Dialog @bout Elisabeth Rank: „Bist du noch wach?“ (2013)

Wir sind aneinandergewachsen, eigentlich ganz organisch damals. Vielleicht kennt es gar nicht anders, vielleicht weiß er nicht, wie es ist, nur mit sich selbst zu sein und dass Kälte nicht Kälte, sondern Abwesenheit von Wärme ist. Ich drücke die Zigarette aus und drehe mich auf die Seite, während es leise gegen meinen Bauch schnurrt. Man kann nicht mehr als sich selbst verlangen. Der Rest ist Bonus.

Elisabeth Rank ist Ende zwanzig, lebt und arbeitet in einer PR-Agentur in Berlin. Rea ist Ende zwanzig, lebt und arbeitet in Berlin in einer PR-Agentur.

Rea ist die Hauptfigur von Elisabeth Ranks zweitem Roman, die Parallelen sind unbestreitbar. In „Bist du noch wach?“ berichtet Rea in der Ich-Perspektive mitten aus ihrem Leben im bunten, wilden großstädtischen Berlin. Sie lebt in einer WG in Kreuzberg mit ihrem besten Freund Konrad, Pelle und der Katze. Während ihr Vater auf der Intensivstation liegt, bröckelt die Beziehung zu Konrad, die vielleicht mehr ist als nur Freundschaft. Reas Leben in Berlin besteht aus After-Work-Partys in Berliner Szene-Startups, flüchtigen Bekanntschaften und eher losen Männerbeziehungen. Freundschaft erscheint als einzige Konstante in ihrem eher dahin plätschernden Leben. Der Roman dreht sich um das Großstadtgefühl, die Erkenntnis, das alles irgendwann ein Ende hat und die Frage, ob Freundschaften vielleicht unsere modernen Ersatzfamilien sind…

Katja: Zunächst fand ich den Roman ganz unterhaltsam und interessant, aber er hat mich nicht derart gepackt und überzeugt, muss ich sagen … Ich habe in einem Interview mit der Autorin gelesen, dass sie eigentlich immer davon schreibt, was sie kennt, weil sie das am besten kann. Leider merkt man das dem Roman auch an, da er wenig experimentell ist … Siehst du das anders?

Laura: Das ging mir genauso. Ich hatte Mühe, die Erzählerin mit der Autorin „auseinander zu halten“, obwohl das beim Lesen fiktiver Romane ja wichtig ist. Es gibt viele Parallelen und der Roman ist sehr nah am großstädtischen Leben dran. Das kann ein Vorteil sein, aber mir hat das Buch dadurch auch nicht „viel gegeben“. Es hatte keine Höhepunkte in dem Sinne bzw. der den es gibt, kommt gleich am Beginn und man muss sich als Leser erst dahin lesen um nachzuvollziehen, wie es dazu kam. Oder fandest du die Szene am Anfang passend als Einleitung?

Katja: Überhaupt nicht. Ich hab mich gefragt, was das soll und wo sich die Figur gerade befindet. Der Anfang gibt nicht unbedingt einen Eindruck vom Verlauf des Buches … Aber ich möchte auch betonen, es ist kein schlechtes Buch, nur es hat mich nicht gepackt und überzeugt. Ich kann auch nicht die Wertung des Klappentextes vom „poetischen und feinnervigen Roman“ so unterschreiben. Die Autorin ist eine gute Beobachterin, schreibt sehr ehrlich und deutlich, man ist sehr bei der Hauptfigur, aber man ist dadurch auch so genervt von ihr. Sie ging mir auf die Nerven. Sie nimmt ihr Leben nicht in die Hand, sie jammert immer nur, aber redet nicht über das, was sie stört, mit den Personen, die es betrifft …

Laura: Genau, ich dachte oft beim Lesen, ich würde Rea gerne schütteln und ihr sagen; „Na dann sprich doch einfach mit ihm über das was dich stört.“ Die Protagonistin vergeht da sehr in Selbstmitleid, fand ich. Wenigstens handelt sie am Ende und ändert was… naja. Dabei geht der ernste Handlungsstrang um ihren kranken Vater fast unter. Ich finde, da hätte der Roman noch Potential gehabt. Wobei ich aber auch keineswegs finde, es sei ein schlechter Roman, er hat durchaus auch Stärken wie die alltagsnahe Beobachtungsgabe der Autorin und ihre Fähigkeit, dies in eindrucksvolle Sprache zu kleiden.

