Der philosophische Mittwoch und Descartes Meditationen

Descartes_Meditationen_ReclamWürde mir jemand im Wachen ganz plötzlich erscheinen und gleich wieder verschwinden, ganz wie im Traum, nämlich ohne daß ich merkte , woher er gekommen oder wohin er gegangen, so würde ich mit Recht meinen, das sei ein Gespenst oder ein Wahngebilde meines Gehirns statt ein wirklicher Mensch. Begegnen mir aber solche Dinge, bei denen ich deutlich bemerke, woher sie kommen, wo sie sind und wann sie sich ereignen, steht ihre Wahrnehmung durchaus in stetigem Zusammenhang mit meinem ganzen übrigen Leben, so weiß ich gewiß, daß ich dabei nicht träume, sondern wache. Habe ich dann noch alle Sinne, das Gedächtnis und den Verstand angerufen, um jene Wahrnehmungen zu prüfen, und hat keiner von ihnen mir etwas vermeldet, was mit den andern in Widerstreit steht, so darf ich nicht den geringsten Zweifel mehr an ihrer Wahrheit hegen. Denn da Gott kein Betrüger ist, folgt, daß ich in solchen Fällen überhaupt nicht getäuscht werde.
Allerdings bleibt uns im Drang der Geschäfte nicht immer die Zeit zu einer so genauen Prüfung, deshalb muß ich gestehen, daß das menschliche Leben im Bereich der einzelnen Dinge oft Irrtümern unterliegt, ich muß die Schwäche unserer Natur anerkennen.

René Descartes: Meditationes de Prima Philosophia. ( Lateinisch/Deutsch) Reclam Stuttgart 2001

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s