Michel Houellebecq: „Karte und Gebiet“, Roman (2010)

Der französische Provokateur Houellebecq nutzt in seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman mehrere Kunstgriffe. Vor allem handelt es sich um einen klassischen Künstlerroman, der das Bild des mittellosen, in einer kalten Dachgeschosswohnung in Paris lebenden Künstlers aufgreift. Typisch für den Autor von „Elementarteilchen“ ist auch die Gesellschaftskritik, die einem entgegenschlägt und das Analysieren von zwischenmenschlichen Beziehungen. Was neu ist bzw. unerwartet kommt: Der Autor lässt sich in seinem Roman umbringen. 

Vordergründig geht es um Jed Martin, der kunstbetriebskritische Künstler mit der kaputten Heizung und dem abgekühlten Vater-Sohn-Verhältnis. Man nimmt daran teil, wie er aus Unzufriedenheit sein großes Gemälde Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf zerstört. Daraufhin verwendet er Michelin-Karten, um diese am Computer so zu bearbeiten, sodass sie zu eindrucksvollen Landschaften werden (S. 61). Jed Martin wird damit derart erfolgreich, dass er zum beliebten und gefragten Künstler avanciert. Auf seiner Ausstellung lernt er Olga kennen, „nicht nur bei weitem die schönste Frau des Abends, sondern zweifellos die schönste Frau, die er je gesehen hat.“ Zufällig arbeitet sie für Michelin; eine geschäftsorientierte und leidenschaftliche Beziehung entsteht, die jedoch nach glücklichen Wochen damit endet, dass Olga für Michelin nach Russland geht.
Jed Martin bleibt zurück mit seinem zunehmenden Erfolg, kümmert sich um seinen Vater im Altersheim und widmet sich einer neuen Aufgabe: den Autoren Michel Houellebecq dazu zu bringen, einen Artikel zu seinen Arbeiten zu verfassen.
Doch so wie die Beziehung zu seinem Vater mit dessen Tod endet, hat auch die sich langsam entwickelnde Bekanntschaft zwischen Jed Martin und Michel Houellebecq keine Zukunft. Im dritten Teil des Romans entdeckt der Leser gemeinsam mit den Polizisten die im Raum verteilten Überreste des Schriftstellers und die seines geliebten Hundes. Am Ende ist vor allem eines im Leben des Künstlers vorherrschend: Einsamkeit. Er zieht sich in die Provinz zurück und überlässt sich und seine Kunst der Natur.

Es ist bereits eine Weile her, dass ich das Buch las. Doch es wirkt immer noch in mir nach. Ich glaube, es gibt Bücher mit Kurzzeitwirkung, die nur zur Zeit der Lektüre beeindrucken oder fesseln, dann solche mit Langzeitwirkung, die erst wenn man sie eine Weile ausgelesen hat, gut werden – und letztlich solche mit beidem. Zu letzteren zähle ich diesen Roman von Houellebecq, weil er mich bereits beim Lesen überzeugte und das auch jetzt noch tut.
Houellebecq erzeugt anhand von Jed Martin einen Abriss des Künstlerlebens und des Kunstbetriebs, den ich absolut nachvollziehen kann. Insbesondere die Mechanismen des plötzlichen Erfolgs werden deutlich. Wie auch in Siri Hustvedts „Was ich liebte“ erfährt man die Künstlichkeit der Kunstwelt, die Mechanismen, die zu mehr Bekanntheit oder zu Verachtung führen können.
Zugleich verbindet der Autor die für ihn mittlerweile charakteristischen Schockelemente (wie hier die detaillierte Beschreibung der wie ein Puzzle im Raum verteilten Körperextremitäten) mit intelligenter Gesellschaftskritik und scharfsinnigen, wenn auch ernüchterten Beziehungsanalysen.
Nicht zuletzt möchte ich auf eine Besonderheit des Romans eingehen. Houellebecq erschafft in seinem aktuellsten Roman ein Alter Ego: ein kauziger, zurückgezogen lebender Schriftsteller mit seinem eigenen Namen. Ich glaube nicht, dass man die Beschreibung des fiktiven Houellebecqs komplett ernst nehmen sollte, da er dafür zu sehr einem eigenbrötlerisch-depressiven Schriftstellertyp entspricht. Eher meine ich, in der Figur eine ironische Selbstbespiegelung Houellebecqs herauslesen zu können. Dass er das so unverblümt macht, appelliert ein Stück weit an uns alle, die eigene Person weniger ernst zu nehmen. Houellebecq inszeniert wie bereits erwähnt im letzten Teil den Mord seines Alter Egos. Weder die Erschaffung eines Alter Egos mit realem Namen und vielleicht auch Eigenschaften, noch dessen Ermordung auf detailliert grausame Weise ist mir bisher in der Literatur begegnet. Bleibt zu hoffen, dass man dieses literarische Selbst-töten nicht psychologisch auszudeuten hat. So oder so: Ich finde es genial.
Ganz besonders einprägsam ist für mich dann noch der Schluss des Romans. Ein Buch, das mit dem Satz: „Die Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon.“ endet, beeindruckt mich allein wegen dieser Aussage. Alles was bleibt, ist Einsamkeit, Verfall, verschwindende Träume und die Natur, die sich eines Tages alles zurückholt.