Lisa Rank_Bist du noch wachKatja: Ja, das finde ich auch. Das sehen wir mal wieder ähnlich 😉 Nur die Handlung gibt eben nicht viel her und durch die Perspektivierung findet hier eine starke Identifikation mit der Hauptfigur statt, die man entweder mag oder nicht mag. Wenn man Berlin kennt, ein ähnliches Alter hat und vielleicht auch einer von den vielen ist, die im Bereich Digitales und Neue Medien arbeiten, wird man sich hier wiederfinden. Aber das ist kein Kriterium für ein gutes Buch, sich mit den Figuren und deren Charakterisierung identifizieren zu können. Ein bloßes Gefallen oder nicht sagt ja nichts über die literarische Qualität aus. Auf jeden Fall würde ich als Hauptthema des Buches das Gefühl für den Verlust von Freundschaft sehen, das sich sehr stark in einer lethargischen, melancholischen Grundstimmung zeigt. Man hat das Gefühl alle Figuren sind auf der Suche und fühlen eine Leere, die sich mit flüchtigen Bekanntschaften und schnellen Erlebnissen füllen.

Laura: Alles ist flüchtig in „Bist du noch wach?“ und man merkt deutlich die Sehnsucht nach Beständigkeit bei den Figuren. Besonders, was die zwischenmenschlichen Beziehungen anbetrifft, wird das sehr deutlich. So sagt Rea an einer Stelle „Ich hör schon auf zu glauben, dass immer alles gleich bleiben kann und sofort passieren muss, aber manchmal frage ich mich, ob manches überhaupt noch irgendwann passiert. Oder bleibt. Einfach nur mal so bleibt, wie es ist. Ein paar Sekunden lang.“ Es heißt ja, das sei typisch für unsere Generation der nach 1980 geborenen, der sogenannten Generation Y, zu der wir beide ja auch gehören. Ein Stück weit kann ich das auch nachvollziehen… wie geht’s dir damit?

Katja: Ja, teilweise … Aber ich halte es für schwierig in einem Roman ein Grundgefühl einer Generation hineinlesen zu wollen, das könnte natürlich auch der Eindruck der Autorin sein, dass sie zeigen will, wie ihre Generation lebt … Meine Erfahrungen unterscheiden sich von denjenigen Reas. Aber man kann schon eine Tendenz zu flüchtigen Bekanntschaften feststellen, denn genau wie sich das Arbeitsleben beschleunigt und verflüchtigt, so auch die Beziehungen, die man knüpft. Dadurch entsteht auch die Sehnsucht nach dem Vertrauten und Beständigen, die man vielleicht gar nicht zugeben will, weil es diese traditionellen eher bürgerlichen Werte in der hippen Großstadt als uncool gelten.

Laura: Den Eindruck hab ich hier auch oft. Das scheinen Werte zu sein, die viele teilen, die aber bei manchen noch nach außen hin als zu spießig gelten. Dabei füllt einen das ewig Flüchtige und Unverbindliche auf Dauer nicht aus, denke ich persönlich…

Man denkt wirklich, dass diese Stadt zu groß ist für das Gefühl einer Umarmung. Und doch kommen alle immer her, um gefunden zu werden. Und am Ende ist es genau so, dass du sie nicht mehr loswirst, die Stadt nicht und den Rotz nicht, und am Ende erzieht sie dich, weil dich immer wieder geraderückt.

Katja: Und da sind wir beim Thema Großstadt und Berlin-Gefühl … Der Roman beschreibt viel, was ich so in Berlin beobachte, aber ich selbst und meine Freunde leben anders, eher in festen Beziehungen mit Kindern. Ich finde, eine Stadt wie Berlin ist so vielseitig und jeder nimmt dies anders wahr. Gerade Berlin ist nicht nur so oder so, es kann laut sein und wild, aber auch sehr leise und familiär … Kann man in einem Roman dieses Gefühl vermitteln? Er könnte es, wenn die Autorin auch andere Figuren in Beziehung gesetzt hätte, zum Beispiel eine junge Familie, wo beide arbeiten und ein zu plötzlichem Babyglück gekommen sind … Dann hätte man Berlin eher zeigen können. Weißt du, was ich meine?

