV-Ausgabe (München) von Januar 1981 (Ursprünglich Residenzverlag, Salzburg u. Wien, 1978), hier in aktueller Auflage bei DTV erhältlich.

Teil I (Seite 7 – 18)

Bernhard_Atem Weiterlesen

@bout David Wagner: Leben (Roman, 2013)

Über das Buch

Für diesen Dialog entschieden wir uns, dass wir das Buch  lesen, welches den Preis der Leipziger Literatur- Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewinnt. Der Preis ging glücklicherweise an David Wagner und sein Buch „Leben“, unsere geheime Hoffnung.

In „Leben“ beschreibt der Ich-Erzähler die Geschichte seiner Lebertransplantation. Der Leser erlebt die Krankenhausaufenthalte und gedanklichen Auseinandersetzungen des Erzählers mit, der seit seiner Pubertät an einer Autoimmunerkrankung leidet, die die Leber zerstört. Tag für Tag wartet er auf die erlösende Nachrichts und den Anruf des Arztes: Wir haben eine Leber für sie. Wie fühlt man sich, wenn man darauf hoffen muss, dass ein anderer Mensch stirbt, damit man selbst weiterleben darf? Was bedeutet Leben, wenn man nicht weiß, ob es weiter gehen wird, und welche Gedanken bewegen einen Menschen dabei? Davon erzählt David Wagner und wir sind ihm dabei gefolgt.

Zeus hat Prometheus dafür bestraft, daß er den Menschen das Feuer gebracht hat. Er kettet ihn auf einem Felsen an und läßt einen Adler jeden Tag ein Stück von seiner Leber fressen. Prometheus ist gefesselt, stirbt aber nicht, der Mythos weiß um die erstaunliche Regenerationsfähigkeit des Organs. Lebergewebe wächst nach, sieh an. Wachs doch nach, liebe Leber.

David Wagner_ LebenKatja: Als erstes muss ich sagen, dass ich froh war, dass David Wagner gewonnen hat, weil mich das Buch auch am ehesten interessiert hatte von den diesjährigen Nominierten. Ich bin ja eher nicht so, dass ich die Bücher lese, die einen Literaturpreis gewinnen, weil das nicht unbedingt was zu sagen hat hinsichtlich der Qualität des Textes, aber gut …

Ich hab mich zuerst gefragt, warum das Buch nicht „Leber“ heißt – sondern „Leben“ –  hätte ja zum humorvollen Grundton gepasst ….

Laura: Interessant, ich habe beim Lesen immer gedacht, das Buch könnte auch „Sterben“ heißen. Im Grunde befindet sich der Erzähler ja stets auf der Grenze zwischen Leben und Sterben, auch mental. Aber letztlich will er ja leben und es ist natürlich positiver ein Buch so zu nennen 😉
Und zum positiven Grundton passt natürlich auch der Umgang mit Humor. Ich finde auch, das Buch ist sehr authentisch und menschlich geschrieben. Weiterlesen