[Rezension] Kristine Bilkau: „Die Glücklichen“

„Die Glücklichen“ ist ein Debütroman über eine junge Familie, über das Scheitern in unserer Gesellschaft, über Träume, und was daraus wird… Kristine Bilkau schreibt über die Cellistin Isabell, den Journalisten Georg und deren kleinen Sohn Matti. Während Isabell im Stillen mit ihrer Angst und dem Zittern der Bogenhand beim Auftritt kämpft, verliert Georg seinen Job im Zuge des „Zeitungssterbens“. Beide müssen sich damit abfinden, zu scheitern, arbeitslos zu sein, eine Familie in einem angesehenen Bezirk zu werden, die es nicht schafft. Oder doch?Bilkau_Die Glücklichen

Bilkau befasst sich mit den Fragen, die sich viele (Mittdreißiger) zur Zeit stellen: Wie werde ich glücklich? Wie will ich eigentlich leben? Was bin ich bereit für meine Träume zu opfern? Und was ist eigentlich, wenn ich es nicht schaffe…? In der Geschichte verdichtet sich ein Komplex an Gedanken und Fragen, die sehr nachvollziehbar sind. Die ständig drohende Arbeitslosigkeit in Zeiten absolut unsicherer Jobs, die Anforderungen, die man als junge Familie (als Vater, als Mutter) an sich stellt usw. Anhand von Georg und Isabell wird exemplarisch ein Bild derer entworfen, die sich inmitten dieser Komplexe befinden. Doch es geht um mehr als um das Beschreiben dessen, das in einer simplen Spiegelung der Realität verharren würde. Vor allem geht es um das Innen und Außen.

Was den Roman in meinen Augen hervorhebt, ist das beständige Changieren zwischen Innen und Außen. Der Leser erfährt durch einen auktorialen Erzähler in kapitelweise wechselnder Perspektive was in Georg und Isabell jeweils vorgeht. Dies ermöglicht zu erkennen, was sie sich gegenseitig verschweigen. Isabell leidet an ihrer Auftrittsangst, sie kann nicht mehr Cello spielen, weil ihre Bogenhand zittert, doch sie spricht nicht darüber. Georg träumt sich in für ihn unbezahlbare Eigentumswohnungen, in einsame Häuser im Nirgendwo, wo er gern als Selbstversorger mit seiner Familie einen neuen Anfang wagen würde. Er fühlt sich als junger arbeitloser Familienvater unter Druck gesetzt. Sie reden immer weniger miteinander und verlieren den Zugang zum Inneren des Partners.

Zugleich wird immer wieder deutlich, wie sehr die vermeintlich von außen kommende Sicht der Anderen (Nachbarn, Schwiegermutter, Kollegen …) auf sich von der eigenen im Inneren differiert. Georg und Isabell sind sich in ihrer Eigenschaft sehr ähnlich, viel Wert darauf zu legen, Zeit und Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, was die Anderen von ihnen denken. Dabei sind sie sich selten darüber im Klaren, dass diese Anderen vielleicht auch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Ihre Lösung besteht am Ende im Grunde darin, sich von dem zu befreien, was die Anderen vermutlich über sie denken.

Dies Spiel zwischen Innen und Außen findet sich interessanterweise auch in einigen Bildern des Romans wieder. Isabell verkriecht sich allzu gern mit ihrem Sohn Matti in ihrer Wohnung, fühlt sich wohl hinter der Bauplane, die das Haus umgibt. Im Inneren dieser magischen Augenblicke mit ihrem heranwachsenden Sohn steht die Zeit momenteweise still.

Nach einer Weile schließt sie ebenfalls die Augen, rollt sich so zusammen, dass Matti in ihre Körperbucht passt. Das ist wieder einer dieser Momente, wenn etwas schmerzhaft schön ist und alles eine Einheit bildet. Sie, das Kind, die Wärme, die Ruhe, in solchen Momenten kann sie ein leises Ticken hören; dieser Moment wird nicht bleiben, sie wird ihn verlieren, vielleicht vergessen, sie und ihr Kind, das ist jetzt, nur jetzt, sie muss diesen Moment halten. Dieser gemeinsame Schlummer, diese Stunde wird ein Ende haben, es gibt nichts, was sie dagegen tun kann. Auch die Vernunft wird nicht gegen diese Sehnsucht ankommen, Matti, so wie er gerade neben ihr liegt, immer, immer bei sich zu haben. Stillstand, im schönsten Moment, das geht nicht, denn das hieße zu sterben.“(S. 134)

Georg dagegen drängt es immer wieder nach draußen. Er fährt aufs Land, stellt sich ein Leben in einer Kleinstadt als einen Neuanfang vor – bis ihn mit dem Tod seiner Mutter die Realität mit seinem Inneren konfrontiert… So taumeln die Figuren von innen nach außen und von außen wieder zurück ins Innere. Stets auf der Suche nach dem Glück im Leben und in der Annahme: Die Glücklichen, das sind die Anderen. Oder beinhaltet das Leben nicht auch für sie ein wenig Glück?

Das Innerste vom Inneren – ein geheimnisvoller Tresor, verborgen hinter der Tapete der Altbauwohnung – bleibt bis zum Ende verschlossen. Wie ein solches ungeöffnetes Schatzkästchen enthält auch der Debütroman von Kristine Bilkau noch zusätzlich einige Anregungen zum Grübeln: Wird der Verfall der Mittelschicht beschrieben? Wie gelingt Partnerschaft mit Kind und anstrengender Arbeitsstelle bzw. in Arbeitslosigkeit? Welche Lebensweise macht wirklich glücklich? Und wie geht man mit dem Tod der Eltern in Armut um?

„Die Glücklichen“ spiegelt die Fragen einer Generation und erzählt vom Leben wie es ist. Es handelt sich um ein sehr realistisches Debüt, das ohne sprachliche Schnörkel auskommt. Vor allem aber ist es „ein Buch über die Angst, ein melancholisches Buch, das aber sehr wohl den Ausweg aus der Lebenslüge und den Lichtblick in ein anderes Leben zulässt.“ ¹

Kristine Bilkau wurde für ihren Debütroman jüngst für den Franz-Tumler-Preis nominiert und hat diesen am 18.09.15 gewonnen! Mehr über den Preis und über die Verleihung in Laas könnt ihr hier nachlesen.

Eine weitere, kritischere Rezension zum Buch inklusive Interview der Autorin findet sich hier.

1) Aus der Begründung der Jury zum Franz-Tumler-Preis-Gewinn des Romans

Kristine Bilkau – Die Glücklichen, erschienen beim Luchterhand Literaturverlag, 2015


© Thorsten Kirves
© Thorsten Kirves

Kristine Bilkau, 1974 geboren, war 2008 Finalistin des Literaturwettbewerbs Open Mike in Berlin und 2009 Stipendiatin der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. 2010 erhielt sie das Stipendium des Künstlerdorfes Schöppingen und 2013 nahm sie an der Bayerischen Akademie des Schreibens des Literaturhauses München teil. Sie arbeitet als Journalistin für Frauen- und Wirtschaftsmagazine und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. „Die Glücklichen“ ist ihr erster Roman.

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3 Gedanken zu “[Rezension] Kristine Bilkau: „Die Glücklichen“

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