Laura: Schon, ja. Ich finde der Roman vermittelt dieses Gefühl des Unverbindlichen, aber weniger die Vielfältigkeit. Heiraten bzw. die Gedanken darum werden ja am Rande auch thematisiert, aber nicht im Detail. Was natürlich nicht heißt, dass Heiraten Berlin-typisch wäre 😉
An sich finde ich den Roman nett zu lesen und auch sprachlich eindrucksvoll. Allerdings kommt es mir ein bißchen vor als würde man Zuckerwatte essen; man liest und vieles ist durch die Sprachverwendung vielleicht ein wenig aufgebauscht, doch der Eindruck verflüchtigt sich ganz schnell wieder und es bleibt nicht viel. Ist dir im Nachhinein was geblieben?

Katja: Ich habe mich am Ende gefragt, warum hat Elisabeth Rank dieses Buch geschrieben. Um für sich eigene Erlebnisse und welche aus dem Freundeskreis zu verarbeiten, darzustellen … Wenn ich in zehn Jahren das Buch in meinem Bücherregal sehe, wird wohl nicht mehr viel bleiben, außer dass ich mich an Berlin erinnere. Das kommt natürlich auch daher, dass ich im ähnlichen Alter der Autorin und Hauptfigur bin und seit paar Jahren in Berlin lebe und im weitesten Sinne in einer ähnlichen Branche arbeite … Ich habe nicht unbedingt die Lust, mehr von Elisabeth Rank zu lesen, wohl wäre es interessant, sie traue sich mal zu, mehr aus ihren Figuren zu machen und experimenteller zu schreiben und eine Handlung zu wählen, die ihr eher fremd ist …

Laura: Mal sehen wohin die Autorin sich noch entwickelt.

Link zum Blog der Autorin

Elisabeth Rank: Bist du noch wach?, Roman 2013, erschienen im Berlin Verlag.

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13 Gedanken zu “Dialog @bout Elisabeth Rank: „Bist du noch wach?“ (2013)

  1. Da ist er ja wieder, Euer Bucbesprechungsdialog. Und Ihr scheint Euch auch ziemlich einig zu sein über die Einschätzung des Romans: ganz viel Großstadt-, also Berlin-Atmosphäre, ganz viel Generationserfahrung. Und vielleicht spielt ja auch die Arbeitsumgebung – PR-Agentur mit Menschen, die einen entsprechenden Lebensstil pflegen, noch eine Rolle. Also mehr ein ethnologischer (:-)) Roman.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Hey Claudia – ja, diesmal waren wir uns sehr einig. Ob dies ein ethnologischer Roman ist … naja, weiß ich nicht, Aber ich denke, er hat eine gewisse Zielgruppe und bricht diese direkt an. Alle anderen werden sich darin nicht wiederfinden und ich denke, dann auch nicht sonderlich unterhalten werden … Es bleibt letztlich nicht so viel … LG von Katja

  2. Hallo Mädels,
    ich kann euren Leseeindruck fast eins zu eins teilen. Dieses permanente In-sich-hinein-horchen, diese wunde Überempfindlichkeit, dieses herzschmerzige Sezieren der eigenen Gefühlswelt – das ist vielleicht zu peinlich nah an unserer eigenen postpubertären Mid-Twenty-Crisis dran, um noch einmal durch eine Romanheldin daran erinnert zu werden. Wer bereits im eigenen Leben angekommen ist, glücklich, demütig und krisenerprobt, der kann mit einer Figur wie Rea wahrscheinlich nicht mehr viel anfangen.

    Ich habe in einer Rezension auf Laxmag.de für mich den perfekten Satz gefunden, der dieses Buch zusammenfasst: „Es ist wichtig, für Bist du noch wach? von Elisabeth Rank in der richtigen Stimmung zu sein. Ist man es nicht, kann es sich so anfühlen, wie die richtige Musik im falschen Moment“. Word! Bezeichnend ist ja auch, dass dem Roman eine Songzeile von Ranks Lieblingsband The National vorangestellt ist. Das ist rotweingeschwänkerter, durchnächtigter Gitarrenpop, der zwar eine wunderschöne Melancholie zeigt, leider aber nur diese EINE Emotion kennt und sonst nichts anderes. Das ist zum Leben und zum Lesen ein bisschen wenig.

