Wilhelm Genazinos ironische Liebeserklärungen an das Gewöhnliche

In der linken Augenbraue eines Kindes entdecke ich ein winziges Brotkrümel.. Ein Brotkrümel in einer Kinderaugenbraue! Dieses Detail treibt mir eine verschwindend kleine Menge Tränenflüssigkeit in die Augen. Ich genieße diese Augenblicke, obwohl ich gerade neben einem Verkaufsstand für Babynahrung stehe und mich der Geruch der Babynahrung ein bißchen ekelt. Unter dem Eindruck des Ekels verstummt meine Innenwelt, was selten genug geschieht. Ich weiß seit langer Zeit, daß es eine Art von Glück ist, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, was man sagen oder denken soll.“

(aus: Mittelmäßiges Heimweh)

Es wiederholt sich immer wieder in den Romanen Genazinos; ein Mann mittleren Alters stromert so durch sein Leben, durch den Alltag, liegt auf dem Bett, betrachtet seine Socken oder das Licht oder eine Zigarette. Irgendetwas passiert, aber es ist kein hollywoodreifes Spektakel was entsteht, nichts schlägt ins Drama um; es ist schlimm, jemand verliert ein Ohr oder seinen Job, aber so ist es nunmal, das Leben.

Ich mag Genazinos Beschreibungen voller Nüchternheit und ohne Spektakel sehr. Sie sind wie ein Blick in den Sternenhimmel, der einen beruhigt und zeigt: So ist es eben. So ist es und du kannst es nicht ändern. Oder doch? Genazino

In Genazinos Roman „Mittelmäßiges Heimweh“ verliert Dieter Rotmund erst ein Ohr, später einen kleinen Zeh. „Wie Genazino erklärt sind die abfallenden Körperteile eine „symbolische Instanz“, die ihm helfen eine schwer greifbare Unzufriedenheit vieler Menschen zu fixieren. Eine solche Unzufriedenheit ist nicht zu erklären und bleibt letzten Endes ein Rätsel.“ Darüber hinaus stellt er fest, dass seine Gefühle nur noch mittelmäßig sind und er verabschiedet sich aus seiner gescheiterten Ehe. Doch obwohl man diese Geschehnisse dramatisch aufbauschen könnte, geht es hier um etwas anderes: Im Mittelpunkt steht die Alltäglichkeit, das Gewöhnliche, die kleinen Dinge im Leben.
Aus ihnen heraus entstehen den Protagonisten nicht selten Epiphanie-Momente¹. Und doch kommen auch sie leise daher, diese Epiphanien. Die Protagonisten sind zeitgenössische, präzise beobachtende Flaneure, die das Leben auf sich regnen lassen. Sie reflektieren über die Liebe, (z.B: wie es ist, zwei Frauen zu lieben und mit ihnen zu leben, in: „Die Liebesblödigkeit“, 2005) und über Arbeit und das Leben als Angestellter (das bekannteste Beispiel ist die Trilogie „Abschaffel“, 1977), über Gewöhnlichkeit und den Tod („Die Liebe zur Einfalt“, 2009). Absoluter Hauptgegenstand der Betrachtungen ist dabei immer das Gewöhnliche, sodass Genazino in seinen Romanen ein beeindruckend scharfes Gesellschaftsbild entwirft.

Da diese Betrachtungen vor allem durch ihre Genauigkeit bestechen und mit Skurrilitäten oder Absurdem angereichert werden, gelingt es dem Autor, den Leser dennoch zu fesseln. Man liest und ist erstaunt, wie viel man wiedererkennt aus dem städtischen Leben um einen selbst herum, und wie zauberhaft dies alles sein kann. Darin, so meine ich, liegt Genazinos besonderes schriftstellerisches Vermögen: Er entwirft Liebeserklärungen an das Gewöhnliche, ohne die oft nötige Ironie fehlen zu lassen. Man bekommt einen anderen Blick auf den Alltag, wenn man Genazino liest.

