David Wonschewski: „Geliebter Schmerz. Melancholien“, 2014

Der Prolog sagt eigentlich schon alles: „Schwarzgemalt glücklich“ sollten wir dem Leben begegnen, soll heißen: Die dunklen Momente mit Gefühlen wie Trauer, Depression, Wut, Angst, Schmerz, Sehnsucht einfach annehmen und als Teil von uns anerkennen. Sie nicht verdammen und verteufeln und sich dafür schämen oder sie gar wegtherapieren oder betäuben. Sondern sich ihrer und ihrer Verursacher wie Tod, Verlust, Trennung, Abschied, Krankheit etc. annehmen, sie durchleiden und sehen: Sie sind „das so wichtige Salz unserer Lebenssuppe“.

Ich war neugierig, nachdem ich ein sympatisches Interview mit dem Autor bei Sophie von literaturen entdeckt hatte und immer wieder las, David Wonschewski sei ein Autor, der sich des Düsteren und Melancholischen annehme und der mit David Foster Wallace oder Thomas Bernhard verglichen wird. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch.

Jedenfalls denke ich jetzt nach 513 Seiten „Geliebter Schmerz“-Varianten, dass ich es beim Prolog und dem Interview hätte belassen können. Die teils kurzen, teils längeren Geschichten rund um Einsamkeit, menschliche Abgründe, Gedankenkreisel, Verlassenwerden und Gehenlassenmüssen reichen nicht in mich hinein, lassen mich unberührt zurück. Schade! Gerade diese Annäherungen an die dunklen Seiten in uns, so nahm ich an, könnten mich durch Intensität, Irritation, Intimität … erschüttern. Mitnichten. Sie bleiben allesamt an der Oberfläche und dringen nicht zu mir durch. Woran mag das liegen? Geliebter SchmerzDie Sprache in „Geliebter Schmerz“ ist abwechslungsreich, aber einfach gehalten, so einfach, dass es mir oft unausgereift erscheint. Da stehen nonsense-Sätze und Allgemeinplätze wie: „Menschen wie Masetti hatten alles – und hatten zugleich doch nichts.“ (aus: „Die selbstbestimmte Frau“) Alison, die einsame Galeristin und Kunsthändlerin, aus deren Perspektive Wonschewski in dieser Geschichte schreibt, kommt in Anbetracht des Schotterweges eines Kunden zum Schluss, dass er keine Frau haben kann, vielleicht sogar schwul ist. Denn es ist „ein grobsteiniger Schotterweg, der für Frauen wie Tara und Alison in High Heels und Businesskleidern unangenehm zu laufen war“. Großspurig erklärt Alison ihrer Assistentin Tara: „Gäbe es in dem Haus dort vorne eine Frau, dieser verdammte Weg wäre längst eingeebnet. Eine gute Kunsthändlerin muss so etwas sehen, Tara!“ Zwar wird dieses äußerst fragwürdige Frauenbild von Tara in Frage gestellt und soll mitunter das verschrobene Weltbild einer vereinsamten Kunsthändlerin karikieren, aber ich finde die Pointe misslungen und nicht besonders tiefgründig.
In den anderen Geschichten, z.B. „Der Unsichtbare“ finden sich weitere solcher schematisierten Charakterabzüge. Ein Kioskbesitzer, der über die Abgründe Berlins sinniert und dabei hämisch grinsend einer alten Frau beim Ausrutschen zusieht oder jungen Mädels in den Ausschnitt glotzt. Abschiedsbriefe Sterbenskranker an ihre Lieben. Oder eines Sohnes an den an Krebs verstorbenen Vater. Nachbarn, die sich über die Leiche nebenan freuen. Oder ein Mann im Park, der, anstatt sich zu erhängen, eine Frau misshandelt.

Düster, ja – aber belanglos. Die Geschichten und ihre Figuren gewinnen keinen Tiefgang, sie bleiben Fragment, inhaltlich wie sprachlich. Ich lese: „„Manche Menschen flüchten vor dem Regen, andere vor dem Leben“, sprach er und blickte hinauf in den wolkenverhangenen Himmel.“ und frage mich, warum ich das lesen soll. Der Appell eines hässlichen Mannes greift wieder den Grundgedanken aus dem Prolog auf:

Und ich frage euch: Was hat euch eigentlich so kaputtgemacht, dass die ganze Welt dauernd erfahren soll, wie glücklich ihr seid, aber niemand wie traurig? Warum könnt ihr öffentlich euer Lachen zeigen, niemals aber euren Kummer? Wenn ihr euch selbst so liebt und so furchtbar gut klarkommt, mit eurer Menschlichkeit – warum versteckt ihr eure Tränen dann hinter Gardinen und eure Ängste hinter Fassaden? Warum tauscht ihr eure sexuellen Intimitäten in aller Öffentlichkeit aus, aber schließt euch zum Onanieren noch immer verschämt im Bad ein? Weil ihr so gut mit euch selbst klarkommt, weil ihr Menschlichkeit als so hohes Gut erachtet?“

David Wonschewski lotet menschliche Abgründe aus, beschreibt die unschönen, schmerzlichen Seiten im Leben, was ich durchaus zu schätzen weiß. Eine Aufforderung, nachzudenken, die Gesellschaft in Frage zu stellen, dunkle Emotionen wahrzunehmen und ggf. anzuerkennen bzw. einen düster-humorigen Blick darauf werfen: immer wieder gern. Aber dann bitte mit sprachlicher Finesse und Tiefgang (wie es bspw. David Foster Wallace, Sibylle Berg oder Thomas Bernhard gelingt).

Vielleicht sind mir Wonschewskis Grundgedanken selbst zu vertraut, als dass ich sie als besonders bahnbrechend ansehen könnte. Vielleicht bin ich zu pedantisch, was poetische, schöne Sprache angeht. Vielleicht bin ich schon so abgestumpft von all dem Schlechten und Unmenschlichen in der Welt, dass ich die Tiefe in David Wonschewskis Geschichten nicht mehr finde =). Vielleicht habe ich einen anders gearteten schwarzen Humor, der mir die Pointen hier unzugänglich erscheinen lässt. Vielleicht sollte ich diese Lese-Erfahrung ignorieren und „Schwarzer Frost“ lesen?

Mich würde sehr interessieren, was ihr von „Geliebter Schmerz“ haltet, wenn ihr es gelesen habt! Ich verbleibe nach meiner Lektüre leider – und anerkenne dies als eins der mir willkommenen negativen Gefühle im Leben – enttäuscht.

David Wonschewski „Geliebter Schmerz. Melancholien“, erschienen 2014 bei periplaneta (dort auch ein weiteres Interview mit dem Autor), von mir als Ebook gelesen.

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8 Gedanken zu “David Wonschewski: „Geliebter Schmerz. Melancholien“, 2014

  1. Hallo Laura, besten Dank für die offenen und klaren Einsichten! Da ich selbst nicht nur schreibe, sondern auch rezensiere – wenn auch eher Musik – weiß ich darum, dass eine solche Kritik oftmals wichtiger ist als lauter Leute die einen toll finden (oder es zumindest vorgeben). Natürlich ist es schade, dass du selbst nicht so viel anfangen konntest mit den Geschichten, aber ich denke genau darum geht es in der Tat: So ehrlich wie möglich zu sich selbst und anderen zu sein. Auch auf die Gefahr hin, dass bei weitem nicht jeder einem folgen möchte, aus welchen Gründen auch immer. Im Übrigen glaube ich in der Tat, dass der Schwarze Frost eher deine Kragenweite sein dürfte. Denn lustiger- und logischer Weise sind diejenigen, denen der Frost zu düster und sperrig war auch genau diejenigen, die den Schmerz hauptsächlich wegen der von dir hier so kritisierten „Alison“-Texte gekauft haben. Wunderwerk Mensch!;-)
    Beste Grüße!

    1. Hallo David, vielleicht ist dein Roman dann wirklich mehr mein Fall, ich bin auch nach wie vor sehr neugierig darauf. Denn was ja zu meiner Enttäuschung beiträgt, ist die Tatsache, dass ich an sich den hinter deinen Kurzgeschichten stehenden Grundgedanken komplett nachvollziehen kann und sehr richtig und wichtig finde. Wenn die Umsetzung in „Schwarzer Frost“ anders ausfällt, finde ich vielleicht eher Zugang zu dem Text, wie es offenbar auch bei anderen Lesern der Fall war! Wenn ich ihn lese, wird es hier auf jeden Fall ehrliches Feedback geben =)
      Übrigens finde ich es toll, dass du ein Autor bist, der auch Kritik schätzt und darauf eingeht. Das ist, glaube ich, bei weitem nicht immer der Fall. Aber letztlich sieht man dann als Schreibender die Punkte eher, die womöglich weniger ankommen (womit ich nicht meine, das meine Meinung stellvertretend für viele stehen muss). Du scheinst das ja sehr reflektiert anzugehen, das finde ich gut. Also danke für das offene Feedback zu meiner Kritik =)

