Herbstlektüretipp: David Mitchell „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ (2012)

Nagasaki kennt man von den im August 1945 über Japan niedergehenden amerikanischen Atombomben, die zigtausend Menschen umbrachten und die Landschaft nachhaltig nuklear verseuchten. David Mitchell, Autor des verfilmten Romans „Der Wolkenatlas / Cloud Atlas“ macht Nagasaki, genauer gesagt die dort an der Küste liegende Faktorei Dejima, zum Ort des Geschehens in seinem Roman: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“.Mitchell_Die tausend Herbste

Sie hört das uralte Schweigen von fallendem Schnee.“

Japan im Jahre 1799. Der Niederländer Jacob de Zoet ist mit der Shenandoah nach Dejima gekommen und arbeitet dort als Buchhalter für den Kapitän Vorstenbosch. Er verließ seine Heimat im Auftrag seines potentiellen Schwiegervaters, um nach gesammelter Auslandserfahrung und angehäuftem Vermögen das Herz von Anna erobern bzw. um ihre Hand anhalten zu können. Doch in Japan lernt er die Hebamme Orito Aibagawa kennen und die politischen Ereignisse bedingen, dass er nicht so schnell zurücksegeln kann in die Niederlande wie er ursprünglich plante … Die Geschichte ist bei weitem nicht so romantisch, wie sie vom Grunderzählstrang her anmutet; es geht um das Seefahrerleben und das Ausgesetztsein in einer völlig fremden Kultur, um Macht und Handel usw.

Nun kann man sich fragen, warum man 714 Seiten lesen sollte, in denen es um eine längst vergangene Zeit im fernen Japan geht. Zugegebenermaßen hab auch ich mich das eine Weile gefragt, wenn es darum ging, was ich als nächstes lese und mein Blick auf dieses dicke Buch fiel, das ich mir in meiner Begeisterung für den „Wolkenatlas“ gekauft hatte. Ich muss sagen:

Schon lange habe ich keinen so toll erzählten, wunderbar recherchierten historischen Roman mehr gelesen. Sobald man die Seiten aufgeschlagen hat, ist man mittendrin im Japan zu Beginn des 19. Jahrhunderts. David Mitchell ist ein hervorragender Erzähler. Obwohl – oder gerade weil – die Geschichte ganz traditionell, stringent chronologisch, ohne Zeiten- oder Perspektivwechsel* erzählt wird, übt sie einen großen Lesesog aus.
Mich hat besonders der zweite von drei Teilen „Eine Bergfestung“ in Atem gehalten, wo es um den mysteriösen Shiranui-Schrein geht, in den Orito nach dem Tod ihres Vaters „verkauft“ wird. Je mehr man über die ominösen Ereignisse in diesem Schrein erfährt, umso unheimlicher wird einem beim Lesen. In diesem Teil nimmt der Roman so richtig an Spannung zu und man hat beinahe das Gefühl, einen historischen Krimi zu lesen. Doch der Roman beinhaltet wesentlich mehr:

Die Themenbandbreite ist wirklich breit gefächert: Von Sklaverei – Japanismus – niederländische Besatzung – Schifffahrt und Handel im frühen 19. Jahrhundert – Liebe zwischen den Kulturen – mystische Kulte – Aberglaube – Aufklärung – Medizin – zwischenmenschliche Konflikte – Hebammenarbeit – Machtstreben – Spiel und Rausch – Übersetzertätigkeiten – Schicksalsschläge – Selbstverwirklichung – bis hin zu Mord, Entführung und Kanonenhagel.

Durch den Kontakt der Niederländer mit den Japanern, der überwiegend über Dolmetscher läuft, ergibt sich eine sprachliche Tiefe. Eingestreut sind immer wieder übersetzerische Sprachfragen und Spitzfindigkeiten, die mich häufig zu der Frage führten, ob es diese Begriffe wirklich schon 1799 gab. Eine exemplarische Eigen-Recherche bestätigte mir, dass der Autor grundlegende Recherche betrieben hat, auch was Etymologie betrifft: Das für Deutsche abschätzig benutzte Wort „Kraut“ kann durchaus schon in dieser Zeit verwendet worden sein, da die Deutschen in der Schifffahrt Sauerkraut als Nahrungsmittel mit sich führten, weil es wegen des hohen Vitamin C Gehalts (wie man heute weiß) gegen die Seefahrerkrankheit Skorbut schützte.Mitchell_Die tausend Herbste2