Bevor ich mich ins Bett lege, schaue ich vom vorderen Zimmer noch einmal auf die Straße hinunter. An der gegenüberliegenden Hauswand sehe ich einen kleinen Jungen. Er ist von einer kleinen Pfütze gefesselt, in die zu treten er sich offenbar nicht traut. Magda kommt nicht. Ich lege mich in das für sie hergerichtete Bett, ich schaue in dem für Magda aufgeräumten Zimmer umher und spreche der Umgebung meine allgemeine Anerkennung aus. Liegend finde ich, daß der, der hier lebt, wohl lebt, und ich beneide ihn ein wenig um seine Gelassenheit und um sein Verstecktsein. Ich liege still, ich trinke ein paar Schlucke Wein und denke: So müßte man immer leben dürfen.“

(aus: Die Liebe zur Einfalt)

Man kann natürlich kritisieren, dass sich Genazino nunmehr wiederholt. Dass er sich „auf seinen unangezweifelten Meriten ausruhe“ und es sich bei den Protagonisten-Erlebnissen um „gnadenlos banale Observierungen“ handele. Tja, dann zähle ich wohl zu den Liebhabern „großstädtischer Befindlichkeitsprosa“, die, auch wenn die Romane inhaltlich nicht groß variieren, immer wieder mein Interesse wecken.

Wie ist das bei euch? Kennt ihr Wilhelm Genazino? Was habt ihr gelesen? Stört euch das sich wiederholende Muster der nachdenklichen männlichen Protagonisten-Flaneure?

Wilhelm Genazino ist ein 1943 geborener, deutscher Schriftsteller. Er wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und hat zahlreiche Romane und Essays veröffentlicht.

Wer einmal mit dem Autor durch Frankfurt spazieren möchte, kann das hier tun 🙂

1) Über Epiphanie bei Genazino schreibt Alexandra Koch hier anschaulich und erhellend.

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8 Gedanken zu “Wilhelm Genazinos ironische Liebeserklärungen an das Gewöhnliche

  1. Aaaabend …=) Wie du vielleicht noch weißt, habe ich ja letztes Jahr „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ gelesenen, nachdem du mir oft von Genazino erzählt hattest. Und ich mochte es sehr. Hier geht es um das Kleine im Großen, um das alltäglich Absurde und ja, auch ich erkenne durch die Augen des Erzählers viel wieder von meiner Großstadtbeobachtung. Obwohl ich mich nicht mit einem älteren Mann identifizieren kann, ist es mir menschlich einfach nach. Ich denke nicht, dass das rein männliches Beobachten ist. Ich kann mich da auch hineinversetzen – das vermag Genazino durch seine Sprachbilder, lakonischen Beschreibungen, durch seine plötzlichen seltsamen Ausfälle, die verstören, wenn auch im Kleinen. Das ist sehr interessant. Ich kann nicht beurteilen, ob es mich langweilen würde, mehr Bücher zu lesen, die ähnlich dieses Thema auffassen, einen ähnlichen Protagonisten. Ich mag auch das Philosphische an seinen Texten, das Nachsinnen über einen Wespenflug anhand des Vorbeifliegens der Wespe, der zum Bild für die Zukunft avanciert. Es ist meiner Meinung nach eine Gabe in solch eine Wahrnehmung tauchen zu können und diese auch in anspruchsvolle Wort zu kleiden. „Großstädtische Befindlichkeitsprosa“ ist nicht unbedingt etwas schlechtes *zwinker* Ich möchte mehr Genazino lesen, wenn ich deinen Stapel sehe, bleib ich einfach mal ne Woche bei dir und les Genazino.

    1. Was für eine reizende Idee! Das kannst du sehr gern machen; meine Genazino-Bücher und ich würden uns freuen 😉 Ja, sie haben sich so angesammelt, weil ich, nachdem ich ihn über „Die Belebung der toten Winkel“ kennenlernte, so begeistert war. Bei mir ist das immer mal wieder so, dass ich denke: Jetzt hab ich mal wieder Lust, einen Genazino zu lesen. Wenn das bei dir zeitnah auch so ist und du nichts anderes mehr vorhast, sag Bescheid.