      1. Ich würde selbstredend lügen, wenn ich nun behaupte ich hätte nicht lieber ein großes Lob gesehen, klar. Allerdings fordere ich von anderen Künstlern stets, dass sie nicht so schreiben sollen, dass man sie mag, sondern lieber so, dass man sie eben auch gerne mal nicht so mag. Wer so schreibt, dass am Ende alle jubeln, hat aus meiner Sicht auch immer etwas falsch gemacht. Dass jemand meine Sachen „belanglos“ findet habe ich bisher allerdings noch nicht erlebt, bisher hasst oder liebt man mich gewissermaßen, dazwischen gabs nichts. Vorstellbar ist aber auch das und überdies gar nicht so uninteressant, denn auch das sagt ja viel aus, nicht nur über das Buch, sondern auch über den Leser, der relativ unberührt bleibt, wo andere Rotz und Wasser heulen oder auch bei von dir genannten Geschichten, mahnend den Finger heben und sagen ich sei zu weit gegangen. Also, nur weiter so, liebe Grüße, feines Ostern!

  2. Schade, dass du es so ganz anders wahrgenommen hast. Ich habe teils aufrichtig schmunzeln müssen, mich manchmal aber auch sehr in den Worten wiederentdeckt. Freilich nicht in allem Geschichten, aber in so einigen. Ich glaube im Übrigen aber auch, dass man nicht immer in sich selbst Gründe dafür finden muss, weshalb man etwas nicht mag. Die Herangehenweisen sind unterschiedlich. Und das aus unterschiedlichen Gründen.

    1. Liebe Sophie, ja, ich war einigermaßen erstaunt – mal wieder – wie unterschiedlich Leseeindrücke sein können. Du warst ja so begeistert und hast mich dadurch inspiriert, „Geliebter Schmerz“ zu lesen. Aber vermutlich hast du recht, es muss nicht immer in einem selbst liegen, warum man etwas mag oder nicht. Die Lese-Prägungen sind ja unheimlich vielfältig, was da alles mit hinein spielt – gerade das macht das Lesen dann ja auch so subjektiv. Ich stelle das beim Bloggen (also beim Austauschen über Gelesenes) immer wieder fest, wie unterschiedlich Urteile ausfallen, selbst wenn man reflektiert kritisiert und nicht nur emotionale Wirkungsdokumentation betreibt =)