    Lg, Karo

    1. Hallo Karo, dein Resümee kann ich vollends teilen. Mehr gibts dazu nicht zu sagen. Aber ich denke noch mehr, dass es nicht nur auf die Stimmung ankommt, sondern auch auf die Erfahrungen. Ich denke nicht, dass ich in ein paar Wochen oder Monaten eher in Stimmung für dieses Buch sein werde. Dieses Buch hängt sehr an der Autorin und ihrer Erlebniswelt, das ist einfach spürbar und genau das reicht eben nicht aus für gute, faszinierende Literatur und leider auch nicht für intelligente Unterhaltung mit Anspruch … Gute Nacht von Katja

  3. Eure Argumentation – und auch die von Karo – kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber wer weiß, vielleicht würde ich trotzdem eine andere Leseerfahrung machen als ihr, da mir dieses Flüchtige, Unbeständige, Unentschiedene durchaus bekannt ist, auch in meiner derzeitigen Lebenssituation. Angekommen bin ich jeweils noch nicht – möglicherweise bin ich also eine dieser Personen, die Lisa Rank mit ihrem Roman anspricht.
    Und wie ist es mit der Sprache? Ist sie nicht ungewöhnlich, poetisch, berührend genug, dass man über diese Dinge hinwegsehen kann? Manchmal gibt es ja diese Fälle: Die Geschichte ist im Grunde nichts Einzig-, nichts Neuartiges, wurde schon unzählige Male erzählt, aber dann gibt es da eine ganz besondere Sprache, einen ganz besonderen Stil, der das Buch trotzdem zu einer lohnenswerten Lektüre macht. Da geht es nicht mehr so sehr darum, was erzählt wird, sondern vielmehr darum, wie es erzählt wird. Kennt ihr das?
    Jedenfalls werde ich mir jetzt nach eurer Besprechung überlegen, ob das Buch weiterhin auf meiner Wunschliste bleiben wird…

    1. Auch ich kenne das Unbeständige und Unentschiedene, ewig Flüchtige, das Rank beschreibt durch ihre Figuren. Es übt zudem eine Art melancholische Faszination auf mich aus. Dennoch konnte mich der Roman nicht für sich einnehmen.. aber das schließt natürlich nicht aus, dass es dir anders geht 🙂
      Die Diskussion um die Sprache, die einen inhaltlich vielleicht dürftigeren Roman aufwiegt und verbessert, kenne und verfolge ich seit geraumer Zeit bei dir und auch Mara… Manchmal ist es ja tatsächlich so, dass die Sprache so umwerfend ist, dass sie einen mitnimmt und verzaubert, egal was das Buch sonst so hergibt. Hier hat mir das aber nicht gereicht, um in meinen Augen ein wirklich gutes Buch zu erzeugen. Klar, es gibt sie, diese tollen Textstellen, die man sofort abschreiben und sich merken möchte. Die Sprache ist zweifellos bemerkenswert in „Bist du noch wach“. Und doch, wie ich es im Dialogue versuchte in ein Bild zu packen: es kommt mir vor wie Zuckerwatte essen. Der süße, sinnenreiche Eindruck verflüchtigt sich bereits auf der Zunge – und es bleibt zu wenig.

      1. … ein sehr schönes Bild übrigens, das du da gefunden hast. Dann war die Sprache wohl nicht stark genug. Schade. Sollte das Buch dennoch irgendwann in meine Hände fallen, lass ich euch an meinen Eindrücken teilhaben. Gute Nacht!

