Vorgestellt: Die Textlicht-Reihe der edition atelier

Unter dem Titel „Textlicht“ gibt der Wiener Verlag Edition Atelier eine besondere Reihe handlicher kleiner Erzählbände junger österreichischer Autoren und Autorinnen heraus: „Erfrischendes Lesevergnügen im zeitgemäßen Format: Textlicht, Literatur, die unter die Haut geht und im Kopf bleibt!“Edition_Atelier

Die Edition Atelier wurde Mitte der 80er Jahre in Wien durch den Journalist, Autor und Politiker Jörg Mauthe ins Leben gerufen und widmete sich österreichischer Literatur, Kultur- und Politikgeschichte. Mauthe gründete ebenfalls die kulturpolitische Zeitschrift Wiener Journal, der die Edition Atelier angeschlossen wurde. Seit 2011 besteht der Verlag selbstständig unter der Leitung des Theaterwissenschaftlers Jorghi Poll, der ihn seit 2013 gemeinsam mit Literaturwissenschaftlerin Sarah Legler führt und den Schwerpunkt auf österreichische Gegenwartsliteratur legt.

Wir durften mit freundlicher Unterstützung der Edition Atelier in zwei Bände aus der Textlicht-Reihe eintauchen und  experimentelle junge österreichische Literatur kennenlernen, die wir euch hier vorstellen möchten.

Im dazugehörigen Blog http://textlicht.wordpress.com könnt ihr euch über aktuelle Aktionen, monatlich stattfindende Lesungen und die Textlicht-Autoren informieren.

Katja über „Fensterfummeln“ von Claudia Tondl:

Claudia Tondls kleine Erzählung „Fensterfummeln“ entblättert sich leise, Seite um Seite, Bild für Bild. Es handelt sich weniger um eine klassische Erzählung, sondern vielmehr um eine Art Theaterstück und Dramentext, ohne konkrete Handlung. Es geht der Autorin um den Blick einer Beobachterin auf sich wandelnde Szenerien. Der Leser springt mit der Ich-Erzählerin flanierend von Szene zu Szene, und begleitet sie auf einen Schaufensterbummel durch die Altstadt von Wien. Da gibt es Bauarbeiter, Straßenmusiker, Stripperinnen, Bettler, Kellnerinnen, Mannequins und Passanten im Liegestuhl. Anhand ihrer Betrachtungen und Wahrnehmungen scheinbar alltäglicher wie auch absurder Dinge und Begebenheiten entsteht eine Reflexion von Gedanken, die die Beobachterin aus der reinen Wahrnehmung herausführen in eine philosophische Metaebene.TL_stondl_Cover.indd

Es geht um das Anschauen, das Angeschaut-Werden und das Verhältnis von Objekt und Subjekt einer Betrachtung. Der Leser wird zum Voyeur seiner eigenen Reflexionen. Claudia Tondl spielt gekonnt mit den Erwartungen des Gewohnten und kehrt den Blick vom Subjekt auf das Objekt um. Wer wird von wem betrachtet?

Hinter diesem dramatisch aufgebauten Text verbirgt sich eine feine humorvolle Kritik an der modernen Konsumgesellschaft, die auch eine Gesellschaft des Zur-Schau-Stellen ist – „Fensterfummeln“ erhebt den Akt des Schauens zur szenischen Kunst. Wir alle sind zugleich Schaufensterpuppen und Fensterfummler.

„Drüben in der Auslage räkelt sich die Stripperin mit unzufriedener Miene. Abrupt hält sie inne und ruft nach dem Bauleiter, der sofort nickend ums Eck gebogen kommt.

Er holt den leuchtenden Kreis vom Firmament, gibt ihm einen leichten  Schubs, sodass er über die Querstraße links aus dem Bild rollt, und schaltet die Innenbeleuchtung der Auslage ein.

Die mir gegenüberliegende Häuserzeile liegt, bis auf das beleuchtete Schaufenster, völlig im Dunkeln. Ich staune.

Zufrieden beginnt sich die Stripperin in der Auslage zu räkeln und fordert die Schaulustigen auf, näher zu kommen: ‚ Schauen Sie. Hier gibt es kein Dazwischen. Hier nicht. Jetzt nicht. Berühren Sie mich. Na, los. Nicht so zurückhaltend. Fühlen Sie das? Kommen Sie. Nicht so schüchtern. Schließlich bin ich ein haptisches Prachtexemplar, ein Schaustück für Ihre Sinne. Da wäre es doch schade, wenn es hier ein Dazwischen gäbe.‘
Die Menschentraube vor dem Schaufenster versperrt mir die Sicht.“ ( S. 43)

Über Claudia Tondl

Claudia_Tondl
Foto: Jorghi Poll

Claudia Tondl, 1980 in Wien geboren. Peter-Turrini-DramatikerInnenstipendium 2013, DramatikerInnenstipendium der Stadt Wien 2011 und des bmukk 2010. Studierte an der Universität Wien Anglistik, Philosophie und Pädagogik sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Parallel dazu absolvierte sie eine Ausbildung zur Webdesignerin und arbeitete vier Jahre als Texterin in einer Wiener Agentur. Ihre Stücke wurden bisher u.a. am Staatstheater Mainz, in der Garage X, am KosmosTheater und zuletzt im Festspielhaus Bregenz uraufgeführt.

