Notizen zur Lektüre: Thomas Bernhard „Der Atem“

In den „Notizen zur Lektüre“ beschäftigen wir uns eingehend mit Thomas Bernhards „Der Atem. Eine Entscheidung“, das 1978 erschien. Wir werden in Teilen jeweils zehn Seiten lesen und dazu wochenweise unsere Gedanken in assoziativen Stichworten festhalten und mit euch teilen. Wer zufällig die schmale Ausgabe im Schrank stehen hat und Zeit und Lust hat, mit uns mitzulesen, kann sich gern beteiligen. Unsere Inspiration ist es, mehr Klassiker intensiver zu lesen und genau auf Sprache und Details zu achten… Es geht uns also um das entschleunigte Lesen!

Bei Bernhards „Der Atem. Eine Entscheidung“ handelt es sich um den ersten Teil einer Reihe von autobiographischen Schriften, in denen sich der alternde Autor Bernhard in Rückschau an ein nachhaltiges Krankheitserlebnis seiner Jugend erinnert.

Grundlage unserer Lektüre ist eine antiquarische DTV-Ausgabe (München) von Januar 1981 (Ursprünglich Residenzverlag, Salzburg u. Wien, 1978), hier in aktueller Auflage bei DTV erhältlich.

Teil I (Seite 7 – 18)

Bernhard_Atem

Inhalt:

Ich Erzähler – Krankheit – Einweisung – Sanatorium / Krankenhaus – Großvater-Enkel-Familie-nasse Rippenfellentzündung – Großvater – Enkel – Familie – nasse Rippenfellentzündung – gelbgraue Flüssigkeit – verzerrte Wahrnehmung des Geschehens – Ohnmacht – Bewusstlosigkeit – Ausgeliefert sein – Krankheit zum Tode – Lebensgefahr – Krankenschwester – Fünf-Liter-Gurkenglas – Gummischlauch – Krankensaal – Wände anstarren – Schwestern, die Hände nehmen – Leichen – der Tod ist körperlich überall spürbar – Puls messen – tausend merkwürdige Geräuche, Lachen, Schreien – Weinen, Wer ist das? Wo bin ich? – Punktieren, Punktionsnadel, Ärzte – Betten – Nachbar – Atem – Zinkblechsarg – Bettzeug wechseln –

Sprache und Stimmung:

enorm lange Sätze – Bewusstseinsstrom der Gedanken des Ich-Erzählers – hineingezogen werden in das Innere der Ich-Persona – Wortwiederholungen – Monotonie – sprachliche Bilder, die verstörende Eindrücke entstehen lassen – vergleichende Metaphern – Ohnmächtigkeit – Angst – Ungewissheit erzeugend – zwischen Leben und Tod changierend – auf dem Sterbebett liegend – im Rausch – Farben: weiß, grellweiß, dunkelweiß – detailgetreue Beschreibungen – Ekel hervorrufend – klare Raumbeschreibungen, die eine intensive Wahrnehmung erzeugen, in die der Leser schlüft – überall Hände und Wände und Mauern – Wahrnehmungsstörung / Desorientierung überträgt sich auf Leser – Leser fühlt sich mit dem Kranken (dem Ich-Erzähler) ausgeliefert – Ausgeliefert-Sein den Ärzten gegenüber wird sprachlich intensiv vermittelt im Gedankenstrom – Schwellenerfahrung des Bewusstseins – Auflösung des Zustands zwischen Wirklichkeit und Traum – starke Geräusch- und Lärmwahrnehmung des Erzählers durch entsprechende Adjektive und Verben vermittelt – Hilflosigkeit wegen des Ausgeliefert-Seins – sich in die Hände der Anderen begeben – Verlust der Selbstbestimmung – Extreme Subjektivität der Ich-Perspektive – Leser wird zum Kranken und steht den Todeskampf mit durch, der eigentlich eine Entscheidung zum Leben ist – Zentralmetapher, titelgebend: der Atem wird eingeführt (S. 18) – Atem = Leben –

„Ich wollte leben, alles andere bedeutete nichts. Leben, und zwar mein Leben, wie und solange ich es will.(…) Von zwei möglichen Wegen hatte ich mich in dieser Nacht in dem entscheidenden Augenblick für den des Lebens entschieden. Ich hatte nicht, wie der andere vor mir, aufhören wollen zu atmen, ich hatte weiteratmen und weiterleben wollen. (…) Ich bestimmte, welchen der beiden möglichen Wege ich zu gehen hatte. Der Weg in den Tod wäre leicht gewesen. Genauso hat der Lebensweg den Vorteil der Selbstbestimmung.“ (S. 17-18)

Bedeutung und Wirkung:

Ich-Perspektive führt zu einer starken Unmittelbarkeit des erzählten Erlebens in der Rückschau – fulminanter dramatischer Einstieg, der unmittelbar in die erinnerte Welt des jugendlichen Autor-Egos führt – fesselnd erzählt durch modernen gestischen Erzählstil – Bedrücktheit – Verwirrung – Isolation – Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins: entstehen beim Leser als Übertragung aus dem Erleben des Erzählers, man wird sofort in die Geschichte eingesogen – Erzählung beginnt direkt und unmittelbar mitten im Konflikt – alles Weitere muss sich rückbezüglich an dieser trüben, depressiven, ausgelieferten Stimmung messen – Ich-Erzähler und Leser befinden sich zu Beginn am Tiefpunkt – Bedrückende und beklemmende Stimmung – atemloser Lesefluss – Erinnerungen des Autors strömen aus wie der Atem einströmt – großartiger intensiver Erzähler, der nichts beschönigt – radikal – Frage aufwerfend: Heroisiert man in der Nachbetrachtung die eigene Kraft? War er wirklich derart zu bewusster Entscheidung fähig, da unter Schmerzmittel und Drogen gesetzt? Ohnmächtigkeit der beschriebenen Stimmung und Ausgeliefertsein sprechen vom Gegenteil … – Tod als Beginn – Entscheidung zum Leben symbolisiert durch den Atemzug – keine Positivität / euphemistische Verklärung – radikaler Realismus – Atem als Entscheidung und Mittel zum (Über)leben der Grenzsituation – Konfrontation mit Vergänglichkeit und Tod – Krankenhaus als liminaler Ort – der einzige Lichtblick an einem Ort der Bedrängnis und des Verlusts der Autonomie: die Entscheidung für den Atem und das Leben

Nächste Woche geht es weiter mit Seite 18 – 28!

Advertisements

11 Gedanken zu “Notizen zur Lektüre: Thomas Bernhard „Der Atem“

  1. Tolle Idee! Habe schon einen suchenden Blick ins Regal geworfen und mich prompt in „Die Ursache“ festgelesen – aber „Der Atem“ müsste eigentlich auch irgendwo in der Nähe sein …

    1. Hallo Jutta, wenn du „Der Atem“ noch entdeckst, kannst du gern mitlesen und deine Leseeindrücke beisteuern. Wir haben uns auf 10 Seiten / Woche eingestellt, weil das auch bei Stress ein schaffbares „Nebenbei-Lese-Pensum“ ist, ohne dass die Intensität leidet 😉

  2. Schöne Idee, ihr beiden! 😀 Ich muss gestehen, dass ich noch nie etwas von Thomas Bernhard gelesen habe und auch eure ersten Eindrücke klingen eher „anstrengend“ (dabei scheue ich auch Anstrengung beim Lesen eigentlich nicht).

    1. Danke Mara. Wir wollten ja ohnehin mehr Klassiker lesen und da wir Bernhard beide gern mögen, haben wir uns für ihn entschieden… Irgendwann solte man sich wohl mal an einen Thomas Bernhard herantrauen, auch wenn es zweifellos anstrengende und herausfordernde Lektüre ist, die sich nicht einfach so wegliest… 😉 LG laura von aboutsomething

      1. Das stimmt sicherlich, liebe Laura! Ich finde es ab und an in der Tat reizvoll, Bücher nicht nur wegzulesen, was mich irgendwann nur noch an reines Konsumieren erinnert, sondern sich zu erarbeiten. Thomas Bernhard steht auf jeden Fall auf meiner erweiterten Wunschliste. 🙂

      2. Bücher sollte man nie nur weglesen, zumindest sind Sprachexperimente für den Interessenten an moderner Erzählkunst nicht zum Weglesen geeignet, sondern zum Eintauchen in den Tet und Ergründen der Figur. Und Bernhard ist moderne Erzählkunst, österreichische Erzählkunst. Ob man sich in einem Text immer wohlfühlt, ist die andere Seite, das heißt nicht, dass er nicht großartige Literatur ist, nur weil er abgründige ekelhafte grauenvolle Themen behandelt. In der Literatur geht es ja auch darum die traurigen, schmerzvollen Themen anzusprechen, zu ergründen und auch von den dunklen Seiten des Lebens zu berichten. Das kann natürlich jeder halten wie er mag. Durch ein Literaturstudium ist man wohl auch eher interessiert an sperrigen Texten, Experimenten mit Form und nicht bloß reiner Unterhaltung oder „Weglesen“ (soll jetzt nicht falsch verstanden werden im Sinne von Wer-nicht-studiert-hat- darf- Literatur- nicht-beurteilen, ist nur erläuternd, warum wir auch an solcher Literatur mehr interessiert sind als an Neuerscheinungen, die schnell in Vergessenheit geraten). Manchmal stößt man im Text an Grenzen und man mag nicht, was man da liest, aber man wächst daran, man lernt daraus.

      3. „Manchmal stößt man im Text an Grenzen und man mag nicht, was man da liest, aber man wächst daran, man lernt daraus.“ – Das finde ich sehr schön beschrieben, diesen Effekt spüre ich auch, wenn ich Bücher lese, die ich eben nicht nur konsumieren kann, sondern die in mir und mit mir etwas anstellen. Das können manchmal auch Neuerscheinungen sein, wenn ich jedoch in mein Regal blicke, sind es in der Tat eher die Texte, die länger zurückliegen, die etwas in mir gemacht und verändert haben. Ich fühle mich da auch manchmal in gewisser Weise in einer Zwickmühle: ich möchte meinen Blog gerne mit hochaktuellen Büchern bestücken, würde aber gleichzeitig auch gerne Zeit haben für intensive Lektüren und nicht nur für die Jagd nach Neuerscheinungen. An diesem Zwiespalt arbeite ich aber fleißig. 🙂

        Danke auf jeden Fall für deine interessante Antwort und liebe Grüße
        Mara

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s