    2. Dazu würde ich gern noch anmerken, dass wir uns darüber verständigen, was denn Poesie sein und welche Art von Sprache du als „poetisch“ beschreiben würdest? Elisabeth Rank ist eine gute Beobachterin und findet an manchen Stellen interessante Bilder und Umschreibungen für emotionale Zustände, sie hat eine sehr dingliche Sprache und man merkt teilweise, dass sie nach substantiellen Metaphern sucht einem eigentlich kleinen Ereignis eine große Bedeutung zu geben. Das wirkt mir dann zu adverbial und metaphern-überfrachtet und dann eben teilweise zu viel, für meinen Geschmack. Ich habe einen großen Anspruch, wenn ich Sätze als poetisch bezeichne. Else Lasker-Schüler ist für mich poetisch: „Deine Seele, die die meine liebet
      Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet“ und so weiter …
      Und nein, es reicht bei einem Roman nicht, nur sprachlich gut zu sein, ein Roman beinhaltet und entwickelt eine Geschichte, daher ist er größer angelegt. Er sollte ein Figurenensemble beinhaltet, das eine Entwicklung durchläuft, er besitzt eine Struktur, Perspektivität – ein Innen und Außen. Und wenn ich einen Roman bewerte, dann nicht nur die Sprache und den Stil, sondern seine Gesamtheit. Dieser kann sehr subjektiv wahrgenommen werden, ja, der eine mag schwülstige Metaphern und traditionelle Erzählhaltung, manch anderer mag härtere Formulierungen, klare Bilder, schnörkellose Wortflut … Darüber kann man sich dann streiten, und Poesie ist die geeignete Form, zu zeigen, wie gut man mit Sprachbildern umgehen kann und ob diese auch losgelöst noch die Kraft haben, zu wirken … Wieso schreibt sie dann einen Roman? …

      1. Liebe Katja,
        die Frage, was Poesie ist, ist hoffentlich eine rhetorische. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er einen Stil als poetisch empfindet oder nicht, das ist eine vollkommen subjektive Einschätzung. Wenn ich euch also frage, ob denn die Sprache in Ranks Roman nicht poetisch genug war, um über den schwachen Inhalt hinwegzutäuschen, dann meine ich natürlich nicht meine Definition von „poetisch“, sondern das, was ihr – jede von euch beiden – darunter versteht. Insofern müssen wir uns nicht erst über eine Definition einigen, um darüber sprechen zu können. Das nur als Anmerkung zu deinem ersten Satz, die aber ohnehin hinfällig ist, da ihr ja bereits beide sehr klar auf meine Frage geantwortet habt ;).

        Und was den zweiten Punkt betrifft, so bin mir noch schlüssig. Es gibt Romane, die erzählen nichts Neues. Aber sie erzählen es auf neuartige Weise, und das macht sie so spannend. Da stehen dann für mich die Sprache / die Form / die Erzählstruktur über dem eigentlich Erzählten, nicht immer sind Stil und Inhalt gleichwertig für mich. Sicher, ganz ausblenden kann ich die inhaltliche Ebene nie: Es gibt immer eine Geschichte, und es gibt immer Figuren, die denken, handeln, sich entwickeln. Aber manchmal stehen sie (für mich) einfach nicht im Vordergrund, manchmal sind sie so unscheinbar, so trivial oder so wohlbekannt (weil man meint, ihnen schon unzählige Male begegnet zu sein), dass nicht sie das Besondere an dem Text sind. Das Besondere ist dann die Sprache. (Und wenn es nicht einmal die Sprache ist, dann handelt es sich um ein langweiliges Buch 😉 ). Was ich damit sagen will: Manchmal gibt es Bücher, deren Geschichte nichts Besonderes oder aber verstörend, abstoßend oder ärgerlich ist – und die mich trotzdem beeindrucken und nicht loslassen, weil sie so brillant geschrieben sind. In diesen Fällen drängt sich die Sprache vor den Inhalt, und ich kann das Buch als gut empfinden, auch wenn ich mit der Geschichte nicht viel anfangen konnte. Bist du noch wach? scheint nicht so ein Buch zu sein.

        Herzlich,
        caterina

  4. Ich würde mal sagen, dass die Frage, was Poesie sei auf jeden Fall ihre Berechtiung hat und ja, ich verständige mich gern darüber und sehe das wie du – sie ist absolut subjektiv, aber wohl zu begründen. Ich habe eben deine Herangehensweise nicht ganz verstanden, wissen zu wollen, ob die Sprache über den Inhalt hinweg“hilft“ das Buch gut zu finden. ich denke immer noch nicht, dass das reicht. Im Übrigen geht es ja nicht immer nur darum einen Roman oder eine andere Textgattung nach dem reinen subjektiven Gefallen zu beurteilen. Wie schon im Dialog gesagt, reicht eine Identifikation mit den Hauptfiguren nicht aus, um die literarische Qualität zu beschreiben und ein subjektives Gefallen ist nicht immer der beste Lehrmeister für eine fundierte Bewertung. Es gibt natürlich jene Leser, die suchen in Büchern nach Identifikation oder Wunsch-Vorstellungen, dann gibt es jene, die achten sehr auf Sprachlichkeit und lassen sich gern auf Experimente ein. Es kommt eben auch auf die Leseerfahrung und die Leseerwartung an. Was wünsche ich mir von einem Roman? Allein eine brillante Sprache wird es nicht sein … Wenn dem so ist, dass ein eigentlich eindimensionaler Inhalt oder Entwicklung das Sujet eines Romans bestimmt, aber eine völlig eigene Sprachlichkeit den Text zu etwas ganz Dichtem und Eigenem macht, so ist das sehr selten … Ich gebe dir Recht, dass das wohl vorkommen kann. Doch es erscheint im Allgemeinen zu inflationär gebraucht.

