Jonathan Franzen: „Farther Away / Weiter weg“, Essays (2012)

Jonathan Franzen: Farther AwayVor wenigen Tagen erschienen Jonathan Franzens Essays „Farther Away“ in der deutschen Übersetzung („Weiter weg“). Da ich seine Essays bereits im Juni letzten Jahres in der englischen Ausgabe las, damals jedoch noch nicht bloggte, nehme ich die Veröffentlichung der Übersetzung nun zum Anlass, um meine Eindrücke mit euch zu teilen.

Letzten Sommer hatte ich, nachdem ich den Roman „Freiheit“ gelesen hatte, das große Verlangen danach, mehr von Franzen zu lesen. Somit las ich seine neuesten Essays und fand thematisch vor allem ein Detail wieder, das mir bereits in „Freiheit“ begegnet war: Die Faszination des Autors für das „Birdwatching“. Zugegebenermaßen las ich erstmals im Roman von diesem Phänomen, das neuerdings viele naturliebende Menschen auf der ganzen Welt umtreibt. Es handelt sich dabei keineswegs um einen „Spleen“ des Autors. Im Gegenteil gibt es, besonders auch in Amerika, die Tendenz, zurück in die Natur zu finden, grüner zu leben und dazu gehört auch die Vogelbeobachtung (dazu der Hinweis auf ein Sachbuch, das ich gerade lese: „Das Prinzip Natur“ von Richard Louv, Besprechung folgt). Jonathan Franzen geht auch in seinen Essays auf die Vogelbeobachtung ein: In „The Chinese Puffin“ schildert er seine zum Teil skurrilen und ernüchternden Erlebnisse beim Birdwatching in China. Ein chinesischer Birdwatcher namens Zhou fasst seine Intention zusammen: „I want to teach people that birds are their natural wealth, and I want to promote ecotourism as an alternative livelihood“. Das Naturschutz auch in China von großer Aktualität und Notwendigkeit ist, zeigten die Nachrichten der letzten Wochen über enorme Luftverschmutzung und Smogwolken in Peking.

Was des weiteren mehrere Essays kennzeichnet, sind literarische Besprechungen. Über Alice Munro schreibt Franzen in „What makes you so sure you`re not the evil one yourself?“. „The End of the Binge“ befasst sich mit Dostojewskis „Der Spieler“. Für mich noch spannender zu lesen waren die Essays über allgemeinere literarische oder sprachliche Themen wie in „On autobiographical Fiction“, in dem Franzen auf das Kuriosum eingeht, das die Standardfrage von Lesern oft ist, ob jemandes Roman autobiographisch sei. Franzen schreibt darüber sehr unterhaltsam und ironisch und schlägt zudem einen Bogen zu seinem Roman „Die Korrekturen“. Toll zu lesen ist auch sein sprachwissenschaftlicher Kommentar in „Comma – then“.

Was den Essayband von Jonathan Franzen für mich aber endgültig zu einer Bereicherung und einem lesenswerten Buch macht, sind die Essays, in denen er auf seinen Autorenkollegen und -rivalen, auf seinen Freund David Foster Wallace eingeht. David Foster Wallace schrieb u.a. das Mammutwerk „Unendlicher Spaß“ (das ich zur Zeit stückweise lese und erlebe) und beendete sein Leben 2008. Laut der Literaturkritikerin Sigrid Löffler in einem Beitrag in Dradio Kultur (okay, ich mag sie nicht, aber ich zitiere sie trotzdem) „durchwirkt“ David Foster Wallace die Essays in „Weiter weg“. Tatsächlich befasst sich der titelgebende Essay „Farther Away“ mit ihm und der Freundschaft die beide Autoren verband, „David Foster Wallace“ wurde als „memorial service remark“ am 23. Oktober 2008 von Franzen verfasst, gut einen Monat nach Wallaces Suizid. Und dann ist da die Rede, die Franzen 2011 im Kenyon College hielt: „Pain won´t kill you“. Als einleitender Essay ist sie in „Farther Away“ abgedruckt und stellt für mich eine jener Texte dar, die ich am liebsten auswendig lernen und mir immer wieder hersagen würde. Franzen bezieht sich hier auf die bekannte Rede „This is water“ von David Foster Wallace, die er 2005 hielt. „Pain won´t kill you“ kritisiert postmoderne technische Errungenschaften und appelliert an die Erhaltung der moralischen Werte der Zuhörer, nicht zuletzt daran, sich aus den eigenen vier Wänden und vom Blackberry zu lösen und raus zu gehen:

When you stay in your room and rage or sneer or shrug your shoulders, as I did for many years, the world and its problems are impossibly daunting. But when you go out and put yourself in real relation to real people, or even just real animals, there´s a very real danger that might end up loving some of them. And who knows what might happen to you then?

Fazit: Ich liebe die Bücher von Jonathan Franzen!!!

