[Kritik in Kürze] Philip Teir: „Winterkrieg“

Ein Familienroman. Ein kleiner Exkurs in die Soziologie und die Kunstwelt. Ein Roman über Beziehungen und das Altern. Teir_winterkrieg

„Winterkrieg“ herrscht mit zunehmend abkühlenden Temperaturen in der finnischen Familie Paul, insbesondere zwischen dem Soziologen Max und seiner Frau Katriina. Die erwachsenen Töchter Helen und Eva versuchen in ihrem eigenen Leben zurecht zu kommen. Doch während die zweifache Mutter Helen ihren stupiden Alltag als Lehrerin verlebt und Eva in London mit ihrem Kunst-Dozenten schläft, streiten Max und Katriina nicht mehr nur um eine neue Küche.

Der Finnlandschwede Philip Teir schreibt in seinem Debütroman „Winterkrieg“ nicht vom so genannten Winterkrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion 1939. Er seziert die psychologisch-soziologischen Feinheiten zwischenmenschlicher Beziehungen anhand einer Familie. Dabei geht es um Figuren aus Finnlands Mittelschicht, die trudeln, suchen und deren Charaktere dabei teilweise überraschende Entwicklungen offen legen.
Teir schreibt sein Debüt, als hätte er bisher nichts anderes getan. Seine Figuren wirken aufgrund ihrer Wandlungsfähigkeit authentisch und nachvollziehbar. Der Roman liest sich durch die Anleihen aus Kunst und Soziologie anregend und unterhaltsam.

Rousseau meinte, dass es unmöglich sei, bewusst glücklich zu sein. Man wird sich seines Glückes nur in der Rückschau bewusst, nachdem man es schon verloren hat. Wenn man es erlebt, kann man es nicht erkennen, wenn man sich seiner bewusst ist, kann man es nicht empfinden. Auch Hannah Arendt hat etwas Ähnliches gesagt: Um nach oben zu kommen, muss man vorher ganz unten gewesen sein. Das Leben ist im Grunde ein ewiger Kreislauf von Glück und Unglück, das eine setzt das andere voraus.

Doch die Sprache ist nicht herausragend und stellenweise fühlte ich mich zu sehr an den Plot in Jonathan Franzens „Korrekturen“ erinnert. Auf ein weiteres Buch nimmt Teir Bezug, welches er als Quelle angibt: Sarah Thorntons „Sieben Tage in der Kunstwelt“. Tatsächlich ist in Evas Londoner Kunststudium einiges an Thorntons populärer Analyse angelehnt. Teirs Roman bietet interessante Aspekte, ohne innovativ zu sein.

Somit verbleibt der Leseeindruck eines bemerkenswerten, jedoch nicht herausragenden Debütromans. Gute Lektüre für lange Herbst- oder Wintertage.

Philip Teir: „Winterkrieg“, 2014, aus dem Schwedischen von Thorsten Alms, erschienen bei Blessing.


© Rio Gandara/Helsingin Sanomat
© Rio Gandara/Helsingin Sanomat

Der Finnlandschwede Philip Teir, geboren 1980, gilt als einer der wichtigsten Nachwuchsautoren Finnlands. Er hat bereits Gedichte und einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht, und ist Herausgeber von Anthologien. „Winterkrieg“ ist sein erster Roman. Philip Teir lebt als freier Journalist und Schriftsteller mit seiner Familie in Helsinki.

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