  2. Liebe Laura,
    ich bin ein großer Fan von Genazino und mich stören die leisen doch so eindringlichen Geschichten nicht.
    Wiederholen sie sich tatsächlich? Der Protagonist ist meistens ähnlich angelegt aber er erlebt doch immer wieder neue, bemerkenswerte Dinge.
    Genazino geht den menschlichen Befindlichkeiten auf den Grund. Diese Befindlichkeiten über die sich die wenigsten trauen nachzudenken und die ein unangenehmes Gefühl hinterlassen.
    Ist nicht jeder von uns ein wenig in den Hauptpersonen enthalten?
    Wer war noch nie unzufrieden?
    Wer wollte noch nie ein anderes Leben?
    Diese absolute Ehrlichkeit gepaart mit Humor ist für mich große Literatur!
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

    1. Liebe Susanne,
      wie schön, auch in dir einen weiteren Genazino-Liebhaer zu wissen!
      Mit Wiederholung meine ich mehr das Grundschema des nachdenklichen Flaneurs. Das eigentliche Buchthema variiert ja schon, mal geht es um einen Angestellten, mal um einen Schriftsteller, dann ist der Protagonist ein Controller und sie erleben verschiedene Dinge, stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen.
      Insofern hast du natürlich Recht, man kann das auch gut auf eigene Wahrnehmungen und Unzufriedenheiten beziehen. Was ich besonders schön finde in deinem Kommentar, ist der Hinweis darauf, dass Genazino Befindlichkeiten anspricht, über die viele eben nicht nachdenken oder sich nicht nachzudenken trauen (weil es unbequem ist). Seine Bücher können da Anregung geben (und Mut machen).
      Auch dir einen schönen Tag mit viel Sonne 🙂
      LG Laura

      1. Ja, das finde ich auch. Ich kenne aber auch einige, die es nicht ertragen können, ihn zu lesen, weil es zu schmerzhaft für sie ist.
        Ich finde manche Stellen unglaublich komisch, z.B. das Seminar zur Apokalypse in der Schweiz …. es ist so brilliant böse geschrieben und passt hervorragend in unsere Gesellschaft der freischaffend Tätigen, egal ob sie zeichnen, coachen, Sprachkurse anbieten etc ….
        Ich denke, Genazino gehört sogar zu meinen Lieblingsautoren…
        Nun ist der Abend schon gekommen und ich habe noch einiges zu erledigen…. lG 🙂 Susanne

  3. Also ich habe vor gut einem Jahr „Ein Regenschirm für diesen Tag“ gelesen und konnte meinen Eindruck in ein einziges Wort fassen: Fad.
    Vielleicht war dass Buch nicht der beste Einstieg in das erzählerische Werk Genazinos, über das ich immer so viel begeisterte Stimmen lese oder höre, aber bislang hat es mich noch nicht gereizt, mich noch einmal an ihm zu versuchen.
    Bislang, denn dieser Post stellt doch eine sehr gelungene Aufforderung dar 🙂

      1. Freut mich, dass mein Post eine gelungene Aufforderung, Genazino zu lesen, für dich darstellt. Vielleicht gibst du ihm doch noch mal eine Chance? Die Romane lesen sich ja recht schnell. Natürlich ist der Eindruck am Ende immer subjektiv. Dem einen erscheint es fad, dem anderen epiphanisch und inspirierend… Da sich die Bücher ähneln, weiß ich gar nicht recht, welches das Beste zum Einstieg ist. Mir hat eigentlich bisher „Die Liebesblödigkeit“ und „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ am besten gefallen. Meld dich gern, wenn sich dein Eindruck verstärkt – oder revidiert 🙂

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