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5 Gedanken zu “Jonathan Franzen: „Farther Away / Weiter weg“, Essays (2012)

  1. Ich habe bereits die deutsche Ausgabe verschlungen, eine Rezension folgt dazu aber erst später, wenn ich Zeit habe, etwas dazu zu schreiben. 🙂 Mich haben seine Essays jedoch auch sehr begeistert und auch aufgewühlt, besonders die, die sich mit Themen beschäftigten, die die Umwelt betreffen.
    Seine Rede hat mir gut gefallen, für mein Empfinden reicht sie jedoch nicht an die von David Foster Wallace heran, die ich als „life-changing“ empfunden habe.

    Ich freue mich, dass dir die Essays von Jonathan Franzen auch gefallen haben. Schwierigkeiten hatte ich lediglich mit dem Interview mit New York, damit konnte ich wenig anfangen. Wie erging es dir damit? 🙂

    1. Liebe Mara, da bist du ja schnell gewesen mit der deutschen Ausgabe, was mich aber kaum wundert, da du ja ein ebenso großer Franzen-Fan zu sein scheinst, wie ich 😉
      Dass dir die Rede von Wallace sehr viel bedeutet, las ich schon an mehreren Stellen heraus. Und ich muss gestehen, dass ich sie noch nicht kenne, sie mich aber sehr stark interessiert. Was hälst du von (Teil-)Veröffentlichungen auf englisch im Internet wie zB hier: http://moreintelligentlife.com/story/david-foster-wallace-in-his-own-words Ich bin da unsicher, handelt es sich um die komplette Rede? Oder ist sie gekürzt / geändert? …
      Tatsächlich fand ich wie du nicht komplett alle Essays überragend (den Anspruch hatte ich aber auch nicht), insbesondere das Interview. Am Ende dachte ich nur: so what? Ich hänge auch schon eine Weile in den älteren Essays „How to be alone“ fest. Wie fandst du diese, wenn du sie gelesen hast?
      Und hast du auch ältere Romane von ihm gelesen? Davon wurde mir nämlich gesagt, die seien enttäuschend, wenn man „Freiheit“ kennt. Freue mich auf einen Franzen-Austausch 🙂 LG Laura

      1. Liebe Laura,
        ja, ich hatte sie hier in meiner kleinen Buchhandlung vorgemerkt und etwas früher erhalten, so dass ich mich sofort darauf stürzen konnte.

        Ich habe mir den Link einmal angeschaut und es scheint sich um die komplette Rede zu handeln. In der KiWi-Ausgabe, die ich habe, gibt es die Rede einmal auf deutsch und einmal auf englisch. Auf YouTube kannst du dir auch Teile daraus anhören, die Links dazu habe ich in meiner Rezension. 🙂 Die Rede bedeutet mir in der Tat sehr viel, da ich sie sehr klug, bewegend und anregend fand. Aus diesem Grund empfand ich ähnlich wie du auch die Anekdoten von Franzen über David Foster Wallace sehr spannend.

        Freut mich, dass es mir mit dem Interview nicht allein so ging. „How to be alone“ habe ich gerne gelesen, da habe ich positive Erinnerungen an die meisten Essays. Auch „The Discomfort Zone“, was ich auf Englisch gelesen habe, hat mir gut gefallen. Über ältere Romane von Franzen hatte ich erst letzte Woche lustigerweise einen kleinen Austausch mit Pia Ziefle auf Facebook. „Die 27. Stadt“ habe ich gelesen, aber es konnte mich wirklich nicht begeistern. Ich brauchte zwei Anläufe und habe mich mehr oder weniger hindurch gequält. „Schweres Beben“ habe ich irgendwann zur Seite gelegt. Ich wollte beide Bücher wirklich mögen können, es ging aber nicht.

        Liebe Grüße
        Mara

      2. Liebe Mara,
        super, danke für das „Checken“ des Links – im Internet kann man ja nie wissen, wie sowas wieder gegeben wird. Dann werde ich mich mal intensiver mit der Rede befassen und dir sicher nochmal etwas dazu schreiben… Ich finde es immer wieder faszinierend, wie Texte einen prägen können oder gar das Leben zu ändern in der Lage sind. Ich hab schon oft darüber nachgedacht, ob es ein Buch gab, dass das bei mir geschafft hat… aber entweder sie wirken im Stillen auf mich oder ich bin DEM Buch oder Text noch nicht begegnet. Mir fällt dann nur ein historischer Roman ein, der mich dazu inspirierte, Kunstgeschichte zu studieren – obwohl das Buch an sich sicher nicht überragend war.
        Bzgl. der alten Romane Franzens habe ich mit Katja neulich schon festgestellt, dass es dann interessant bei ihm ist, wie er sich offensichtlich weiterentwickelt literarisch. Je mehr er schreibt, umso besser werden seine Bücher? Dann darf man ja gespannt sein, was noch kommt 😉 Das müsste man mal literaturwissenschaftlich untersuchen, meinte Katja. – Jedenfalls weiß ich so, dass ich die alten Romane nicht dringend lesen „muss“, auch gut 😀
        Beste Grüße, Laura

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