      1. Sehe ich änhlich, da spielen sehr viele Faktoren rein. Ich kenne das ja auch von Liedermachern, es gibt zwei Leute, die findet die Sophie ganz großartig – und bei mir ist das, was die machen, allenfalls seichtes Geplätscher. Obwohl wir ansonsten doch über einen recht ähnlichen Charaktergeschmack verfügen. Als Autor bekommt man diese unterschiedlichen Auffassungen vor allem live noch viel besser mit. Die Geschichten in „Geliebter Schmerz“ zum Beispiel. Bei „Tod hinter der Wand“ wurde bei der Premiere lauthals gelacht, einen Tag später in Hamburg: eisiges Schweigen und „mein Beileid, waren Sie gut mit Ihrem Nachbarn befreundet?“. Oder der hier auch zitierte „hässliche Mann“. In Köln gabs Zwischen- und Szenenapplaus, Gejohle. In Berlin wurde er als „der einzige denn doch etwas banale Text gesehen, der die Qualität der anderen Stücke nicht halten kann. Rezensenten und Blogger hingegen picken sich ihre positiven Bemerkungen und Zitate fast immer aus genau diesem Text. Der „Schwarze Frost“ hingegen wurde von manchen Leuten lauthals lachend in 2 tagen durchgelesen, andere haben 4 Wochen gebraucht und sitzen noch immer dran, weil es ja „so schwere Kost“ sei.
        Ich denke schon, dass das immer mit dem Leser oder Hörer und seinem Erfahrungshintergrund zu tun hat, auch der Situation,in der er sich befindet. Das geht schon mit Vergleichen los. Dass ich von der Bernhard Gesellschaft so gelobt wurde freut mich natürlich. Es macht die Sache für mich aber nicht direkt einfacher, teilweise sogar schwieriger. Ich kenne einen Musiker, da heißt es dauernd „der neue Reinhard Mey“. Das zieht viele Musikhörer an, klar, ist aber unterm Strich genauso hilfreich wie fies, so dass er selbst derzeit bemüht ist diese von anderen erschaffene Bezeichnung endlich loszuwerden. Er hat mir mal erzählt, dass viele Hörer offenbar gar nicht darauf achten, was er kann und wer er ist, sondern nur versuchen die Stellen zu fassen zu kriegen, wo er nicht so toll wie Reinhard Mey ist. Es gibt wahrhaftig Menschen, die bekommen es hin in einem Atemzug zu sagen „du versuchst ja nur Reinhard Mey zu kopieren“ und khernach nach lauter Stellen zu suchen, wo er nicht wie Mey ist und ihm die um die Ohren zu hauen: „Du bist ja gar nicht wie Mey!“ Und ihn dadurch blöd finden, ihm quasi nie eine Chance gegeben haben, da zuallererst dieser „wie Mey“-Vergleich da war. Den niemand halten kann – und ja auch niemand halten will. Die Beurteilung seiner eigenen Musik hängt aber nun dämlicherweise von der Nibelungentreue der Menschen zu Reinhard Mey ab. Und umso mehr sie Reinhard Mey lieben, umso weniger geben sie ihm eine Chance.
        Aber auch der direkte kontakt spielt zunehmend eine Rolle, habe ich festgestellt. Bei meinem Verlag gibt es Autoren, die laufen unter „witzig“ – und ich kann einfach nicht eine einzige Pointe finden. Durch Zufall habe ich manche davon inzwischen aber kennenlernen und live lesen sehen dürfen. Seitdem finde ich jeden dritten Satz von denen zum Fiepen. Da heißt es: „Er ging sich eine Pizza holen“ und ich denke: Genial, wo nimmt der Mann diesen Humor her?! Es gibt Bands, die zünden einfach nur live. Das ganze auf CD zu hause angehört verpufft total. Und natürlich andersherum. Meine Lieblingsband Joy Division ist zwar eine Kultband geworden über die Jahre, 95 Prozent meiner Bekannten finden deren Musik aber widerlich und an den Nerven kratzend. Kurzum: ätzend. Mein ersten Adjektive für deren Musik sind aber: schön, warm, weich. Weil deren Songs soviel verstehen, mich auffangen.
        Früher fand ich das stets nervig, dass man so gar nicht zu einem Gesamturteil kommen kann bei einer Platte. Inzwischen sehe ich das anders: Es ist großartig. Am Ende muss eben doch jeder selbst hineinsehen, hineinhören. Ohne eigene Meinung geht es nicht. Und gerade diese Meinungszersplitterung ist doch der wahre Nährboden der Kreativität. „Geht nicht“ und „darf nicht“ fällt aus. Und zwar genau deswegen.

  3. Mir haben auch nicht alle Geschichten gefallen oder angesprochen. Aber der Rahmen war wunderschön und ergreifend. Die beiden Briefe, am Anfang an den Geliebten, am Ende an den geliebten Vater, haben mich tief bewegt.
    Zwei Formen von Abschied werden darin beschreiben, bei denen ich gedacht hätte, dass jeder Mensch sich auf eine Weise darin wiederfindet, zumindest mit seinen Ängsten.
    Ich war auf einer Lesung zu dem Buch und das Publikum war offensichtlich so tief bewegt, das habe ich noch nie erlebt. Das hat mich sehr beeindruckt, weil eben das mir gezeigt hat, wie ähnlich wir individuellen Menschen uns doch in den Grundzügen sind.

    1. Hallo roterosemarie, ich dank dir für deine differenzierte Einschätzung. Möglicherweise kommen die Texte auf einer Lesung anders an, als wenn man sie (auf einem tolino) liest. Dort ist es ja auch oft so, dass man durch die Gesamtstimmung zusätzlich berührt wird, ähnlich wie bei Konzerten.
      Beim Lesen der von dir erwähnten Abschiedsbriefe war ich schon bewegt, sie sind ja sehr gefühlvoll, aber ich blieb dennoch mehr in Distanz zum Text, als bei bspw. Beschreibungen von tiefgehender Einsamkeit in David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“. Oder dem Abschied der Protagonistin in „Das Meer in Gold und Grau“ (Veronika Peters) von ihrer Tante, die an Krebs stirbt. Solche Leseerfahrungen, wie schon oben erwähnt, sind wohl letztlich immer sehr sehr subjektiv =)

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