***** (5 von 5 Sternen)

Linktipp:

Info zum Autor auf dumont-buchverlag.de

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2 Gedanken zu “Michel Houellebecq: „Karte und Gebiet“, Roman (2010)

  1. Houellebecq ist ein sehr spezieller Autor. Was ich bei ihm immer am faszinierendsten fand, ist seine radikale Sichtweise und Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen, vor allem Liebesbeziehungen, wenn man denn überhaupt sagen kann, dass er an so etwas wie „Liebe“ glaubt. Bei diesem Buch fand ich interessant, dass ich sehr viel im Vorfeld darüber gelesen hatte, Besprechungen etc. und da war immer von einem „Thriller“ die Rede. Beim Lesen haben ich darauf gewartet, dass etwas unerhört Spannendes passiert, aber es ging um ganz etwas anderes. Erst gegen Ende mit der Ermordung Houellebecqs entwickelt es einige Thriller-Elemente. Somit war ich ein wenig enttäuscht oder verwundert – einfach wegen der missverständlichen Buchempfehlungen. Leider können Buchbesprechungen manchmal auch ganz falsche Erwartungen wecken … Ob mir das Buch auch so im Gedächtnis bleibt, wie dir? Nicht ganz so nachdrücklich, wenn es auch ein gutes Buch ist. Der Einblick in die Kunstwelt und die immanente Kritik waren sehr erhellend und spannend für einen Außenstehenden.Gegen Ende hätte ich mir mehr Handlung und Aufklärung zum Mord und den Motiven gewünscht, das wurde dann doch recht schnell abgehandelt. Aber die Grundidee, sich als Autor selbst in seinem eigenen Roman ermorden zu lassen, ist sehr originell und höchst radikal – Houellbecqsch eben.

    1. Ja, richtig, bei diesem Roman fand ich besonders die Wiederbegegnung mit Olga nach Jahren eindrucksvoll.. beide sind gealtert und haben sich nicht mehr allzu viel zu sagen…
      Was du bzgl der Einordnung als Thriller schreibst, kann ich genau so wenig nachvollziehen wie du. Ich halte das Buch viel mehr für einen Künstlerroman als für einen Thriller. Manchmal sollte man sich nicht so sehr von Buchbewertungen leiten lassen, das ist wohl wahr. Am besten immer erst selbst lesen und ein Urteil bilden. Andererseits sind Empfehlungen manchmal eben auch Inspiration, ein Buch zu lesen, zumindest geht es mir oft so.

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