Claudia Tondl: „Fensterfummeln“, erschienen in der Reihe Textlichter in der Edition Atelier, 2013, Wien.

 

Laura über „Tartaglia“ von Philipp Weiss:

Auf den 44 Seiten des Büchleins „Tartaglia“ begegnet man intelligenten Textfragmenten, Strukturen, Wortbündeln und Gedankenanrissen des Wieners Philipp Weiss. Es ist die bruchstückhafte Geschichte vom „Stotterer“ Tartaglia, und Herculine, die umherreist um Karnevale und Maskeraden zu fotografieren. Beide begegnen und lieben sich – doch haben nicht lang eine gemeinsame Zeit: Da ist immer das Sterben in allem, in ihm; das Verschwinden, Auflösen, ein oszillierendes Schwellendasein, bevor es ganz erlischt.weiss_tartaglia.indd
Durch Herculines Sicht nimmt der Leser an ihrem Trauern teil, an den erinnerten Extremen, sieht Tartaglia förmlich vorm Kamin Seiten aus Goethes Gesamtausgabe verheizen, dreht sich mit Herculine Masken tragend durch den Karneval … Dabei verweilt der Text immer genau zwischen Tragik und Komik, zwischen Trauer und Freude, zwischen Liebe und Alleinsein.

Philipp Weiss liebt die Worte, das spürt man in seiner Prosa deutlich. Sie dringen in den ein, der sich auf dieses Kleinod einlässt. Was bleibt, sind gestochen scharfe Wortbilder zum Tod, zur Vergänglichkeit, zum Extremen, zum Erinnern.

„Ich schreibe mich vom Tod weg. Ich, die nie ein Wort geschrieben hat,schreiben konnte, da ich immer näher zu den Dingen wollte, da ich die Distanz der Sprache nie ertragen habe, da mich der Welt nähern wollen in der Sprache immer mich von ihr entfernen bedeutete, abbrechen und zerfallen, weshalb ich den Weg immer über das Bild suchte, das mir greifbarer war.“ S. 8.

Philipp Weiss: „Tartaglia“, erschienen in der Reihe Textlicht der Edition Atelier, 2013, Wien.

Über Philipp Weiss

Weiss_Philipp
Foto: Jorghi Poll

Philipp Weiss, 1982 in Wien geboren; Auszeichnungen u. a. das Hans-Gratzer-Stipendium am Schauspielhaus Wien 2011, Nominierung zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2009, Österreichisches Staatsstipendium für Literatur 2008/2009, 3. Litarena Literaturpreis 2007, Hermann-Lenz-Stipendium 2006; zahlreiche Publikationen, u. a. im Residenz Verlag, in kolik, Volltext, manuskripte und im Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter (über Peter Handkes Wunschloses Unglück, 2009) sowie im Passagen Verlag (egon. Ein Kunst-Stück, 2008)


Alle Bände der Textlichter-Reihe können einzeln
oder im Abo bestellt werden: http://www.editionatelier.at/textlicht.html

Advertisements

4 Gedanken zu “Vorgestellt: Die Textlicht-Reihe der edition atelier

  1. Wie passend, daß ich im Juli für neun Tage nach Wien reise. Claudia Tondels Erzählung klingt vielversprechend. Ich hoffe, daß auch mir so etwas widerfährt. Ich werde intensiv in die Schaufenster gucken und mich sinnlich-zugreifend bewegen.

  2. Super, da etwas von der österreichischen Kleinverlagsliteratur zu lesen, wenn ich am Abend durch die Stadt beziehungsweise durch das Museumsquartier gehe, komme ich an dem Automaten vorbei, aus dem ich mir die Reihe um zwei Euro glaube ich, ziehen kann.

    1. Das ist ja toll, liebe Eva! Dann nichts wie ran. Ich finde die Idee auch sehr schön und kreativ solche kleine Buchhappen im Automaten anzubieten. Ich kann „Fensterfummeln“ sehr empfehlen, bin aber auch auf die anderen Texte neugierig, da ich mich bisher nicht sehr in der aktuellen jungen österreichischen Literatur auskenne. Eine tolle Möglichkeit neue junge Literatur kennenzulernen.

      Viele Grüße von Katja

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s