XXXI. Sonntag mit Proust: Über Höflichkeit

Im Zuge seitenlanger Beschreibungen des Salons der Guermantes und der dortigen Gepflogenheiten kommt der Erzähler in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ auf Höflichkeit zu sprechen. Er macht sich darüber Gedanken, was Höflichkeit in einer „auf Gleichheit beruhenden Gesellschaft“ bedeuten mag und wie sich die Anwendung der Höflichkeit womöglich ändert:

„Es scheint, daß in einer auf Gleichheit gegründeten Gesellschaft die Höflichkeit nicht, entsprechend der üblichen Meinung, aus Mangel an Erziehung verschwinden würde, sondern weil bei den einen die dem Prestige geschuldete Achtung verschwände, die auf Phantasie beruhen muß, um wirksam zu sein, vor allem aber bei den andern die Liebenswürdigkeit, die man um so mehr verschwendet und verfeinert, wenn man fühlt, daß sie für die Empfänger einen unendlich hohen Wert besitzt: einen Wert, der in einer auf Gleichheit bergründeten Welt plötzlich in nichts zerfallen würde, wie alles, was nur Liebhaberwert hat. Doch ist dieses Verschwinden der Höflichkeit in einer neuen Gesellschaft nicht sicher, und wir sind manchmal viel zu sehr geneigt zu glauben, daß die gegenwärtigen Voraussetzungen für einen Stand der Dinge die einzig möglichen seien. Sehr klare Geister haben gemeint, eine Republik könne weder eine Diplomatie noch Bündnisse zuwege bringen oder der Bauernstand werde die Trennung von Kirche und Staat niemals akzeptieren. Alles in allem würde die Höflichkeit in einer auf Gleichheit beruhenden Gesellschaft kein größeres Wunder sein als die Eisenbahn und die militärische Verwendung des Aeroplans. Außerdem beweist nichts, daß es ein Unglück wäre, wenn die Höflichkeit tatsächlich verloren ginge. Und würde eine Gesellschaft nicht insgeheim Hierarchien gerade in dem Maße ausbilden, wie sie sich demokratischer gestaltet? Das ist durchaus möglich. Die politische Macht der Päpste ist nur gewachsen, seitdem sie weder einen Staat noch eine Armee haben; die Kathedralen genossen in den Augen eines im siebzehnten Jahrhunderts lebenden frommen Christen weit weniger Ansehen als bei einem Atheisten des zwanzigsten, und wäre die Prinzessin von Parma Souveränin eines Staates gewesen, so wäre ich zweifellos im dem gleichen Maße auf die Idee gekommen, von ihr zu sprechen, wie von einem Präsidenten der Republik, das heißt überhaupt nicht.“

Aus meiner Sicht hat Höflichkeit auch in einer demokratischen, auf Gleichheit basierenden Gesellschaft noch einen hohen Stellenwert – oder sollte es zumindest haben. Zwar ist es (in unserem europäischen Kulturkreis) sicherlich nicht mehr notwendig, sich bei der Begrüßung eines Höhergestellten, tief zu verneigen (man stelle sich das einmal vor, man begegne so bspw. seinem Vorgesetzten *grins*). Doch einen insofern höflicher, achtungs- und respektvoller Umgang, dass man sich begrüßt, lächelt, bedankt, in die Augen sieht, den Anderen ausreden lässt, auf die eigene Wortwahl achtet etc. halte ich nicht nur für ein Zeichen „guter Erziehung“, sondern auch für eine Äußerung kultivierten Menschseins.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 602.

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