    Daher würde mich interessieren, bei welchem Titel du genau dieser Meinungs warst – der Inhalt war eher schwar, aber die Sprache brillant. Hast du dafür ein Beispiel? Auch auf die Gefahr hin, das ich den Titel nicht kenne, würde es mich sehr interessieren …

    Ich finde es übrigens sehr interessant, dass sich kaum jemand überschwenglich hier zu „Bist du noch wach?“ geäußert hat oder uns vom Gegenteil unserer Meinung überzeugen wollte … Aber das nur am Rande.

    Herzliches zurück =)

    1. Oh, entschuldige bitte, ich fürchte, ich habe deinen ersten Satz völlig missverstanden. Es klang für mich wie „Einigen wir uns erst mal auf eine gemeinsame Definition von Poesie“, was natürlich nahezu unmöglich ist – mir ist gar nicht in den Sinn gekommen, dass du eigentlich meintest, du willst erst einmal für dich (und mich) deine Definition von Poesie klären, bevor du auf meine Frage antwortest. Verzeihung!

      Und ich glaube, wir sind uns einig, dass Sprache allein nicht reicht, denn dann müsste man – wie du schon sagst – keinen Roman schreiben bzw. lesen. Aber manchmal habe ich eben doch das Gefühl, dass eine kunstvolle, aufregende, andersartige Erzählweise einen Leseeindruck stark beeinflussen kann, auch wenn die Geschichte einen vielleicht nicht so überzeugt/berührt/beschäftigt hat. Es bleibt dann die Erinnerung an ein ganz starkes ästhetisches Erlebnis, während diejenige an den Inhalt verblasst.

      Weil du nach einem Beispiel fragst: Man kann sagen, dass ich ein solches Erlebnis zuletzt bei Clemens Setz‘ Die Frequenzen hatte. Wobei ich gleich vorwegnehmen muss, dass das Problem der Geschichte nicht etwa war, dass sie mir banal oder unoriginell erschienen wäre – das nicht, nein. Sie war nur so komplex aufgebaut und so sehr in sich verschlungen (der Roman erstreckt sich über 700 Seiten), dass ich irgendwann den Über- und Durchblick verloren habe. Und trotz dieses Abstrichs auf der inhaltlichen Ebene war dieses Buch ein ganz besonderes Lektüreereignis für mich, da ich völlig beeindruckt und begeistert von Setz‘ erzählerischen und sprachlichen Kapriolen war. So sehr, dass es für mich das Lesehighlight des vergangenen Jahres war.

      1. Liebe Caterina, ja, es kommt manchmal so leicht vor, wenn man etwas etwas Gemeintes ausformuliert, was der andere ganz anders wahrnimmt. Da habe ich mich wohl auch umständlich ausgedrückt und mich sprachlich vergaloppiert. Jetzt verstehe ich dich besser und das ästhetische Erlebnis kann ich auch gut nachvollziehen, das hast du sehr schön und treffend beschrieben. Wobei man es hier schon mit sehr besonderen Autoren zu tun haben muss und jenes nicht so oft passiert. Du machst mich jetzt auf Clemens Setz neugierig, den ich überhaupt nicht kenne, ich bin keine sonderliche Kennerin der aktuellen deutschsprachigen Autorenszene. So ein ästhetisches Erlebnis habe ich zuletzt bei Flaubert und Sartre gehabt. Gern lass ich mir mehr in dieser Richtung empfehlen 😉 Nun aber eine gute Nacht.

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