Vögel durchschneiden den tief hängenden Himmel. Der Herbst wird alt.“

Die Sprache David Mitchells hat mich auch in diesem Roman, wie bereits im „Wolkenatlas“, fasziniert. Dies nicht allein aufgrund der kleinen Reflektionen zum Übersetzen zwischen niederländischer und japanischer Sprache. Es sind kleine unprätentiöse Einsprengsel in die Erzählung, die dem Leser die Umgebung deutlich machen, ihn auf die Tiere aufmerksam machen oder das Wetter … ein wenig so, als werde man selbst zum staunenden Japanreisenden im 18. Jahrhundert. Nicht selten sind es diese kleinen scheinbar alltäglichen Worte mittendrin, die etwas in der Handlung metaphorisch veranschaulichen.

Fröstelnd, schwitzend und mit weichen Knien tritt Jacob den Rückzug an, aber der Garten ist auf einmal viermal so lang, und es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit, bis er bei den Gurken ist und sich hinter einen Schutzschirm aus Ampferblättern kniet. Eine gescheckte Schnecke biegt ihre Stummelhörner, Ameisen tragen Rhabarberblattflicken über die Spitzhacke, und er wünscht sich, die Erde möge sich zu dem Augenblick zurückdrehen, als sie in den Garten kam und ihn um Rosmarin bat, damit er noch einmal von vorne beginnen und alles anders machen könnte.
Eine Hirschkuh schreit nach ihrem Jährling, der für den Fürsten von Satsuma geschlachtet wird.“

Der Autor, der selbst eine Zeit lang in Japan lebte, hat mit „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ einen thematisch umfassenden, historisch gut recherchierten, äußerst spannenden Roman vorgelegt, der mir nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird.

*Einen kleinen Perspektivwechsel gibt es als Einschub zu Beginn des dritten Teils „Der Go-Meister“. Dort erzählt plötzlich der Sklave Weh in Ich-Form von sich und seinem Wahrnehmen der Ereignisse. Er begibt sich in das Zimmer de Zoets und als dieser ihn erblickt, wird die Geschichte wieder in auktorialer Erzählweise aufgenommen.

David Mitchell: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“, erschienen 2012 bei Rowohlt, im Original 2010 auf Englisch: The Thousand Autumns of Jacob de Zoet, ins Deutsche übersetzt von Volker Oldenburg.


© Leo van der Noort
© Leo van der Noort

David Mitchell, geboren 1969 in Southport, Lancaster, promovierte in Komparatistik an der University of Kent, lebte dann ein Jahr in Sizilien, bevor er nach Hiroshima, Japan zog, wo er acht Jahre lang Englisch unterrichtete. «Chaos», sein erster Roman, gewann den John-Llewellyn-Rhys-Preis. Mitchells zweiter Roman «number9dream» (2001), wurde 2002 für den Booker-Preis nominiert, ebenso 2004 sein dritter Roman «Cloud Atlas», der gleichzeitig im Heimatland eines der erfolgreichsten literarischen Bücher der vergangenen Jahre war. David Mitchell lebt in Irland.

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4 Gedanken zu “Herbstlektüretipp: David Mitchell „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ (2012)

  1. Ahh das Buch habe ich leider in meinem Bookclub verpasst, das möchte ich aber durchaus auch irgendwann noch einmal lesen. Es wurde sehr geschwärmt von dem Buch 🙂

    1. Ja, das kann ich verstehen, ich schwärme ja auch ziemlich 😉 Ich kann es besonders als Lektüre für den Herbst empfehlen, da es ein super Buch für gemütliche Abende ist. Ist ein Bookclub sowas wie ein Lesekreis? Lest ihr querbeet oder nach bestimmten Richtlinien?

      1. Ja genau, da wir eine englischsprachige Gruppe sind, sagen wir Bookclub funktioniert aber genauso. Wir treffen uns einmal monatlich reihum privat und neben einem leckeren Essen diskutieren wir im Anschluß das aktuelle Buch. Gewählt wird einmal jährlich, jeder macht 2-4 Vorschläge, dann wird abgestimmt und los gehts. Anglo-Amerikanische Autoren sind etwas stärker vertreten, aber grundsätzlich recht querbeet – nur Schund lesen wir nicht 😉

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